Winterthur

Vergnügliches Senioren-Reisli in die Lüfte

Zu einer Flugreise in die Vergangenheit lud Pro Senectute in der Alten Kaserne ein: Buchautorin Pascale Marder las aus ihrem Buch über Nelly Diener, die erste Lufthostess der Swissair und Europas.

Ein kurzes, abenteuerliches  Leben: Nelly Diener, die erste Swissair-Stewardess. Foto: PD

Ein kurzes, abenteuerliches Leben: Nelly Diener, die erste Swissair-Stewardess. Foto: PD

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Die angeregten Gespräche verstummen augenblicklich, als Veronika Ehrensperger ihre Harfe erklingen lässt. Mit zunächst wuchtigen Akkorden, dann aber mit verträumten Arpeggi stimmt sie auf den «aviatischen» Nachmittag ein, wozu ihr flügelförmiges Instrument, das zudem mit Engeln assoziiert wird, bestens passt.

Denn um einen «Engel der Lüfte» geht es in der Lesung, die Pro Senectute zum «Tag der älteren Menschen» organisiert hat: Die Journalistin Pascale Marder stellt ihr gleichnamiges Buch über Nelly Diener vor, die die erste Lufthostess bei der damaligen Swissair und zugleich die erste in Europa war.

«Ein fliegender Engel für die psychische und physische Betreuung»

Dabei entführt sie ihr Publikum auf eine Zeitreise in die Dreissigerjahre, in denen die Passagierfliegerei überhaupt erst aufkam und in denen Swissair gegründet wurde. Deshalb geht es zunächst um Aviatikgeschichte, die Pascale Marder mit vielen Fakten, aber auch durch nahezu unglaubliche Anekdoten vermittelt.

Ihr anschaulicher und lebendiger Vortrag wird von schönen Harfenklängen umrahmt; zudem reichert sie ihn durch Projektionen von historischem Bildmaterial an. So sorgt etwa ein früher Flugplan der Balair (die 1931 mit der Ad Astra zur Swissair vereint wird) für Heiterkeit: Zu den damals ab Basel angebotenen Flugdestinationen gehörte unter anderem La Chaux-de-Fonds.

Cognac für Notlandungen

Die Direktoren der neu gegründeten Airline sind Walter Mittelholzer (Ad Astra), als vorerst einziger Pilot fürs Fliegerische zuständig, und Balz Zimmermann (Balair), der sich ums Administrative kümmert. Bei ihm stellt sich Nelly Diener 1934 vor – für einen Job, den es damals noch gar nicht gab: Man suchte einen «fliegenden Engel für die psychische und physische Betreuung» der 14 Passagiere an Bord der aus Sperrholz bestehenden Curtis Wright Condor.

Dabei könne sie belegte Brote und Cognac auf eigene Rechnung verkaufen. Letzterer werde vor allem bei Luftkrankheit oder nach Notlandungen sehr geschätzt. Pascale Marder hat das (erfolgreiche) Bewerbungsgespräch und weitere Szenen aus Nelly Dieners Leben recherchiert und humorvoll nachvollzogen. Immer wieder geht ein Raunen oder Gelächter durchs Publikum: So unglaublich und abenteuerlich erscheint selbst älteren Zuhörenden vieles.

Ein Engel unter Haudegen

Natürlich spielt dabei der schon in den Zwanzigerjahren zum Star gewordene Flugpionier Walter Mittelholzer eine zentrale Rolle: Er war ein fliegerischer Haudegen mit Dandy-Allüren, liebte das Risiko und eine mondäne Entourage, legte aber immer wieder auch spektakuläre Bruchlandungen hin – bei denen jedoch glücklicherweise nie jemand ernstlich verletzt wurde.

Eine solche erlebte auch Nelly Diener: Bei einem Rückflug von Berlin stellten die Motoren ab, was (wegen der plötzlichen Ruhe) natürlich auch den Passagieren nicht entging. Nelly Diener hatte die Gäste auf die Notlandung vorzubereiten – sie tat es mit den Worten: «Wir befinden uns im Gleitflug und bereiten eine geordnete Zwischenlandung vor.»

Diese fand nachts bei strömendem Regen auf einem durchweichten Acker statt ... Mit Hilfe eines Bauern konnte das Flugzeug wieder flottgemacht und betankt werden (Mittelholzer hatte das zuvor vergessen). Da man damals ab jedem Feldweg starten konnte (!), wurde der Flug sofort unbeirrt fortgesetzt.

Durchnässt, mit verdreckten Schuhen und wohl auch weichen Knien erreichte man bald Dübendorf: So einfach war das Fliegen zu dieser «mechanischen» Zeit noch! Und so gefährlich. Nelly Diener, dieser «langbewimperte Engel der Lüfte», flog nur wenige Monate. 1934 kam sie bei einem Flugzeugabsturz in Tuttlingen ums Leben.

Erstellt: 02.10.2019, 16:23 Uhr

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