Kultur

Sie leben im Luxus und wollen unterhalten werden bis zum letzten Adieu

In seinem Dokumentarfilm «Golden Age» wirft der Thurgauer Filmemacher Beat Oswald einen Blick in eine exklusive Altersresidenz in Florida. Der Film ist auch eine Studie über die Werte der heutigen Spass-Gesellschaft.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das erste Bild, strahlend blau, ist irritierend schön. Es zeigt einen alten Mann, der sich in einem Pool treiben lässt. Danach bricht die Kamera auf. Gleitet über marmorne Böden durch endlos erscheinende Korridore. Sie schwebt kreisend durch einen Saal, an mächtigen Polstersesseln, fragilen Beistelltischchen, Vitrinen und Statuetten vorbei. Goldverziertes steht herum, Verschnörkeltes, an den Wänden hängen riesige Spiegel. Alles wirkt edel, prunkvoll, stilvoll-elegant.

«Das Palace ist top of the tops.»Beat Oswald, Filmemacher

Tatsächlich ist das Palace in Color Gables, Florida, dem legendären Hotel St. Georges in Paris nachempfunden, das sich seinerseits am Schloss von Versailles orientiert. Doch das Palace ist kein Hotel, kein Schloss, sondern eine höchst exklusive, moderne Seniorenresidenz – «top of the tops», wie Beat Oswald es formuliert. Der Thurgauer, von der Ausbildung her ein studierter Ethnologe, hat vor zwei Jahren in eben diesem Palace seinen ersten Kinodokumentarfilm gedreht. Er hat diesen mit kleinstem Team realisiert, war selber nicht nur für Regie und Produktion zuständig, sondern auch für den Ton, und Kameramann Samuel Weniger amtiert zugleich als Co-Regisseur.

Das Meiste ist Beobachtung

Gedreht hat man während dreier Monate und war dabei täglich vor Ort. Einiges, etwa die Interviews, wurde arrangiert, Weniges inszeniert, das Meiste beobachtet. Die Insassen, die Angestellten sowie das Betreiber-Ehepaar Helen und Jacob Shaham kommen im Film vor, aber «Golden Age» handelt nicht von ihnen, sondern vom Palace als einem speziellen Ort; in der Machart ist Oswalds Film vergleichbar mit den Filmen von Frederik Wiseman.

Der Trailer zum Film.

So taucht man als Zuschauer ein in diese sehr spezielle Residenz, die Helen und Jacob Shaham und mit ihnen ihre Angestellten in der Überzeugung betreiben, dass Menschen mit dem Übertritt in die dritte Lebensphase nicht zwingend ihren Lifestyle ändern müssen. Wer reich ist, sein ganzes Leben in Luxus verbracht hat, um die Welt jettete, an schönsten Orten in prächtigsten Villen hauste und sich jedes Vergnügen leisten konnte, sollte im Palace solches möglichst auch weiterhin tun können.

So beschränkt sich der persönliche Raum der Insassen zwar auf ein relativ bescheidenes, aber nach eigenem Gusto eingerichtetes Appartement. Darum herum findet sich aber ein Angebot, das vergleichbar ist mit dem eines luxuriösen Kreuzfahrtdampfers. Dass die Tische zum Dinner edel aufgedeckt sind, die Menükarte keine Wünsche offen lässt und in der Küche Spitzenköche stehen, ist so selbstverständlich, wie dass man zum Essen anständig zurechtgemacht erscheint. Ganz zu schweigen von allen anderen Angeboten, zu denen Weiterbildungs-, Sprach- und Fitness-Kurse ebenso gehören, wie Wellness-Angebote. Tagesfixpunkt und zugleich Angelpunkt des Filmes sind die «Happy Hours» mit Live-Unterhaltung, Höhepunkte des Aufenthalts im Palace Geburtstagsfeiern und Dress-Up-Partys mit DJ, bei denen vorübergehend überflüssige Rollatoren achtlos in einer Ecke stehen.

Immer erklingt Musik

Samuel Weniger hat das – oft crazy anmutende, zugleich aber irgendwie auch mitreissende Treiben – mit geschultem Blick für die Schönheit der Architektur und sensiblem Gespür für die Protagonisten eingefangen; Lena Hatebur hat seine Aufnahmen geschmeidig montiert.

Stark geprägt wird «Golden Age» auch durch die Musik, die das Ambiente des Palace prägt (Soundtrack: Marcel Vaid). Bei jeder Gelegenheit erklingt Live-Musik, die von ätherischen Harfenklängen über Easy Jazz und erfrischenden Dancefloor-Mix bis zum melancholischen Trauerlied reicht.

Oswald hat seinen Erstling in behutsamer Annäherung an die Protagonisten gedreht. Obwohl «Golden Age» immer wieder klarmacht, dass hier auch ein Geschäft gemacht wird, vergisst der Film nicht die universellen Fragen des Seins und zeigt, dass das Älterwerden selbst in materiellem Überfluss und mit endlosem Entertainment eine grosse Herausforderung ist.

Ab 12.9. im Kino Cameo auf dem Lagerplatz. – Am 21.9. im Anschluss an den Film Podium «Luxus im Alter» mit Stadtrat Nicolas Galladé, Freddy Stocker, Residenz Konradhof, Elsbeth Wiss, Genossenschaft Zusammen_h_alt, und Regisseur Beat Oswald.

Erstellt: 10.09.2019, 16:47 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!