Sommertheater

Sie ging heimlich in den Ballettunterricht

Seit fünfzig Jahren steht Verena Leimbacher auf der Bühne des Sommertheaters. Da kommt einiges an Erinnerungen zusammen.

Verena Leimbacher wusste schon mit zehn Jahren, dass sie auf die Bühne wollte.

Verena Leimbacher wusste schon mit zehn Jahren, dass sie auf die Bühne wollte. Bild: Madeleine Schoder

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Im Programm für das nächste Stück «Wir sind die Neuen» wird Verena Leimbacher in der Rolle der Anna angekündigt. Unter «Kostüme» ist jedoch Verena Rüegg vermerkt. Führen Sie ein Doppelleben?
Nein, nein: Als Schauspielerin heisse ich Verena Leimbacher, das ist sozusagen mein Künstlername. Sonst – also auch als Kostümbildnerin – trage ich den Namen meines Mannes und heisse also Verena Rüegg.

Was ist Ihre erste Erinnerung an das Winterthurer Sommertheater?
Das ist das Vorsprechen beim damaligen Direktor Markus Breitner im Jahr 1969. Es ist mir deshalb so in Erinnerung geblieben, weil es zum Glück eines der wenigen war, die ich durchmachen musste – ich mag es gar nicht.

Um welche Rolle ging es da?
Um keine konkrete, sondern darum, ob man mich generell am Sommertheater wollte. Darauf wurde ich für drei Monate engagiert, und erst dann wurde ich besetzt: Welche Rolle einem zugewiesen wurde, erfuhr man erst auf dem gefürchteten Besetzungszettel, den man mit bangem Herzen erwartete – um dann aufatmend zu sagen: Gott sei Dank, eine kleine Rolle ...

Das war im ersten Stück, bei dem Sie mitwirkten, aber nicht so...
Genau, in «Eine etwas sonderbare Dame» von John Patrick spielte ich ein etwas zurückgebliebenes Kind – und das war tatsächlich keine kleine Anfängerrolle. Aber welche Rolle man erhält, hat nichts mit der Erfahrung zu tun, sondern damit, welcher Typus man ist.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren ersten Chef, den legendären Markus Breitner?
Er war schon streng, aber halt ein Theatermensch durch und durch, der sich um alles kümmerte. Ich folgte ihm dann ja auch ans Stadttheater Chur. Es waren prägende Jahre – nicht nur, weil ich dort meinen Mann kennen lernte, sondern insbesondere wegen der alten Garde im Ensemble: Obwohl ich eine sehr gute Ausbildung genossen hatte, lernte ich dort viel in der Praxis.

Nehmen Sie uns doch einmal mit in die Zeit Ihrer Anfänge in Winterthur.
Damals wie heute hatte das Sommertheater ein sehr gutes Publikum, das hat sich nicht geändert. Aber der Strauss-Garten war noch gekiest und mit Tischen anders möbliert. Zudem hatte es zum Stadtgarten hin noch keine Mauer, sondern nur hölzerne, efeuumrankte Scherengitter, durch die manchmal Zaungäste spähten. Mehr war auch nicht nötig, denn abends war es hier sehr ruhig. Inzwischen ist Winterthur eine grosse Stadt. Mit allem Positiven – und allem nicht so Lustigen. Aber dass das Sommertheater und der wunderschöne Stadtgarten erhalten geblieben sind, finde ich toll.

Wie sind Sie denn überhaupt zum Theaterspielen gekommen?
Ich bin in einer Atmosphäre von Kunst und Kultur und mit Büchern gross geworden. An meinem zehnten Geburtstag lud mich mein Götti zu «Peterchens Mondfahrt» ins Theater ein. Ich war hin und weg und wusste im Bauch und im Herzen: Das ist die Welt, in die ich hineingehöre.

«Es ist schwieriger, in Komödien leicht zu wirken und trotzdem echte Gefühle auszudrücken, als die Menschen zum Heulen zu bringen.»Verena Leimbacher

Wie wollten Sie da hingelangen – und was hielten Ihre Eltern davon?
Zunächst nahm ich hinter dem Rücken meiner Mutter Ballettunterricht. Als sie es erfuhr, hat sie mir die Stunden aber bezahlt. Mit 17 Jahren musste ich aufhören, da ich körperlich zu wenig kräftig war. Danach unterstützte sie mich beim Wechsel zur Bühne: Sie liess von einer Schauspielerin beurteilen, ob ich Talent dafür habe. Nachdem mir dieses attestiert wurde, besuchte ich mehrere Jahre lang Sprechtechnik- und Rollenunterricht. Finanziert habe ich das aber alles selber, als Werkstudentin: Tagsüber hatte ich einen Bürojob, abends und am Wochenende machte ich meine Ausbildung.

Und wie verlief Ihr Einstieg in die Berufswelt?
Dank sehr guter Lehrer bestand ich die staatliche Biga-Berufsprüfung mit Glanz und konnte gleich danach bei Radioproduktionen in Basel mitwirken. 1968 erhielt ich meine allererste Bühnenrolle. Das war mit Margrit Rainer und Ruedi Walter im Mundartstück «Guet Nacht, Frau Seeholzer», mit der ich zwei Jahre auf Tournee war.

Welche weiteren Stationen folgten?
Auf Chur folgten Tourneen mit Jörg Schneider, Paul Bühlmann, Schaggi Streuli, danach war ich in Solothurn, Bregenz sowie am Atelier-Theater Bern. In Düsseldorf spielte ich zwar auch noch, aber aus familiären Gründen wollte ich nie lange weit weg sein.

Fünfzig Jahre später: Was war rückblickend Ihre Lieblingsrolle?
Ach, da gab es viele! Da ich eher im klassischen Theater daheim bin, war für mich das Gretchen beglückend, aber auch Ibsens Nora oder die Anna im «Schwarzen Hecht», die ich alle bei Alex Freihart am Stadttheater Solothurn spielen durfte. Ich staune heute noch, was da alles auf mich zugekommen ist: Es war ein reich gedeckter Tisch – alles wurde mir geschenkt, mit nichts habe ich gerechnet.

Wie vertrug sich das ernste klassische Theater mit dem heiteren Sommertheater?
Es ergänzte sich: Früher war der Graben ohnehin nicht so tief, und auch die grossen Häuser spielten regelmässig Komödien. Zudem ist es schwieriger, in Komödien leicht zu wirken und trotzdem echte Gefühle auszudrücken, als die Menschen zum Heulen zu bringen.

In welcher Rolle hatten Sie Ihren grössten Erfolg?
Das weiss ich nicht. Aber etwas, das die Leute wirklich mochten, war der «Schwarze Hecht».

Erzählen Sie uns noch Ihre schönste Bühnenanekdote?
In «Monsieur Chasse oder Wie man Hasen jagt» trug ich uralte, echte Seidenschuhe – ich habe halt gerne alte Sachen, die erzählen so viel. Nach der Vorstellung kam einer unserer Stammgäste zu meinem Mann und sagte: «Das war ja alles toll und wunderbar gespielt – aber da haben Sie Geld: Kaufen Sie Ihrer Frau neue Schuhe!»

Erstellt: 13.08.2019, 18:00 Uhr

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