Kino Cameo

Unser Bild von Afrika

Der Film «African Mirror» setzt sich mit dem Dokumentarfilmer René Gardi (1909–2000) auseinander.

Geschickt inszeniert: René Gardi als Fotograf in Afrika

Geschickt inszeniert: René Gardi als Fotograf in Afrika Bild: PD

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Die ersten Aufnahmen von «African Mirror» zeigen – aus einem alten Film übernommen, grobkörnig, verwaschen, unscharf – ferne Gestalten auf Hügeln. Eine Stimme erzählt von diesen Menschen, den «Matakams», welche die Filmcrew und ihre Begleiter beobachteten, die «aber verschwanden, sobald man hinschaute». Der Text stammt aus der Feder von René Gardi, die Filmaufnahmen sind zu finden in seinem ersten, an der Berlinale 1960 uraufgeführten Dokumentarfilm «Mandara».

AFRICAN MIRROR Trailer from TON UND BILD GMBH on Vimeo.

«Traumland Afrika»

Entstanden sind die Bilder Ende der 1950er-Jahre im Mandara-Gebirge in Nordkamerun. Es war nicht das erste, nicht das letzte Mal, dass Gardi nach Afrika reiste. 1909 in Bern geboren und von Beruf Sekundarlehrer, zeigte sich Gardi nach einem Selbstmordversuch selber an – wegen «Unzucht mit Kindern». Die Lehrtätigkeit wurde ihm verboten, also machte er sein Hobby zum Beruf und arbeitete fortan als freier Schriftsteller, Fotograf, später dann auch als Dokumentarfilmer.

Populär wurde Gardi vor allem dank seiner Vortragsreisen, Radio- und Fernsehsendungen. Er war ein Mann von beeindruckender Erscheinung und grossem Charisma, wusste die Medien geschickt zu bedienen und verstand es, fesselnd von seinen Erlebnissen in der Fremde zu erzählen. Vor allem von seinem «Traumland Afrika», das er, anfänglich im Norden Europas unterwegs, ab den 1940er-Jahren immer mehr für sich entdeckte; das von Gardi vermittelte Bild von Afrika hat die Wahrnehmung in der Schweiz von 1960 bis in die 1980er-Jahre hinein geprägt.

Aus heutiger Sicht ist dieses Bild ambivalent. Und hier setzt Mischa Hedingers Film an. Zum einen ist das Bild, obwohl die Schweiz keine eigenen Kolonien besass, stark geprägt von einem kolonialistischen Blick und einer missionarischen Haltung. Abgesehen davon ist es, wie Hedinger im Presseheft formuliert, «subjektiv und konstruiert», oder, ander gesagt, derart «sorgfältig inszeniert», dass es weniger über Afrika erzählt, als vielmehr einiges über Europa verrät. Und über die Sehnsucht der Europäer nach einer von der Industrialisierung (und von Kriegen) unversehrten, paradiesischen Welt.

Es gelingt Hedinger, dies nachzuweisen. Er vermeidet dabei jeden Kommentar und arbeitet ausschliesslich mit Gardis Leben, Werk und Nachlass. Im Zentrum stehen die 32 Afrikareisen und die dabei entstandenen Fotos, Tagebücher, Briefe, Zeitungsartikel sowie Film- und Tonbandaufnahmen, insbesondere auch die Dokumentarfilme der 1960er-Jahre. Neben «Mandara» sind das etwa «Dahomey – Ein Bilderbuch» (1961), «Der Glasmacher von Bida» (1963) und «Nous les autres» (1964).

Fehlende Einordnung

Hedinger weist auf die Widersprüche in Gardis Werk ebenso hin wie auf die Momente der Verfälschung. Etwa wenn er belegt, dass, wo Gardi in einem Film eine «traditionelle Hochzeit» zeigt, das Hochzeitspaar in Wirklichkeit nicht liiert war und Gardi aus dramaturgischen Überlegungen den Braupreis willkürlich erhöhte. Anderswo erfährt man, wie er, um in Ruhe filmen zu können, den Frauen beim Wasserholen Schweizer-Franken zusteckte, und dass er, obwohl er in seinen Filmen darüber kein Wort verliert, durchaus wusste, dass die «wilden Schwarzen» so frei und wild gar nicht waren.

«African Mirror» ist spannend. Vor allem da, wo er über sich hinausweisend thematisiert, was nachgerade in der heutigen, von der Rasanz der Informations-Übermittlung geprägten Zeit brisant ist: Dass jedes auktoriale Werk eine subjektive Komponente hat und es so etwas wie objektive Dokumentarfilme gar nicht gibt. Bedauerlicherweise verpasst es Hedinger, Gardis Werk sozial- und kulturhistorisch einzuordnen und die Kriterien seines Umgangs damit transparent zu machen. Denn letztlich ist auch Hedinger nichts anders ein Regisseur, der in «African Mirror» seine persönliche Sicht der Dinge darlegt.

«African Mirror» läuft im Kino Cameo am Lagerplatz. Am Freitag, 17.1., 20.15 Uhr, mit Regisseur Mischa Hedinger im Gespräch. Vorführungen bis 17.2.

Erstellt: 14.01.2020, 15:09 Uhr

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