Nachruf

Theatermensch und Forschergeist

Mitte Dezember starb der Gründer des Theaters Kanton Zürich, Reinhart Spörri. Der Schauspieler Manfred Heinrich war mit ihm befreundet und hat jahrzehntelang mit ihm gearbeitet.

Grosses Wissen und druckreife Geschichten: Der Theater-Regisseur Reinhart Spörri in einer Aufnahme von 2018.

Grosses Wissen und druckreife Geschichten: Der Theater-Regisseur Reinhart Spörri in einer Aufnahme von 2018. Bild: Archiv

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Reinhart Spörri (1930-2019) war ein Mann des Theaters durch und durch. Schon während des Studiums der Germanistik begann er ab 1950 am Zürcher Schauspielhaus als Beleuchter zu arbeiten; dort nahm er bei Ellen Widmann Sprechunterricht und führte auch von 1957 bis 1963 Regie. Sein Regie-Debüt hatte er bereits 1954 am Landestheater Darmstadt mit «Scapins tolle Streiche» von Molière gegeben – der Autor sollte ihn durch seine Laufbahn begleiten.

Spörri inszenierte aber auch die neusten Stücke, etwa 1962 in Düsseldorf eine der drei deutschen Erstaufführungen von Max Frischs «Andorra» und 1969 die Schweizer Erstaufführung von Martin Walsers «Zimmerschlacht». Auch Stücke von Franz Hohler und Adolf Muschg brachte er auf die Bühne.

«Er wusste soviel»

Als Spörri Anfang der 1970er Jahre nach Winterthur kam, war er bereits viel herumgekommen, hatte in Chur, St. Gallen und Luzern gearbeitet, ab 1959 auch am Sommertheater Winterthur und von 1968 bis 1971 am Zürcher Theater am Neumarkt unter Felix Rellstab, dem ersten Direktor der Schauspiel-Akademie Zürich.

1971 gründete er im Barockhäuschen im Winterthurer Stadtgarten das Theater für den Kanton Zürich, wie man damals sagte, und leitete die Wanderbühne bis 1995.

«Er lachte über mein lustiges Gesicht»Manfred Heinrich, Wegbegleiter von Reinhart Spörri

Der 14 Jahre jüngere Schauspieler Manfred Heinrich arbeitete jahrzehntelang mit Spörri zusammen und war mit ihm befreundet. Die beiden lernten sich 1971 am Stadttheater Chur kennen, das Spörri bis 1975 leitete. «Er lachte über mein lustiges Gesicht», erinnert sich Heinrich, der ab der Spielzeit 1972/73 war Ensemble-Mitglied des Theaters Kanton Zürich war. Als Regisseur war Spörri «natürlich schon autoritär», sagt Heinrich, «aber er wusste soviel, dass man ihm vertrauen konnte».

Privat sei er «ganz normal» gewesen, habe nicht Hof gehalten und nicht doziert. Auch Rüdiger Burbach, der gegenwärtige Leiter des Theaters Kanton Zürich, schätzte «sein immenses Wissen, nicht nur in Theaterdingen», wie Burbach auf der Webseite des Theaters schreibt. «Geschichten erzählen konnte er nicht nur auf der Bühne, sondern auch im privaten waren sie druckreif.» Damit trifft Burbach wohl den Kern dessen, was das Theater für Spörri ausmachte.

Eine Geschichte erzählen

«Es ging ihm darum, eine Geschichte zu erzählen, die jeder verstehen kann», sagt auch Manfred Heinrich. Nicht nur mit der von ihm gegründeten Bühne verfolgte er das Ziel, ein Theater für die Leute zu machen, es war überhaupt sein Stil. Dass Spörri darüber hinaus auch Unternehmergeist besass, bewies er nicht nur mit der Theatergründung: Als die Bühne 1975 kurz vor der Pleite stand, organisierte er ausgehend von seiner Wohnung am Obertor eine Rettungsaktion und spannte die Dorffeste in Stadt und Region für sein Anliegen ein. Mit dem gespendeten Geld konnte das Theater seine Schulden bezahlen.

Sein Debüt mit dem Theater Kanton Zürich gab Spörri im September 1971 in Fischenthal mit Kleists Komödie «Der zerbrochene Krug». Kleist kannte er besonders gut, hatte er doch seine Dissertation über ihn geschrieben. Den «Zerbrochenen Krug»wusste er sogar auswendig und konnte einspringen, wenn ein Schauspieler ausfiel, wie Heinrich sich erinnert. Rund achtzig der etwa 140 Produktionen mit dem Theater Kanton Zürich inszenierte Spörri selbst, darunter auch Stücke für Kinder; manche Produktionen wurden vom Schweizer Fernsehen aufgenommen.

Neben Molière, den er selbst übersetzte, machte immer wieder Shakespeare und auch Hauptmann, Dürrenmatt, Hansjörg Schneider, Herbert Meier, um nur einige zu nennen. Manche Stücke brachte er auf Zürichdeutsch auf die Bühne, so 1995 Molières «Eingebildeten Kranken», der bei ihm zum «Grochsi» wurde. Das war ja seine Muttersprache, Spörri war in Oerlikon zur Welt gekommen, seine Vorfahren stammten aus dem Tösstal; er selbst hatte zwei Wohnsitze, einen an der Zollikerstrasse in Zürich und einen in der Nähe von Girenbad.

Forschergeist

Nach seiner Pensionierung 1995 inszenierte Spörri weiter am Theater Kanton Zürich und an anderen Bühnen, so am Zürcher Theater Heddy Maria Wettstein, ferner leitete er Fest- und Freilichtspiele. Vor zehn Jahren erlitt Spörri eine Ganzkörpervergiftung, die er knapp überlebte. Drei Monate verbrachte er im Spital und ging seither am Stock. Im Kopf sei er indessen immer klar gewesen.

Spörri war sehr belesen und beseelt von einem Forschergeist, er wollte den Dingen auf den Grund gehen. An einem Stück habe ihn besonders der «Drehpunkt» interessiert, das geistige Zentrum. Bis zuletzt begleitete ihn die Vorstellung eines Raumes voller Bücher als Nahrung für den Geist. Als Manfred Heinrich ihn am 13. Dezember, seinem Todestag, im Pflegeheim in Turbenthal zum letzten Mal besuchte, habe Spörri zu ihm gesagt: «Es ist alles voll.» «Wovon?» fragte Heinrich. «Voller Schriften.»

Erstellt: 21.01.2020, 12:27 Uhr

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