Winterthur

Sehen lernen mit Hitchcock

Die Filme Alfred Hitchcocks und das legendäre Interviewbuch, welches François Truffaut ihnen gewidmet hat, nimmt das Kino Cameo zum Anlass einer Filmreihe: eine Seh- und Denkschule.

Meister Hitchcock und sein Bewunderer Truffaut.

Meister Hitchcock und sein Bewunderer Truffaut. Bild: pd

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Ein bedrohlicher Schatten, der einen Duschvorhang aufreisst. Ein Flugzeug, das einen Mann jagt. Auf dem Kinderspielplatz ein Klettergestell voller Vögel. Eine Frau, die vom Kirchturm in die Tiefe stürzt. Die Bilder haben sich eingegraben in unsere Erinnerung. In den nächsten Wochen sind sie auch auf der Leinwand wieder zu sehen, in der Reihe mit Hitchcock-Filmen im Kino Cameo.Dass diese Bilder und die Filme, aus denen sie stammen, Filme wie «Psycho», «North by Northwest», «The Birds» oder «Vertigo», sich derart in unserem kollektiven Gedächtnis verfangen haben und heute als unbestrittene Meisterwerke der Filmgeschichte gelten, ist indes nicht allein das Verdienst jenes Regisseurs, der sie gemacht, sondern auch jenes anderen, der uns diese Filme in ihrem Facetten-Reichtum erschlossen hat. Während Ende der Fünfziger Jahre Alfred Hitchcock in seiner Wahlheimat Amerika vor allem als gewiefter Unterhalter gilt, dem es mit Kino-Blockbustern und seiner eigenen Fernsehshow gelungen sei, sich selbst zur Marke zu machen, erklären ihn die jungen Kritiker der «Cahiers du cinéma» zu einem der grössten Künstler der Gegenwart.

Das beste Filmbuch aller Zeiten

Besonders François Truffaut wird sich dabei als vehementer Hitchcock-Verehrer hervortun, und so macht er sich im Sommer 1962 auf, den Meister in Hollywood zu befragen, «wie Ödipus das Orakel». Ein Interview von fünfzig Stunden soll es werden, in denen Truffaut mithilfe seiner als Übersetzerin fungierenden Freundin Helen Scott (deren wichtige Rolle bis heute gerne unterschlagen wird), Hitchcock über jeden bis dato gemachten Film befragen will.

Das Resultat ist selber mindestens so spannend wie ein Hitchcock-Film und sollte Epoche machen. 1966 auf Französisch veröffentlicht und ein paar Jahre später unter dem Titel «Mr. Hitchcock, wie haben sie das gemacht» auch auf Deutsch, wird das Interview-Buch zwischen Truffaut und Hitchcock bis heute wohl als erstes genannt, wenn man nach dem besten Filmbuch aller Zeiten fragt. Und auch wer sich gar nicht für die Filme Hitchcocks zu interessieren meint, kann kaum eine bessere Einführung in die Cinéphilie kriegen.

Das Buch führt vor, wie man Filme (nicht nur jene Hitchcocks) betrachten und welche Fragen man an sie stellen kann, nach ihrer Technik, ihrer Dramaturgie und auch nach dem, was sie an philosophischen Fragen umtreibt. Das Buch ist nichts weniger als eine Seh- und Denkschule, mit maximalem Unterhaltungswert. Gab es zuvor entsprechende Interview-Bücher nur für Schriftsteller, so machte Truffauts Buch allein schon durch seine Existenz klar, dass das Kino auf eine Stufe mit den etablierten Künsten zu stellen sei.

Filme, die man sich immer wieder ansehen kann

Der fünfzigste Geburtstag des «Truffaut/Hitchcock»-Buches war denn auch Anlass, dass kürzlich der Filmkritiker Kent Jones eigens einen (ebenfalls in der Cameo-Reihe gezeigten) Dokumentarfilm über das Buch und dessen Wirkung auf die Filmemacher der Gegenwart gemacht hat, in dem Regisseure wie David Fincher oder Martin Scorsese über ihre eigene, von dem Buch angestachelte Hitchcock-Obsession berichten.

Wes Anderson erzählt darin, wie das Buch vom vielen Lesen und Herumtragen schon gar kein Buch mehr sei, sondern ein Stapel von losen Blättern. Und so sind auch Hitchcoks Filme solche, die nie ausgelesen, nicht zu Ende geschaut sind, egal, wie gut man sie schon zu kennen glaubt. So achte, wer sich dieser Tage ins Cameo begibt, etwa auf die Farbe Grün in «Vertigo» oder nur auf die Räume in «Marnie» oder schliesse bei «The Birds» die Augen und höre ganz genau zu. Man wird merken: Die Schulung unserer Sinne, die Hitchcock betrieben und Truffaut für uns entdeckt hat, ist noch längst nicht abgeschlossen. (Der Landbote)

Erstellt: 16.08.2016, 14:58 Uhr


Filmreihe «Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?» bis 30.9., Kino Cameo, Lagerplatz 19. – «Hitchcock/Truffaut» wird am So, 21.8., um 11 Uhr gezeigt, anschliessend Gespräch mit dem Filmwissenschaftler Johannes Binotto. www.kinocameo.ch

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