Alte Musik

So klang das Musikkollegium bei der Gründung

Die Reihe «Musica Antigua» beschäftigt sich in der neuen Saison mit Musik abseits von Kirche und Hof. Zu Beginn kehrt sie am Sonntag zu den Anfängen des Winterthurer Musikkollegiums zurück.

Das Gesangsensemble Lamaraviglia mit seiner Gründerin Stephanie Boller. Foto: PD

Das Gesangsensemble Lamaraviglia mit seiner Gründerin Stephanie Boller. Foto: PD

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«Wer hat das Musikkollegium 1629 gegründet und was wurde da musiziert?» So fragt die Reihe «Musica Antigua» morgen Sonntag. Und präsentiert dazu – fünfstimmigen Gesang a cappella. Gesang? Ja, das sei ja das Spannende, sagt die Winterthurer Mezzosopranistin Stefanie Boller: «Das Collegium war in den Anfängen eine Gruppe von singenden Männern.» Auch zwei 12- und 15-Jährige seien unter den zwölf Mitgliedern gewesen, für die hohen Stimmen.

Wie es zur Gründung kam, davon wird Boller erzählen. Dazu gibt es Brot und Wein – wie damals in der Pause der Proben. Diese Art von Konzerten, mit Musik und Informationen zu ihrer Entstehung, ist ein Experiment, und Boller ist neugierig, wie es beim Publikum ankommt. Wobei sie überzeugt ist: «So wird es spannender. Es verändert das Hörerlebnis, wenn man etwas über die Musik erfährt.»

Die Reformation war einer der Auslöser

Neugier und Begeisterung strahlen einem entgegen, wenn man sich mit ihr unterhält. Man erfährt etwa, dass die Reformation eine der historischen Ursachen war, die im 17. Jahrhundert zur Gründung der musikalischen Kollegien führten. In den Kirchen stand zunächst das Wort im Zentrum. Folglich mussten für die Musik Orte ausserhalb der Kirchen gefunden werden.

Die Gründungsmitglieder des Musikkollegiums waren indes keine Rebellen, es waren Theologen, Politiker und Handwerker, die zur Elite zählten. Zu Beginn habe man sich als Gruppe getroffen und für sich gesungen. Die Verbindung von Kunstausübung und Geselligkeit war in der Barockzeit verbreitet, man findet sie auch in der Literatur. Später übernahmen die Sänger in der Kirche die Funktion von Vorsängern. Orgeln waren ja keine mehr vorhanden, sie hatten im Zuge der Reformation weichen müssen. Und erst viel später wurde daraus ein Orchester, 1875, damals noch unter dem Namen «Stadtorchester Winterthur».

Gott als Adressat – anstelle des «Schatzes»

Spannend sind auch die Lieder, die das von Boller 2010 gegründete Ensemble Lamaraviglia am Sonntag aufführen wird. Oft handelt es um Werke berühmter Musiker aus der Renaissance wie Orlando di Lasso, die allerdings mit neuen deutschen Texten und geistlichem Inhalt versehen wurden. Kontrafaktur nennt man dieses verbreitete Verfahren. Statt «Ach Schatz, ich thu dir klagen» heisst es dann «Ach Gott, ich thu dir klagen». Einerseits war die Nachfrage nach geistlichen Liedern enorm gross. Andererseits bewunderte man die italienischen und franko-flämischen Komponisten. So war das eine ideale Kombination.

Boller hat die Werke in einer 1621 erschienenen Sammlung namens «Auszerlesene, anmutige, schöne mit kostreichen geistlichen Texten gestellte und colligierte Gesänglein» gefunden. Sie war damals im Besitz des Musikkollegiums, wurde später jedoch verkauft. Nun hat Boller sie, in einer späteren deutschen Edition, in der Universitätsbibliothek Basel aufgespürt (das Original ist verloren): Es ist wohl das einzige vollständige Exemplar, das heisst, es sind alle einzelnen Stimmen vorhanden.

Wobei es sich nicht um eine Partitur handelt: Jede Stimme ist in einem eigenen Buch notiert. Das ist zum Singen bequem; wenn in einer Stimme einmal etwas falsch notiert wurde, wird es allerdings knifflig. Den Weg wies das Wappenbuch des Musikkollegiums in der Sammlung Winterthur – dort sind die Notenbücher aufgelistet – und die zweibändige Geschichte des Musikkollegiums von Max Fehr aus dem Jahr 1929.

Musik der Renaissance ist Kammermusik

Die Sängerin mag an der Alten Musik besonders die Reinheit und das Strahlen der (nicht temperierten) Klänge. Die Musik der Renaissance sei ausserdem immer Kammermusik, bei der die vier bis sechs Stimmen gleichberechtigt nebeneinander stehen. «Ich habe auch sehr gerne Texte», sagt Boller. «Ich erzähle gerne etwas, deshalb bin ich Musikerin geworden.»

«Ein löblich Collegium Musicum»: Musik aus den Gründungsjahren des Musikkollegiums Winterthur. Mit dem Ensemble Lamaraviglia. Sonntag, 20.10., 18 Uhr, Alter Stadthaussaal Winterthur, Marktgasse 53.

Erstellt: 18.10.2019, 13:44 Uhr

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