Stadtbibliothek

Stoff für mündige Menschen

Dem Original des Monats geht auch im sechsten Jahr seines Bestehens der Stoff nicht aus. Aktuell stehen Enzyklopädien und Lexika im Zentrum.

Zeitreise in vergessene Wissensgebiete: Ein Blick in ältere Lexika bietet ein Vergnügen der besonderen Art.

Zeitreise in vergessene Wissensgebiete: Ein Blick in ältere Lexika bietet ein Vergnügen der besonderen Art. Bild: PD

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Was lesen wir da? «Es ginge ihr noch besser, wenn die Missgunst der Hauptstadt dem Fleiss der Einwohner keine Hindernisse in den Weg legen würde.» Mit «ihr» ist die Stadt Winterthur gemeint, und hinter der «jalousie de la capitale» versteckt sich, wen wunderts, die Kantonshauptstadt Zürich. Gewisse Dinge scheinen sich kaum zu ändern, auf das «kleine» Winterthur fiel schon vor zweieinhalb Jahrhunderten der Schatten des «grossen» Zürich. Das kommt einem in den Sinn, wenn man den fast zwei Spalten füllenden Eintrag zu Winterthur liest, wie er sich im 42. Band der «Encyclopédie ou Dictionnaire universel raisonné» findet. Aber auch Positives, das noch heute seine Gültigkeit hat, wird da angeführt, die Schulen etwa, die «en bon état» seien, die schöne Bibliothek und die bedeutende Münzsammlung. Überhaupt sei Winterthur, vom grossen, reichen Zürich abgesehen, die einzige bemerkenswerte Stadt im ganzen Kanton.

Wegbereiter der Aufklärung

58 Bände umfasst das Werk, aus dem wir zitiert haben; es ist von 1770 bis 1780 in Yverdon erschienen. Der Mann dahinter ist Fortunato Bartolomeo de Felice (1723–1789), eine überaus interessante Persönlichkeit mit bewegtem Leben, das ihn von Italien in die Schweiz und vom Katholizismus zum Protestantismus führte – und zu einem Wegbereiter der Aufklärung in der Schweiz machte. Die Yverdoner Enzyklopädie ist sein Hauptwerk und so etwas wie die protestantische Antwort auf die 1751 begonnene Pariser Enzyklopädie von Diderot und d’Alembert.

Bände aus fünf verschiedenen Lexika liegen als Original des Monats zur Einsicht bereit. Der älteste stammt aus dem Jahr 1775, der jüngste ist 1879 erschienen. Alle wollen «aufklären», informieren, dem «gebildeten Bürger» Gesprächsstoff liefern, alle trugen dazu bei, dass sich das Wissen nicht nur in der Hand der Mächtigen, der Kirche, des Staates, befand. Alle vermitteln ein Weltbild, das auf Fakten und gefestigten Meinungen beruht. Das ist heute nicht viel anders – doch kauft sich heute noch einer einen Brockhaus oder ein anderes mehrbändiges Lexikon? Im Online-Zeitalter setzt man kaum mehr auf gedruckte Lexika. Der über 200-jährige Brockhaus verzichtet seit 2014 auf eine Printausgabe; Wikipedia und Verwandte sind an seine Stelle getreten.

Unterhaltsam und spannend

Ein Blick in ältere Lexika aber bleibt etwas Spannendes, ja Unterhaltsames, die ausgestellten Bände belegen es – und verleiten erst noch zu ausgiebiger «Nachbereitung» im Internet. Wer sein Französisch nicht vergessen hat, kommt vor allem bei den beiden Nachfolgewerken der Enzyklopädie von Diderot und d’Alembert auf seine Rechnung, der bereits erwähnten Yverdoner und der «Encyclopédie méthodique» des Parisers Charles-Joseph Panckoucke (166 Bände, Paris 1782–1832). Winterthur ist Letzteren zwar nur gerade zwölf Zeilen wert, doch wird die Stadt immerhin als «Heimat des berühmten Historikers Johannes von Winterthur» angeführt. Abschreiben war aber auch im 18. Jahrhundert an der Tagesordnung, der Eintrag zu Zürich beweist es. Der Satz, in dem vom Reformator Zwingli die Rede ist, stammt wörtlich aus der Yverdoner Enzyklopädie, nur dass es nun statt Swingle Zwingle heisst ...

Einblick ins Gewerbe

Aber wir wollen nicht kleinlich sein; der Band mit Abbildungen, in dem die Besucher blättern dürfen, ist ganz zauberhaft und verführt mit Einblicken in die Welt der Gürtelmacher, der Schuh- und Stiefelmacher, der Gerber und Lederfabrikanten, der Koffermacher und Buchbinder, der Färber oder Stoffdrucker. Zu all diesen Berufs- respektive Industriezweigen gibt es jeweils mehrere Seiten mit Abbildungen: Man sieht die Werkstätten mit den Menschen darin, man sieht die entstehenden Produkte und die Vielzahl der benötigten Werkzeuge und Maschinen.

Und wer sich mit den Sattlern beschäftigt, bekommt ganz viel Pferd dazu und was es alles braucht, um eine Berline oder einen Postwagen kunstgerecht zu bespannen. Auch die Yverdoner Enzyklopädie, ebenfalls um einiges kleiner im Format als das grosse Pariser Vorbild, wartet mit einem attraktiven Bildband auf, in dem man sich, zum Beispiel, schlaumachen kann über Salz- und Zuckergewinnung.

Weinberge und Promenaden

Dass kleinere Werke wie das «Conversations-Lexikon der Gegenwart» von 1838–1840 (Brockhaus, 4 Bände) oder das «Brockhaus Conversations-Lexikon» von 1878–1879 (15 Bände) da nicht ganz mithalten können, versteht sich von selbst: handlicher zwar, aber nur einspaltig, ohne Illustrationen. Im ersten sucht man Winterthur oder Zwingli vergebens. Im zweiten jedoch kommt Zwingli zu seinem Recht und wird in einem grösseren Beitrag gewürdigt.

Und Winterthur? Winterthur wird den Lesern gar als «eine der schönsten Städte der Schweiz» präsentiert, «von Weinbergen und Promenaden umgeben». Das lassen wir uns doch gern gefallen.

Stadtbibliothek am Kirchplatz. Studiensammlung, 4. Stock, bis 28. Februar. Öffnungszeiten: Mo-Fr 13.30–18.30, Sa 10–17 Uhr. (Der Landbote)

Erstellt: 10.02.2019, 16:05 Uhr

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