Winterthur

Überraschungen und Déjà-vus

Eine grosse Vielfalt zeichnet die Dezember-Ausstellung im Kunstmuseum und der Kunsthalle aus. Die alle zwei Jahre stattfindende Schau gilt als Jahreshöhepunkt der regionalen Kunstszene.

Gegen das Verdrängen: Die Bodeninstallation von Gregor Frehner setzt sich mit dem Stil der Nazi-Architektur auseinander. Im Hintergrund zwei Gemälde von Thomas Rutherfoord.

Gegen das Verdrängen: Die Bodeninstallation von Gregor Frehner setzt sich mit dem Stil der Nazi-Architektur auseinander. Im Hintergrund zwei Gemälde von Thomas Rutherfoord. Bild: Johanna Bossart

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Sie wird kaum als Ganzes in Erinnerung bleiben, die diesjährige Dezemberausstellung. 32 Kunstschaffende wurden von der Jury ausgewählt, 129 hatten sich beworben. Auffallend viele Arbeiten waren bereits anderswo zu sehen. Der Grund mag bei einigen beim Produktionsdruck liegen, dem sie Stand halten müssen, ohne über mehr Zeit und Geld zu verfügen. Eindrücklich zeigt diese Stresssituation der Film «My Current Occupation» von Rita Capaul in der Kunsthalle.

Irritierend grenzwertig bleibt gleichwohl der Fall jenes Trios, das praktisch die gleichen Werke vor nicht allzu langer Zeit in den Oxyd-Kunsträumen präsentierte. Solche Formen der Zweitverwertung mindern die Bedeutung der Dezember-Ausstellung und lassen einen gewissen Respekt vor den Ansprüchen des Museums vermissen.

Auffallend viele Arbeiten waren bereits anderswo zu sehen.

Die Ausschreibung habe nicht explizit Neuheiten verlangt, verteidigte Kunstmuseumsdirektor Konrad Bitterli die Auswahl. Die neue Praxis hat für Verwunderung gesorgt, nicht nur unter jenen, die nicht berücksichtigt wurden. In der Jury sassen neben Bitterli der Kurator der Kunsthalle, Oliver Kielmayer, und Daniela Hardmeier, Kuratorin der Oxyd-Kunsträume.

Zwei Preisträgerinnen

An der Vernissage vom Samstag waren die Besucher trotzdem in Festlaune, die Party der Künstlergruppe im Museumscafé, mit einer Einlage der Kunstpopband Antipro, war ein Erfolg. Sarah Hablützel wurde für ihr Werk «Belphégor oder das Geheimnis» mit dem Preis der Künstlergruppe Winterthur ausgezeichnet. Der zum dritten Mal vergebene Preis ist mit 5000 Franken dotiert.

Subtil-subversiv hat Hablützel drei Orte der Kunsthalle und des Kunstmuseums mit ihrer raffinierten Persiflage auf die Audio-Guides bespielt. Die Stimmen der Sprecherinnen sind betörend und ihre Anweisungen so überzeugend gesprochen, dass der Zuhörer plötzlich Sprünge macht und eine Pirouette vollführt.

Wer es selbst ausprobieren möchte, folgt einfach in der Moderne-Sammlung den Stimmen der Sirenen. Im Ergänzungsbau hat Stefanie Kägi mit ihrer linearen Adaption eines Bildes von Henri Matisse die schönste Arbeit auf die Stirnwand des grossen Saals gezaubert. Kägi wurde gestern mit dem mit 10 000 Franken dotierten Förderpreis der Stadt Winterthur ausgezeichnet.

Die zweite Überraschung in diesem sehr malerischen Saal ist Theo Hurters mit Kohlestaub hingehauchte Wandzeichnung. Lydia Wilhelms wildgewordene Äste, die einen Riesenkrach auf dem Betonboden vollführen, werden als Störung wie auch als amüsante Spielerei wahrgenommen.

Eindrückliche politische Kunst

Kunst mit politischem Hintergrund, obwohl international im Trend, ist nur marginal vertreten. Neben Duri Galler mit seinem Black-Panther-Gruss beschäftigen sich nur Michael Etzensberger und Gregor Frehner mit Fragen von gesellschaftspolitischer Relevanz. Ihre beiden Arbeiten bestechen durch ihre visuelle Prägnanz und ihren Appell an die Erinnerung.

Bei Etzensberger geht es in seinem Video und seiner Toyota-Heckklappe um den Terrorismus und seine ikonischen Zeichen, mit subversivem Bezug zur Schweiz im Kalten Krieg. Bei Frehner stehen Verdrängen und Vergessen am Beispiel von Nazi-Architektur im Mittelpunkt. Seine Bodeninstallation, ein offener Hof mit gespiegelten Betonmodellen, bezieht sich auf Originalbauten in Berlin und München.

Den meisten Besuchern dürfte freilich die Ironie verborgen bleiben, dass das Foyer des Museums Oskar Reinhart Züge des verfemten Stiles aufweist. Frehner und Etzensberger verdienten durchaus kleinere Einzelausstellungen, wo sie auch ihr aufschlussreiches Recherchematerial ausbreiten könnten.

Natürlich lassen sich die Vielfalt und der Spannungsbogen dieser Dezember-Ausstellung nicht einmal annährend erfassen. Hier nur einige Hinweise: Eine vertiefende Auseinandersetzung würde Marc Héron und Jürgen Baumann besser gerecht. Sehr poetisch der eine, sehr rätselhaft der andere im hintersten Saal des Kunstmuseums. Bruno Streichs mit äusserster Sorgfalt konstruierte Rakete verdrängt schlicht alles andere im Raum.

Gedränge in der Kunsthalle

Mit gleich vier Video-Installationen im Oberlichtsaal der Kunsthalle herrscht dort ebenfalls ein Gedränge wie in der S-Bahn. Weniger wäre mehr, und selbst Pascal Kohtz’ nach aussen gestülptes Haus geht im Halbdunkel ziemlich unter. Das ist frustrierend. Immerhin verteidigen Oliver Krähenbühl und Valentin Magaro im zweiten Saal mit ihren Zeichnungen und Aquarellen die Qualitäten dieser traditionellen Techniken.

Eine schöne Geste erlebt man im Kunstmuseum: Die beiden verstorbenen Mitglieder der Künstlergruppe, Victor Hugo Bächer (1933-2015) und Werner Hurter (1932-2017), werden hier mit Zeichnungen und Malerei gewürdigt.

Dezember-Ausstellung: Überblick. Bis 7. Januar 2018.

(Der Landbote)

Erstellt: 05.12.2017, 15:18 Uhr

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