Sommertheater

Traumjob mit Knochenarbeit

Der Schauspieler Philippe Roussel feiert in dieser Saison am Sommertheater sein 30-jähriges Jubiläum. Schon als Achtjähriger hatte er davon geträumt, auf dieser Bühne zu spielen.

Ein aus der Zeit gefallenes Kleinod sei das Sommertheater, findet der 57-jährige Schauspieler Philippe Roussel.

Ein aus der Zeit gefallenes Kleinod sei das Sommertheater, findet der 57-jährige Schauspieler Philippe Roussel. Bild: Madeleine Schoder

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Zum Gespräch am frühen Nachmittag erscheint Philippe Roussel nach einer mehrstündigen Probe – und deshalb mit leerem Magen. «Ich bin ein bisschen von der Rolle», sagt er entschuldigend. «Aber die Schauspielerei ist eben kein lockerer Job, er besteht nicht nur aus den abendlichen Auftritten.»

Sein Arbeitstag beginne um sieben Uhr morgens und ende oft erst nach Mitternacht. Werde am Abend das eine Stück aufgeführt wird, liefen am Vormittag bereits die Proben für das nächste. Hinzu kommen Nachbearbeitung, Rollenstudium, Auswendiglernen und in Roussels Fall auch noch administrative Arbeiten.

Ein Intendant alter Schule

Trotzdem: «Es gab in den letzten dreissig Jahren enorm viele schöne Momente. Ich habe am Sommertheater sehr viel erlebt, sonst wäre ich nicht so lange hier geblieben.»

Das sei vor allem auch ein Verdienst von Hans Heinrich Rüegg, der ein «Intendant alter Schule» sei und voll auf Ensembletheater setze. Zudem trage Rüegg viel zur Weiterentwicklung der Schauspielenden bei: «Mit den Rollen, die er einem zuweist, fördert er einen.»

«Irgendwann bemerkte ich, dass ich meine Emotionen auf der Bühne besser transportieren konnte als im Leben.»

Die Schauspielerei wurde Philippe Roussel in die Wiege gelegt: Schon als kleines Kind habe er zuhause Gäste mit Gesangsvorführungen und mit einer anschliessenden Kollekte unterhalten. Bald sang er in einem Chor, später kam Schultheater dazu: «Irgendwann bemerkte ich, dass ich meine Emotionen auf der Bühne besser transportieren konnte als im Leben.» Trotzdem machte er zuerst eine KV-Lehre, für das Theater blieb die Freizeit.

Gegen Ende der Lehre bewarb er sich jedoch in Basel an einer Schauspielschule. Er wurde angenommen und kam schon während seiner Ausbildung zu Auftritten: So habe er früh grosse Mimen kennen lernen und beobachten können. «An der Schauspielschule lernt man zwar das Handwerk, doch der ganze, grosse Rest ist Praxis.»

«Ich liebe die Bühne»

Dazu zählten später auch seine Engagements in Deutschland, wo er mit Volker von Collande und Claus Biederstaedt arbeiten konnte. Eine prägende Zeit, die ihm rasch auch Rollen beim Film einbrachte. Die grosse Karriere blieb allerdings aus: «Das störte mich überhaupt nicht: Ich liebe die Bühne und ihre Unmittelbarkeit», sagt Roussel. «Sie ist die Mutter des Schauspiels. Nur hier ist die direkte Interaktion mit dem Publikum spürbar.»

Seit Roussel am Sommertheater ist, haben sich Winterthur und seine Theaterlandschaft stark verändert: «Damals war Winterthur ja noch eine Industriestadt, in der um 23 Uhr Polizeistunde war», erinnert sich Roussel. Heute sei das Kulturangebot gross, gegen diese Konkurrenz zu bestehen, sei eine Herausforderung.

Im gehobenen Boulevard-Theater hat Roussel allerdings eine Nische gefunden. Und die Qualität habe gesteigert werden können. Positiv ausgewirkt habe sich die Reduktion auf vier Produktionen pro Saison. Und weil das Publikum Witze unter der Gürtellinie nicht goutiere, habe man auf Stücke mit Niveau setzen müssen.

Die gute Reputation des Sommertheaters in der Branche und die positiven Reaktionen des Publikums zeigten, dass es gelungen sei, das Boulevard-Theater in die moderne Zeit zu retten, ohne seinen Zauber zu verlieren, findet Roussel.

Zwar ist die Zahl der Abonnements über die Jahre gesunken, doch gibt es immer noch ein treues Stammpublikum – sowie dessen Nachwuchs: «Oft halten die Kinder die von den Eltern vorgelebte Tradition weiterhin hoch.» Viele seien dem Sommertheater nur schon deshalb verbunden, weil es ein aus der Zeit gefallenes Kleinod sei, das es in dieser Form fast nirgends mehr gebe.

Und wie geht es für ihn persönlich weiter? Auf seine Zukunft beim Sommertheater angesprochen, bleibt Roussel vage: Natürlich wird er als Schauspieler und Regisseur weitermachen.

Rüeggs Nachfolger?

Roussel wurde kürzlich zum Delegierten des Verwaltungsrates des Sommertheaters gewählt (dieses ist eine Aktiengesellschaft). Wird er dereinst Rüeggs Nachfolge antreten? Die neue Funktion könne nicht als Zeichen dafür gedeutet werden, wehrt Roussel ab. Sie sei zunächst einmal als Entlastung für Rüegg gedacht. «Alles Weitere wird sich weisen.»

(Der Landbote)

Erstellt: 17.08.2018, 16:38 Uhr

Die Erfüllung eines Traums

Mit grossen Augen steht 1969 ein kleiner Junge vor dem Schaukasten, in dem Plakate und Fotos die Stücke des Sommertheaters ankündigen. Es ist der achtjährige Philippe Roussel, der oft bei seinen Grosseltern in Winterthur weilt.

In diesem Moment fasst er den Entschluss: Auf dieser Bühne will ich auch einmal stehen. Knapp zwanzig Jahre später war das Ziel erreicht; an seinen ersten Einsatz im Sommertheater erinnert er sich noch ganz genau: «Das war 1988 in ‘Georges Dandin’ von Molière. Da musste ich mit einer Laterne suchend im Publikum herumirren, was natürlich besonders in den Vorstellungen am Sonntagnachmittag für grosse Heiterkeit sorgte.»

Damals war im Sommertheater noch alles anders: Es gab sieben Produktionen pro Saison statt vier wie heute. Im Garten sass das Publikum an grossen Tischen, der Boden war gekiest und es standen noch mehr Bäume.

Im alten Saal waren die Verhältnisse geradezu abenteuerlich: «Dort durfte noch geraucht werden, weshalb man manchmal vor lauter Nebelschaden fast gar nichts mehr sah», erinnert sich Roussel lachend. «Und die Darstellenden konnten die Bühne nur über eine Leiter und ein Vordach vom Garten her erreichen.»

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