Winterthur

«Swing macht am meisten Spass»

Mit dem Quartett Counterpoints wandeln die Saxofonisten Christoph Irniger und Ohad Talmor auf eigenständige und spannende Weise auf den Spuren der Modern-Jazz-Innovatoren Lennie Tristano, Warne Marsh und Lee Konitz.

Konzentration ohne Verkrampfung: Das Quartett Counterpoints mit vorne Christoph Irniger und Ohad Talmor, hinten Vinnie Sperazza und Bänz Oester (v.l.).

Konzentration ohne Verkrampfung: Das Quartett Counterpoints mit vorne Christoph Irniger und Ohad Talmor, hinten Vinnie Sperazza und Bänz Oester (v.l.). Bild: zvg

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Christoph Irniger sagt: «Wir wollen einfach Jazz spielen.» Dieses Statement hat durchaus eine gewisse Sprengkraft, geben doch heutzutage Musiker wie Robert Glasper den Ton an, die dem Jazz mit Break-Beats und Club-Sounds auf die Sprünge zu helfen glauben müssen, weil sie auf gar keinen Fall antiquiert wirken wollen.Das transatlantische Quartett Counterpoints, das Irniger gemeinsam mit Ohad Talmor leitet, verzichtet auf Pseudo-Hipstertum: Wer auf intelligente Improvisationen auf der Basis eines mal federnden, mal knackigen Swing-Rhythmus steht, ist bei dieser Formation an der richtigen Adresse.

Der Zürcher Christoph Irniger und der Israeli Ohad Talmor, der ein Standbein in New York und eines in Genf hat, sind beides Tenorsaxofonisten mit einem ähnlichen Background: Der Unterschied zwischen ihren Spielweisen ist nicht extrem gross, aber durchaus nicht vernachlässigbar – darum passen sie wunderbar zueinander. Talmor biegt die Töne gerne, Irniger lässt sie gerade. Der Sound von Talmor ist vollmundig und warm, derjenige von Irniger warm und heiser.

Simultane Improvisation

Die zentrale historische Referenzgrösse für die Musik von Counterpoints sind die Innovationen, die wir dem Zirkel um den blinden Pianisten Lennie Tristano zu verdanken haben. Daraus gingen mit Lee Konitz und Warne Marsh zwei der bedeutendsten Saxofon-Stilisten und Standards-Interpreten des Jazz hervor: Ihr vielschichtiges, rhythmisch variables und unprätentiöses Improvisationsvokabular ist eine Alternative zum hitzigen Bebop.

Dass Irniger und Talmor auf den Spuren von Konitz und Marsh wandeln, hört man nicht zuletzt daran, dass sie auch simultan improvisieren und damit eine freigeistige Form von Kontrapunktik pflegen (womit auch der Bandname erklärt wäre). Kommt hinzu, dass etliche Stücke im Repertoire von Counterpoints auf berühmten Standards basieren: Talmors «Two Fools Tears» verrät die Quelle bereits im Titel («Tea for Two»), Irnigers «Lennie Grass» basiert auf Gershwins «I Got Rhythm».

Herzschlag des Jazz

In den 1970er-Jahren begann im Jazz eine Entwicklung weg vom Swing-Feeling: Zuerst waren es binäre Rock-Beats, die an die Stelle des Swing traten, dann wurden ungerade Metren zum letzten Schrei (je komplizierter, desto besser). Wer am Vierviertel-Swing festhält, gilt in gewissen Kreisen als altmodisch – dabei ist der Swing der typische Herzschlag des Jazz («It Don’t Mean a Thing If It Ain’t Got that Swing» heisst ein Stück von Duke Ellington). Swing lässt sich nicht leicht beschreiben, dafür fühlt man ihn sofort: Es handelt sich um eine Art ungleichmässige Gleichmässigkeit, die den Körper in Mikroschwingung versetzt. Bei Counterpoints sind der Berner Bänz Oester (Bass) und der New Yorker Vinnie Sperrazza (Schlagzeug) für eine breite Palette an mitreissenden Swing-Grooves besorgt.

Unverkrampfte Konzentration

Irniger sagt: «Swing spielen macht am meisten Spass.» Warum? «Es ist befreiend für mich und es hat einen warmherzigen Charakter. Wenn man Swing spielt, liegt die Latte allerdings wahnsinnig hoch.» Tatsächlich hat der Jazz im Laufe der Jahrzehnte eine unglaublich grossen und fabulösen Variatenreichtum an Swing herausgebildet.

Die Trios von Oscar Peterson swingen ganz anders als die Trios von Bill Evans, die Schlagzeuger Papa Jo Jones, Philly Joe Jones und Elvin Jones mögen denselben Nachnamen tragen, ihre Auffassungen von Swing sind aber extrem unterschiedlich. Dass sowohl Oester als auch Sperrazza eine ganze Reihe historischer Vorbilder sehr gut kennen, schlägt sich in einer überzeugenden Mischung aus Souveränität und Nonchalance nieder: Um zu swingen, muss man sich konzentrieren, darf sich aber auf keinen Fall verkrampfen.

Mit Christoph Grab hatte Irniger einen Lehrer, der ihm die Hochachtung für die alten Cats vorlebte. «Und dabei geht es nicht nur um Coltrane oder Shorter, sondern um Typen wie Gene Ammons oder Ike Quebec», hält Irniger fest. Zur Zeit hört Irniger am liebsten Aufnahmen aus der legalen Bootleg-Serie, die dem Trompeter Miles Davis gewidmet ist. Besonders angetan hat es ihm die 4-CD-Box «Miles at Newport», die Konzertmitschnitte aus den Jahren 1955 bis 1975 versammelt.


Donnerstag, 20.15 Uhr, Esse Musicbar, Rudolfstrasse 4. ()

Erstellt: 28.02.2017, 14:40 Uhr

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