Winterthur

Er hat einst für Stefanini Kunstwerke restauriert

Seit einiger Zeit macht der Archäologe Ueli Bellwald Ausgrabungen in der jordanischen Stadt Petra. Früher hat er für den Winterthurer Immobilienbesitzer Bruno Stefanini Kunstwerke restauriert. Am Mittwoch erzählt er in Seen von seinem Beruf.

Das SRF porträtierte Bellwald 2012 in der Serie «Fernweh».

Das SRF porträtierte Bellwald 2012 in der Serie «Fernweh». Bild: Marc Dahinden

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Ein einziges Projekt, das wäre ihm wohl zu langweilig. Wenn man mit Ueli Bellwald spricht, reist man geistig von Jordanien nach Neapel, in die Berner Altstadt, zum Schloss Salenstein am Bodensee und nach Winterthur. Seit 1990 lebt der Berner Archäologe und Restaurator in der jordanischen Hauptstadt Amman. Das Feld seiner Interessen ist gross und sein Beziehungsnetz weit gespannt.Seine Kontakte zu Winterthur reichen über vierzig Jahre zurück.

Für den damaligen Winterthurer Stadtpräsidenten Urs Widmer (FDP) schrieb er die Geschichte der Winterthurer Kachelöfen und des damit verbundenen Handwerks auf, der umfangreiche Bildband erschien 1980. Ausserdem habe er für die Sammlung von Bruno Stefanini viele Objekte restauriert, sagt Bellwald: «Ich war in der Kunstwelt gut vernetzt.» Er erinnert sich an eine bemalte barocke Decke aus einem Berner Altstadthaus, die er «als einen Haufen Holz» gekauft und «schön eingepackt» geliefert habe und die nun in Stefaninis Depot lagere.

Petra und die Nabatäer

Am kommenden Mittwoch stellt er in der Reihe «Seemer Sternstunden» die antike Stadt Petra vor, die ab 500 vor Christus im Süden Jordaniens in den Felsen gehauen wurde, und ihre Erbauer, die Nabatäer. Davor nahm er, zusammen mit über vierhundert Forscherinnen und Forschern, in Florenz an einem archäologischen Kongress über Jordanien teil und sprach – über Weinbau.

Petra, die Stadt im Südosten Jordaniens. Klicken, um heraus zu zoomen

Bellwald hat nämlich antike Weingüter entdeckt, in der nördlich gelegenen Ausgrabungsstätte «Little Petra», auf einer Fläche vom Umfang des Kantons Zürich, wie er sagt. Die ältesten Funde der Nabatäer stammten jedoch nicht aus Petra, sondern aus Portus Illius bei Neapel. Man finde dort genau dasselbe Mischverhältnis von domestizierten und wilden Weinsorten wie in Petra, weshalb Bellwald vermutet, dass die Nabatäer ihr Know-How über den Weinbau von da bezogen.

Das Wasser im Fokus

Im Zentrum seines seit Jahrzehnten andauernden archäologischen Interesses in Petra steht das System der Wasserversorgung der Nabatäer und ihre Wasserschutzprävention. Das führte ihn zum einen zum Siq, so heisst die anderthalb Kilometer lange Schlucht, durch die der Hauptzugang zu Petra führt; er hat den Boden von Schutt und Geröll befreit und gesichert und dabei die Wasserleitungen freigelegt, die die Nabatäer erstellt hatten.

Bis heute sind starke Regenfälle für die tief gelegene Stätte eine Gefahr, sie droht überschwemmt zu werden. Das war gerade im vergangenen November wieder der Fall, dreieinhalb-tausend Touristen wurden vom plötzlich mit Macht einströmenden Wasser überrascht und mussten evakuiert werden.

Die Ausgrabunsstätte Little Petra, auch bekannt als Siq el-Barid

Der Boden ist so hart und ausgetrocknet, dass das Wasser nicht versickern kann; die Dämme und Tunnel der Nabatäer mit ihren Ablaufkanälen, mit denen sich Bellwald beschäftigte, haben die Überschwemmung nicht verhindern können. War seine Arbeit also umsonst? Die Arbeiten würden nicht voran kommen, dafür fehle das Geld, deutet Bellwald an. Unwetter sind in dem regenarmen Land generell ein grosses Problem, jedes Jahr gibt es Tote.

Ein Netzwerker

Bellwald, Jahrgang 1948, spricht in breitem Berner Dialekt, bedächtig, knorrig und impulsiv. Seine erste Ausgrabung machte er mit 23 Jahren. Er hatte nie einen Lehrstuhl, verfügt aber über gute akademische Kontakte, etwa zur Brown University in Providence, USA, in deren Auftrag er Fresken restaurierte, oder zur Universität von Miami in Florida, seiner Kooperationspartnerin bei der Erforschung der Weinproduktion.

