Winterthur

«Und dann hetze ich alle aufeinander»

Frauen nutzten die Gelegenheit zum Mord ganz spontan, sagt Ingrid Noll. Die deutsche Krimiautorin liest heute bei der Literaturveranstaltung «lauschig» in Winterthur.

«Mit zwanzig hätte ich vielleicht einen Liebesroman geschrieben. Der wäre bestimmt etwas kitschig ausgefallen»: Ingrid Noll, Autorin.

«Mit zwanzig hätte ich vielleicht einen Liebesroman geschrieben. Der wäre bestimmt etwas kitschig ausgefallen»: Ingrid Noll, Autorin. Bild: Renate Barth/Diogenes-Verlag

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Sie gelten als Grande Dame des deutschen Krimis. Wenn man Ihre Bücher aber noch nicht kennt, mit welchem soll man anfangen?
Ingrid Noll: Man soll sich von Anfang bis Ende durchkämpfen. Deshalb mit meinem ersten Buch «Der Hahn ist tot».

Welches Ihrer Bücher ist Ihr liebstes?
Das kann ich fast nicht beantworten. Eine besondere Bedeutung hat für mich «Kalt ist der Abendhauch», das meiner Mutter gewidmet ist. Sie lebte noch, als ich dieses Buch schrieb, und gab mir dafür viele ihrer Jugenderinnerungen mit. Das Buch ist für mich also eine Erinnerung an meine Mutter.

Alle Ihre Romane handeln von Frauen aus dem gutbürgerlichen Milieu, die sich ihrer Männer entledigen. Wieso?
Das stimmt so nicht ganz. Es sterben nämlich auch viele Nebenbuhlerinnen, nicht nur Männer. Zum Milieu: Ich schreibe über die Gesellschaft, in der ich auch selber lebe und wo ich mich auskenne. Ich könnte nicht über das Rotlichtmilieu oder die Mafia schreiben, weil ich dar­über wenig weiss.

In Ihrem neuen Roman «Der Mittagstisch» geht es um eine alleinerziehende Mutter. Sind Ihre Hauptfiguren starke Frauen? Oder einfach verzweifelte?
Beides. Diese Frauen sind insofern stark, als sie etwas ändern in ihrem Leben. Wenn auch nicht auf eine positive Art. Ich kenne viele Menschen, die ständig jammern. Wenn ich ihnen aber Vorschläge mache, wie sie ihre Si­tua­tion verändern können, blocken sie ab. Meine Hauptfiguren versuchen immerhin, ihre jeweilige Si­tua­tion zu verbessern.

Die Morde sind oft unkonventionell. Wie erfinden Sie die?
Ich schlüpfe wie eine Schauspielerin in die Rolle meiner Hauptfigur und stelle sie mir vor: Wie alt ist sie, was ist ihr Beruf, was ist ihr Familienstand? Aber auch: Was macht sie gerne, was sind ihre Träume? Wenn ich das weiss, kann ich überlegen, wie die Figur in bestimmten Si­tua­tio­nen handelt. Frauen sind meist sehr praktisch und nutzen die Gelegenheit zum Mord ganz spontan. Zum Beispiel, wenn man jemanden ­irgendwo runterschubsen kann.

Wollten Sie nie etwas anderes als Krimis schreiben?
Mein erster Roman war eigentlich eher zufällig ein Krimi. Danach habe ich Blut geleckt. Ich schreibe aber hin und wieder genrefremd, wenn ich Kurzgeschichten für Kinder verfasse. Ich schrieb meinen ersten Roman erst mit 54. Vorher fehlte mir die Zeit dazu. Mit zwanzig hätte ich vielleicht einen Liebesroman geschrieben, der bestimmt etwas kitschig ausgefallen wäre. Heute fasziniert mich das Böse mehr.

Wieso fasziniert Sie das Böse?
Es ist eine wesentliche Komponente, die zum Beispiel auch in Märchen vorkommt. Diese Faszination des Bösen kennt fast jeder. Nicht umsonst werden Krimis sehr gerne gelesen.

Was lesen Sie?
Ich lese gerne Romane von Autoren, die ich im Laufe meiner Schriftstellerkarriere persönlich kennen gelernt habe. Urs Widmer habe ich sehr geschätzt und ich lese seine Bücher sehr gerne. Oder Martin Suter und Donna Leon.

Sie haben in 24 Jahren 13 Romane geschrieben. Wie entsteht ein Ingrid-Noll-Krimi?
Meine Bücher entstehen nicht, indem ich einen Plot austüftele, sondern indem ich mir eine Figur mit all ihren Facetten ausdenke. Erst später erfinde ich die Nebenfiguren und dann hetze ich alle aufeinander. Weil die meisten Figuren irgendwo einen Sprung in der Schüssel haben, kracht es irgendwann ordentlich.

Wo schreiben Sie?
Immer in meinem kleinen Arbeitszimmer, das früher das Zimmer meiner Tochter war. Ich habe dort einen Schreibtisch mit einem Computer und einen zweiten Tisch, wo ich hin und wieder etwas von Hand schreibe.

Und weshalb schreiben Sie?
Weil es mir sehr grosse Freude macht. Schreiben ist für mich etwas Magisches. Ich bringe Zeichen zu Papier und jemand anderes kann sie verstehen. Das hat mich schon als Kind fasziniert. Und ich schreibe, weil es mir gefällt, dass ich mit meinen Büchern anderen Menschen eine Freude machen kann.

(Landbote)

Erstellt: 17.07.2015, 08:50 Uhr

Lesung

Die «lauschig»-Lesung mit Ingrid Noll heute, 19.30 Uhr, im Naturgarten Lindberg ist ausverkauft.

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