Musikkollegium

Viel Verve und Spirit für die ewig junge Klassik

Mozart, Haydn, Beethoven sind immer noch jung – Louis Schwizgebel und Roberto González im Konzert.

Pär Näsbom, Stimmführer der 2. Geigen, wird verabschiedet.

Pär Näsbom, Stimmführer der 2. Geigen, wird verabschiedet. Bild: hb

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Sogar der Bruder des grossen alten «Papa Haydn», der in Sin­foniekonzerten nur selten auftaucht, Michael Haydn (1737–1806), gebärdete sich am Mittwoch im Stadthaus wie ein kleiner Junge und liess das türkische Schlagzeug ins feine Orchesterspiel krachen. Zu hören waren Stücke aus seiner Schauspielmusik zu Voltaires «Zaïre».

Konzertmeister Roberto González Monjas spielte und leitete das Orchester, das unter seiner suggestiven Präsenz gleichsam zu seinem verlängerten Arm wird. Seiner Musikalität kann man Reife keineswegs absprechen, aber er liebt es, mit jugendlicher Energie auch aufs Ganze zu gehen, vom Auftakt bis zum Schlussakkord eines reich befrachteten Abends hochpräsent. Das kann heissen: wunderbar ätherisches Spiel, höchste Sensibilität, aber auch die Schärfe des Fortissimo und Furioso.

Joseph Haydns zweitletzte Sinfonie (Nr. 103!) bot reichlich Stoff für beides. Es ist die «mit dem Paukenwirbel», die 1795 das Londoner Publikum jubeln liess. Der Paukenwirbel, notiert als Takt mit Fermate und überschrieben mit «Solo Intrada», eröffnet die Sinfonie.

Realisiert wird er auf höchst unterschiedliche Weise, vom Raunen, aus dem der Ton der Bässe herauswächst, bis zum rhythmisch gegliederten, ausgedehnten Solo, von der romantischen Idee eines «Uranfangs» bis zum festlichen Gedonner. Der «historisch informierten» zweiten Version folgte draufgängerisch nun auch das Musikkollegium. Dass Haydn für überraschende Effekte gut war, ist bekannt, wie stimmig im Kontext des dunklen Moll-Charakters der Adagio-Einleitung der Paukenpomp war, durfte man fragen. Die Pauke wirkte dann im Verlauf der vier Sätze im Tutti mit für geschärfte Fortissimi, deren Aufplatzen González vielleicht mehr liebt, als für den Stadthaussaal gut ist.

Aber wie gekonnt waren diese Pointen und wie gut gesetzt in ein differenziertes, musikalisch farbiges, empfindungs- starkes Spiel. Das Wunder von Haydns Variantenspiel mit einer volkstümlichen Melodie im zweiten Satz war reines Hörglück, die Kombinatorik des Finalsatzes zog in Bann, und das Werk des gestandenen Klassikers insgesamt war von einem musikalischen Enthusiasmus, der ansteckend in den Saal hinaus wirkte.

Virtuoses Feuerwerk

Haydn-Spezialisten weisen darauf hin, dass gerade die Sinfonie «mit dem Paukenwirbel» auf Beethoven vorausweist: Dass sie im zweiten Teil des Abends nichts Altväterisches hatte, war dafür ein Beleg jenseits musikologischer Sachverhalte. Denn das Hauptwerk im ersten Teil war Beethovens kraftvoll glänzendes Klavierkonzert Nr. 1 mit Louis Schwizgebel als Solisten. Mit einer kolossalen Kadenz im ersten Satz bot er ein virtuoses Feuerwerk, das seinesgleichen sucht, beethovensches Powerplay, aber auch dem lyrischen Aufstieg in die idealistischen Sphären wurde er mit souveräner Musikalität gerecht.

Das Zusammenspiel mit dem Orchester – González wechselte dafür von der Geige zum Taktstock – entwickelte sich schnell zur selbstverständlichen «unité de doctrine». Der Genfer und González sind um wenige Monate gleich alt, und ihre Verbundenheit im Geist der Musik demonstrierten sie mit der Zugabe des Scherzo-Satzes aus Beethovens Violinsonate Nr. 7.

Zu Haydn und Beethoven gehört «natürlich» Mozart. Mit Sätzen seiner selten gespielten Musik zum Schauspiel «Thamos, König von Ägypten» wurde der Abend fulminant eröffnet. Unter den vielen Orchestersoli, die den Abend mitprägten, trat hier beseelt besonders die Oboe hervor. Andere wären zu erwähnen, aber von einem Orchestermitglied, das im Publikum sass, muss hier noch die Rede sein.

Nach über dreissig Jahren als Stimmführer der zweiten Geigen wurde in einer kurzen Würdigung nach der Pause Pär Näsbom verabschiedet. In all den Jahren war er auch als Solist zu hören, und die zweite Geige spielte er auch im Winterthurer Streichquartett. Dass diese Position keine einfache ist, besagt schon die Redensart. Direktor Samuel Roth und Konzertmeister Gonzáles Monjas würdigten ihn als feinen Musiker, liebenswürdigen Kollegen und ruhigen Pol im Orchester.

Erstellt: 31.01.2019, 17:52 Uhr

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