In Sendungen des Schweizer Fernsehens inszeniert er sich gerne als Einzelkämpfer. Der schlägt sich dann mit nicht ganz zuverlässigen einheimischen Arbeitern herum, die er nicht zu anderen Menschen machen könne. Klappt etwas nicht, reagiert er cholerisch. In einem Porträt von 2012 über seine Ausgrabungen in Petra bekommt man den Eindruck, er sei in Petra wenn nicht der einzige, so doch der wichtigste Archäologe. Das glaubte auch die die Auslandschweizer-Sektion der FDP und wählte ihn deshalb 2008 zum «Auslandschweizer des Jahres».

In einem Porträt von 2012 über seine Ausgrabungen in Petra bekommt man den Eindruck, er sei in Petra wenn nicht der einzige, so doch der wichtigste Archäologe.

In Wirklichkeit beschäftigt sich ein Heer von Forschern aus vielen Ländern mit Petra, wie nur schon ein Blick in die Teilnehmerliste des Kongresses in Florenz zeigt. Publizistisch hat Bellwald seit seiner Schrift über die Ausgrabung und Restaurierung des Siq 2003 kaum mehr etwas vorgelegt. Ein Rätsel ist ferner, warum er im Film das Khazne al-Firaun am Ende des Siq, ein beliebtes Fotosujet, als «grosse königliche Eingangshalle» bezeichnet. Die «Schatzkammer des Pharaos», wie der irreführende Name auf Deutsch lautet, war in Wirklichkeit ein Grabtempel.

Eine Eisenbahn für Touristen

Die SRF-Sendung «Fernweh» vom Juli 2012 begleitete ihn beim Wiederaufbau der Hejazbahn, einer Eisenbahnlinie, die einmal von Syrien bis nach Saudi-Arabien führte und nun wiederum, so Bellwalds Absicht, die Länder über ihre Grenzen hinweg verbinden soll. Hier führt noch einmal eine Spur nach Winterthur: Bei der Suche nach geeigneten Dampflokomotiven für sein Projekt liess sich Bellwald vom Geschäftsführer der Winterthurer Dampflokomotiv- und Maschinenfabrik DLM, Roger Waller, beraten.

Nach dem Vorbild des Films «Lawrence of Arabia» wird der Zug von Beduinen «überfallen»: Es handelte sich – was allerdings im Film nicht gesagt wird – um ein staatlich finanziertes Tourismus-Projekt zur 100-Jahr-Feier des Arabischen Aufstands von 1916-1918 gegen das Osmanische Reich, organisiert von der Jordan Heritage Revival Company. «Die Show läuft immer noch», sagt Bellwald. Sie sei auch für den Kreufahrt-Tourismus interessant.

Ein Frage der Beziehungen

Seine Projekte wurden teilweise auch vom Departement für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) unterstützt. Wie kam es dazu? «Diese Verbindung muss ich neu aufbauen», meint Bellwald. Zu Walter Fust, bis 2007 Deza-Direktor, pflegte er gute Beziehungen. «Wieviel Geld brauchst du», habe Fust ihn 1998 bei dessen Besuch in Petra, zusammen mit dem damaligen Bundesrat Cotti (CVP), gefragt. Dann orakelt er, das gehe alles über «Säuhefeli, Säudeckeli», also über Beziehungen. Hauptprojekt der Deza in Jordanien sei das Risk-Management bei Naturgefahren. Einen Besuch von Bundesrat Ignazio Cassis (FDP) in Petra im Frühling 2018 habe sein Cousin eingefädelt, der in Genf Neurochirurg sei; es gehe um ein Projekt zum Schuldenerlass.

Neben der Wohnung in Amman hat Bellwald auch in Wadi Musa, dem touristischen Zentrum bei Petra, ein Haus, oder vielmehr «eine bewohnbare Ruine», wie er sich ausdrückt. In die Schweiz zurückkommen möchte er nicht. Die medizinische Leistung im Zürcher Unispital sei «lausig und teuer», er könne sie sich nicht leisten.

In Jordanien hingegen sei sie erstklassig und obendrein sei die Grundversorgung dort kostenlos. Bei unserem ersten Mailkontakt Anfang November hatte er gerade eine Operation an der Wirbelsäule hinter sich. Die Ausgrabungen im Siq, wo er monatelang fast rund um die Uhr gearbeitet habe, fordern ihren Tribut.

In seinem Vortrag in Seen geht Bellwald von der Frage aus, wer die Nabatäer waren, woher sie kamen und wann. Natürlich geht es auch um Petra selbst, um die Häuser, sagt Bellwald, um die Themen Essen und Trinken – und um Weinbau. Auch die Erdbeben zwischen dem vierten und achten Jahrhundert sollen zur Sprache kommen, die Kreuzzüge und die Wiederentdeckung Petras durch den Schweizer Johann Ludwig Burckhardt im 19. Jahrhundert. Den Vortrag habe er schon fertig, aber er sei wohl zu lang. Was immer Ueli Bellwald anpackt, er macht es mit einer anscheinend unerschöpflichen Leidenschaft.

Petra. Vortrag von Ueli Bellwald. Mittwoch, 30.1., 19 Uhr, Freizeitanlage Seen. (Der Landbote)

Erstellt: 25.01.2019, 15:37 Uhr

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