Winterthur

So entfesselt wie expressiv zart

Als Solo-Klarinettist im Musikkollegium ist Sérgio Pires immer wieder präsent. Seine Souveränität als Konzertsolist war nun im Stadthaussaal zu bewundern.

Gefühlsinniger Vortrag: Klarinetten-Solist Sérgio Pires.

Gefühlsinniger Vortrag: Klarinetten-Solist Sérgio Pires. Bild: Herbert Büttiker

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Schweden mit dem Mozart-Zeitgenossen Joseph Martin Kraus, Dänemark mit Carl Nielsens Klarinettenkonzert und Norwegen mit der bekannten Schauspielmusik zu «Peer Gynt» – alles wies vom Programm des Musikkollegiums vom Mittwoch her nach Skandinavien.

Aber Dirigent Christian Arming, der den Abend mit Schmiss und Sentiment virtuos steuerte, stammt aus Wien, und Sérgio Pires, der fabelhafte Solist des Klarinetten-Konzerts aus Portugal. Zusammen mit den Streichersolisten des Orchesters spielte er als Zugabe ein Fado-Arrangement, delikat, traumhaft, hingebungsvoll, eine Reverenz an seine Heimat, die Fernweh nach südlicheren Gefilden auslöste.

Der gefühlsinnige Vortrag war ein umso grösseres Hörglück, als damit auch ein grosser Kontrast zu Carl Nielsens Werk gesetzt war. «Ja, vielleicht habe ich eine gewisse Furcht vor Sentimentalität, sie kann oft – mein Instinkt sagt es mir – den Keim der Fäulnis hervorbringen», gestand dieser in einem Brief . Dass sein 1928 komponiertes Klarinettenkonzert in eine Epoche gehört, die nach neuer «purer Musik» strebte, signalisieren die ersten Takte mit dem gravitätisch fugierten Thema.

Der Solist greift es auf, aber schnell fährt ein wilder Geist in die Klarinette, der es mit Läufen und rasanten Triolen aufbricht. Was Pires im Wechsel von vertrackt virtuosen Passagen und zarter Lyrik bot, verband man dann nicht mit Neobarock. Da zeigte sich die unbändige Energie, die entfesselte musikalische Fantasie eines Komponisten auf der Höhe der Zeit.

Erste Liga

Pires, seit der Saison 2016/17 Solo-Klarinettist, präsentierte sich in Winterthur nicht zum ersten Mal als Konzertsolist, aber das 1928 uraufgeführte Werk ist eine der ganz grossen Herausforderungen. Wie sehr Pires den komplexen Part verinnerlicht hat, war im weiten Atem, in der Stabilität im Ganzen und in der Klangschönheit und expressiven Lebendigkeit des Moments zu erleben.

Da gab es in konzentrierter Dichte die weite Läufe, furiose Kadenzen, schnellen Wechsel zwischen höchster und tiefster Lage, zwischen zarten Linien und wilden Ausbrüchen, und es gab den schillernden Dialog mit dem Orchester, mit dem sich der Solist mit Eigensinn, Widerspruch und Autorität auseinander zu setzen hatte. Auf seine Mitspieler und den Dirigenten konnte sich Pires verlassen, die rückhaltlose wie makellose Bravour seines Spiels konnte sich frei entfalten. Klar, dass er mit diesem Auftritt zur ersten Liga gehört.

Von der herben Tonsprache Nielsens zu Grieg. In seiner Schauspielmusik zu «Peer Gynt» geht es zum Beispiel um «Åsas Tod» und «Morgenstimmung», die alle auf emotionale Szenerien verweisen, und seine Musik ist ja auch gerade wegen der Gefühe, die sie vermittelt, beliebt wie am ersten Tag. Aber es gibt Sentimentalität und Sentiment.

Den Unterschied macht die künstlerische Reinheit des Spiels, wie sie im Musikkollegium gepflegt und gelebt wird. Zu Beginn des Konzert bot es ein Werk aus der Epoche der Empfindsamkeit, die Schauspiel-Ouvertüre zu «Olympie» des Komponisten Joseph Martin Kraus (1756–1792). Dieser liegt mit seinen Lebensdaten nahe bei Mozart, aber auch mit den Mannheimer Erfahrungen und dem Vorbild Gluck.

Bekannt und unerwartet

Die prägnant kontrastierende Aufführung war wohl für die meisten eine Entdeckung, Griegs «Peer Gynt» für viele eine Wiederbegegnung. Allerdings sind längst nicht alle 26 Sätze der Partitur Konzert-Hits und Armings eigene Zusammenstellung von 8 Stücken eröffnete unerwartet allegro con brio mit dem «Hochzeitshof», der in den Suiten fehlt.

Die «Morgenstimmung» liess er dagegen auf «Åsas Tod»folgen, so dass nach dem gedämpften Streichersatz das pastorale Spiel von Flöten und Oboen erst recht von höherer Gnade schien. Neben weiteren solistischen Farben, erwähnt sei nur das köstliche Fagott in der geisterhaften Halle des Bergkönigs, war es die Stunde der vereinten orchestralen Brillanz.

Erstellt: 14.11.2019, 16:16 Uhr

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