Justiz

«Sie wusste nicht, dass sie mit ihrem Ehemann keinen Sex haben muss»

Ein Ehepaar stand vor Gericht, es ging um den Vorwurf der Vergewaltigung. Am Schluss resultierte ein skeptischer Freispruch.

Ein Mann stand vor Gericht, weil seine Ehefrau ihn der mehrfachen Vergewaltigung beschuldigte. Die Vorwürfe stritt er vehement ab.

Ein Mann stand vor Gericht, weil seine Ehefrau ihn der mehrfachen Vergewaltigung beschuldigte. Die Vorwürfe stritt er vehement ab. Bild: Keystone

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Auch wenn häufig Aussage gegen Aussage stand, war der Fall eines Ehepaars, der diese Woche am Winterthurer Bezirksgericht verhandelt wurde, ohne Zweifel eine Geschichte grosser Hoffnung und abgrundtiefer Enttäuschung.

Im Zentrum stand ein Paar asiatischer Herkunft, dessen Heirat vor einigen Jahren durch Verwandte eingefädelt worden war. Der Mann, der schon länger in der Schweiz zu Hause war, holte damals seine Frau ins Land nach. Zusammen bewohnten sie eine enge Wohnung im Raum Winterthur und wurden bald auch Eltern eines Kindes.

2018 endete die Beziehung mit einem Knall – es kam zu einem Polizeieinsatz und kurzzeitig wurde die Frau wegen einer Bedrohungssituation aus der ehelichen Wohnung gewiesen, nur um später ihrerseits Anzeige wegen mehrfacher Vergewaltigung gegen den Ehemann einzureichen. Nach Aufenthalten in einer Klinik und im Frauenhaus nahm sich die Frau schliesslich eine eigene Wohnung und lebt nun dort mit dem Kind zusammen.

Die Staatsanwaltschaft glaubte ihre Version der Geschichte und forderte nun vor Gericht 3,5 Jahre Freiheitsstrafe für den Mann und einen zehnjährigen Landesverweis.

Der Mann als «Gott»

Die Frau wurde auch vor Gericht noch einmal befragt, räumlich vom Beschuldigten getrennt. Sie schilderte, mit welch grossen Erwartungen sie einst in die Schweiz gekommen sei. Der für sie ausgewählte Ehemann sei «wie ein Gott» gewesen für sie, alles hätte sie für ihn gemacht. Meistens sei auch der Sex einvernehmlich gewesen, aber dann habe es auch diese anderen Male gegeben.

Insgesamt acht Fälle von Vergewaltigungen schilderte die Frau. Passiert seien sie immer in der ehelichen Wohnung, teils mit der Mutter des Beschuldigten im Nebenraum und in einem Fall nur wenige Wochen nach der Entbindung des Kindes. «Er hat mich missbraucht und verletzt», resümierte sie unter Tränen vor den drei Richterinnen. Sie erzählte auch von Todesdrohungen und Gewalt. Die Anwältin der Frau forderte eine Genugtuung von 35000 Franken.

Auch der Mann erzählte bei seiner Befragung von anfänglichem Glück in der Ehe. Dann sei es bergab gegangen, seine Frau habe sich in der Schweiz schlecht integriert, sei massiv eifersüchtig gewesen und psychisch krank geworden. Zum genannten Polizeieinsatz sei es gekommen, als die Frau während eines Streits mit dem Messer in der Hand damit gedroht habe, sich und das Kind umzubringen. Die Vergewaltigungen und alle anderen Vorwürfe bestritt er vehement.

«Detailarme» Aussagen

Die Staatsanwältin sprach von konsistenten und glaubhaften Aussagen der Frau, der Mann hingegen streite nur alles kategorisch ab, ohne konkreter zu werden. Der Verteidiger des Mannes hingegen schloss sein Plädoyer mit den Worten: «Wenn das eine Verurteilung gibt, dann kündige ich meinen Job und werde Lokführer.» Zuvor versuchte er, die Aussagen der Frau zu zerpflücken: «Eine Vergewaltigung setzt Nötigungshandlungen voraus, solche sind in keinem Fall zu erkennen.» Die Aussagen der Frau seien «detailarm und konfus», so habe sie jeweils nicht angeben können, wie sie sich gewehrt haben wolle. «Völlig widersprüchlich ist zudem, dass es zwischen den angeblichen Vergewaltigungen immer wieder einvernehmlichen Sex gegeben haben soll.»

Die drei Richterinnen sprachen den Mann schliesslich von allen Vorwürfen frei, allerdings mit dem Zusatz «im Zweifel für den Angeklagten». Die Aktenlage, die praktisch nur aus den Aussagen der beiden bestand, lasse es schlicht nicht zu, «sich in der einen oder anderen Richtung eine rechtsgenügende Überzeugung zu bilden». Die Aussagen der Frau offenbarten zwar nur wenig Widersprüche, seien aber insgesamt nicht überzeugend.

Genugtuung von 1000 Franken

«Das Gericht sagt aber keineswegs, dass die Frau gelogen hat», führten die Richterinnen weiter aus. Vielmehr habe sie die Gesetze in der Schweiz wohl schlicht nicht gekannt. «Sie wusste nicht, dass sie mit ihrem Ehemann keinen Sex haben muss, wenn sie es nicht will. Sie hat dies erst im Frauenhaus kurz vor Anzeigeerstattung erfahren.» Dem Mann sprachen sie eine Genugtuung von 1000 Franken zu.

Das Urteil kann ans Obergericht weitergezogen werden.

Erstellt: 16.11.2019, 09:52 Uhr

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