Musikkollegium

Solistisch brillant

Er ist einer der längst arrivierten Klassikstars und Winterthur musste warten. Jetzt wurde der Cellist Mischa Maisky gleich an zwei Abenden auch hier gefeiert.

Am Cello virtuos: Der Lette Mischa Maisky im Stadthaus.

Am Cello virtuos: Der Lette Mischa Maisky im Stadthaus. Bild: Herbert Büttiker

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Die Haarpracht, sein Markenzeichen, leuchtet weiss im uniformen Schwarz des Orchesters, und jetzt ist er hier. Mischa Maisky war das Ausrufezeichen des Musikkollegiums diese Woche. Saint-Saëns oder Schostakowitsch? war die Frage für die Fans und Musikliebhaber. Denn Maisky bestieg am Mittwoch das französische und am Donnerstag das russische Schlachtross der Cellisten. Bei sonst identischem Programm war das keine ideale Offerte ans Publikum. Für die Abonnenten war die Jahrhundertfrage – 1872 wurde das Konzert des ersten, 1959 das des zweiten Abends uraufgeführt – allerdings freiwillig, und der volle Saal zeigte, dass sich auch viele andere für den Mittwoch entschieden hatten.

Voller Hingabe

Also Saint-Saëns und ein Werk voller leidenschaftlicher Unruhe und Contenance im nostalgischen Takt des Menuetts. Maisky lotete seinen Part intensiv in beide Richtungen aus. Das Konzert bietet alles, womit ein Cellist brillieren kann, und Maisky konnte es. Wunderbar die sonore Tiefe des Instruments, imponierend der weite Lauf hinauf zu höchsten Höhen, voller Hingabe das melodische Spiel und virtuose Handwerk, souverän die chromatischen Doppelgriffe. Nur das Flageolett war ein wenig verschenkt, aber auch die nicht ganz lupenreinen Momente überstrahlte die Intensität, die farbige Expressivität seines Spiels. Dieses beeindruckte auch durch starke Präsenz im herausfordernden Orchesterpart, der auch mit vertrackt durchbrochenen Passagen aufwartet.

Für den begeisterten Applaus bedankte sich Maisky, vom Orchester begleitet, mit der Zugabe von Tschaikowskys lyrisch melancholischem Nocturne, ein liebenswürdiges Stück für Klavier und Violoncello, das der Komponist selber für Orchester bearbeitete.

Restlos einverleibt

Im Rückblick auf das Konzert insgesamt lässt sich nicht von einer Solistengala sprechen. Zu stark waren die Eckpfeiler des Programms und der Eindruck, den das Orchester für sich hinterliess. Zu Beginn präsentierte es noch einmal die für das Musikkollegium geschriebene und im Mai dieses Jahres uraufgeführte Kammersinfonie Nr. 2 von Richard Dubugnon (*1968). Sie bietet eine fantastische Bühne für alle Orchestersolisten vom Fagott bis zur Violine, die frei zu improvisieren scheinen, operiert spektakulär mit Paukengewitter und schmissigem Fugenthema und bezaubert mit dem Spagat zwischen schattenhafter Präsenz des 17. Jahrhunderts und einem unkonventionellen, heutigen Zugriff auf barocke Formen – dies alles erlebte man jetzt als noch konzentrierter und intensiver beleuchtet, sei es, dass das Orchester sich das Stück nun restlos einverleibt hat, sei es, dass das Wiedererkennen beim Hörer die Resonanz verstärkte.

Neu gehört

Dass das Orchester mit Thomas Zehetmair bestens unterwegs ist und Neues zu bieten hat, machte es auch am Beispiel von Beethovens nun wahrlich nicht neuer und geradezu populärer 6. Sinfonie klar. Aber schon die ersten Takte mit der Fermate und dem Halt, als ob man zu vorschnell begonnen hätte und nun sachter nochmals Anlauf nehmen müsste, liessen aufhorchen. Verblüffend im 3. Satz die kleine Kadenz der Trompete, die das Trio beschliesst. Sie steht so nicht in den Noten, aber die Fermate über dem ausgehaltenen Ton kann als Ein­ladung dazu verstanden werden.

Dass Beethoven die Trompete, sonst auch militärisches Signal, erst hier ins Spiel bringt, wird einem so bewusst, und das gibt dem derben Tanz davor und dem Gewitter nach dem «lustigen Zusammensein der Landleute» einen weiteren Sinn, den Zehetmair mit dem brachialen Zweiertakt im Trio, dann mit dem explosiven Orchestertumult und dem Knallen der Pauke – sie hat hier ihren ersten Einsatz in der «Pastorale» – deutlich werden lässt.

Der Bogen von der Idylle durch das Gewitter zur Befriedung im Finale war in dieser Aufführung nicht nur ein Landschaftsgemälde, sondern ein Drama. Sagen wir, Schiller – der Bezug zur Schweiz, der der «Pastorale» mit der Alphornmelodik am Schluss ja auch eingeschrieben ist – würde zur Freiheitsfeier passen. Um so prägnante Visionen umzusetzen, braucht Zehetmair viel Körperarbeit, aber das Resultat faszinierte. (Landbote)

Erstellt: 02.11.2017, 16:30 Uhr

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