Kunst

Tanzende Männer und eine Weltraumrakete

Die beiden Werke von Rodrigo Hernández in der Kunsthalle sind eine beglückende Entdeckung.

Rodrigo Hernández: «Du ...», 2019, Pappmaché. Foto: PD

Rodrigo Hernández: «Du ...», 2019, Pappmaché. Foto: PD

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Die Kuratoren der aktuellen Whitney Biennial in New York City fragen sich, wie man überhaupt noch Kunst macht angesichts der katastrophalen Entwicklungen in den globalisierten Gesellschaften.

Eine Antwort findet man in der Kunsthalle Winterthur: indem man als Künstler ausklinkt. Genau dies macht der in Lissabon lebende mexikanische Künstler Rodrigo Hernández derzeit. Der international erfolgreiche 36-Jährige hat den Oberlichtsaal in ein modernes Refugium verwandelt.

Archaische Prägnanz

Die Oberlichter sind abgedeckt, die Wände grossflächig mit geometrischen Farbfeldern in Orange, Ocker, Blau und Rot gestrichen, und beinahe zentriert an der Hauptwand steht ein etwa 2,5 Meter hoher Kubus.

Auf dessen Front sind liegende Messingbleche fixiert. In diesen goldglänzenden Grund hat der Künstler ein tanzendes Männerpaar getrieben («Who Loves You», 2019).

Es ist eine lineare Zeichnung von berückender Schönheit und archaischer Prägnanz geworden. Das Paar hält sich mit den Armen und Händen, berührt sich sonst nicht. Die Köpfe im Seitenprofil sind stilisiert. Sie schauen sich an.

Die Nähe der beiden Männer geht über die körperliche Intimität hinaus; es ist wie ein Standbild, wo die existenzielle Vereinzelung für einen Moment aufgehoben ist und stattdessen die Ahnung von einer Gemeinschaft (im Tanz) aufscheint.

Die handwerkliche Ausführung vermittelt einen Ausdruck des Archaischen. So überrascht es nicht, wenn einem spontan afrikanische Kunst in den Sinn kommt. Selbst die Farbigkeit der Wände mag sowohl modernistischer wie afrikanischer Herkunft sein.

Rakete oder Speerspitze

Im zweiten Saal steht eine miniaturisierte und stilisierte Weltraumrakete auf einem eleganten Metalltisch im Zentrum («Du ...», 2019). Der Raum ist erfüllt von hellgelbem Neonlicht, das sich wie Staub über das liegende Modell legt. Technologie wird zum musealen Objekt, das scheint dieses Setting anzudeuten.

Wiederum fällt die handwerkliche Qualität des dynamisch auf eine Spitze zulaufenden Objekts auf, wobei besondere Sorgfalt für das reliefartige Design der Seiten verwendet wurde.

Die fünf runden Booster-Raketen auf der Stirnseite vermitteln wunderbar zwischen Realismus und skulpturaler Ausdrucksgeste. Und erneut tauchen Assoziationen auf, diesmal von afrikanischen Verzierungen auf Speerspitzen oder anderen Kriegsgeräten.

Die Bezüge mögen noch so falsch sein, die unterschwelligen Begegnungen von Kulturen, von Technologie und archaischer Ornamentik, ergeben ein reizvolles Spannungsfeld mit leicht surrealem Touch.

Die Ausstellung ist geprägt von einem seltenen Willen zur Reduktion: je ein Objekt und je ein Farb- und Lichtkonzept schaffen eine Konzentration, die zur ungestörten Kontemplation einlädt. Leider fehlt ein Stuhl.

Kunsthalle Winterthur,Marktgasse 25. Bis 28. Juni.

(Der Landbote)

Erstellt: 07.06.2019, 16:23 Uhr

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