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Von grossen Ideen und falschen Erzeugern

Das Zimmer-Theater Ariane zeigt mit «Die rote Jungfrau» auf kleinem Raum ein bemerkenswertes Stück über grosse Ideen.

Eine extreme Mutter-Tochter-Beziehung, gespielt von Rachel Matter (links) und Mona Petri.
Eine extreme Mutter-Tochter-Beziehung, gespielt von Rachel Matter (links) und Mona Petri.
zvg

«Schon beim Reinkommen wusste ich, hier bin ich gern», schwärmt «Kulturschock»-Kandidat Balths Häusermann vom Premieren-Abend im Theater Ariane. Die Atmosphäre ist tatsächlich ungewohnt. Was von aussen wie eine Gartenlaube aussieht und früher blosser Proberaum war, feiert heuer bereits sein sechstes Bühnenjahr. Das Mobiliar mutet zwar noch immer etwas behelfsmässig an, umso herzlicher wird dafür jeder Gast persönlich begrüsst, bevor Regisseur Jordi Vilardaga das Publikum einführt und gleich auch zum anschliessenden Apéro einlädt. Das Licht wird ausgeknipst, 70 kompakte und hochdosierte Minuten einer unglaublichen Geschichte nehmen ihren Lauf.

Erziehung zur Revolutionärin

«Ich sollte die erste wirklich freie Frau der Welt werden»: Mit diesen Worten stellt sich Hildegard Rodriguez (Mona Petri) puppenähnlich dem Publikum vor. Anhand von Archivmaterial, Zeitungsartikeln und Prozessberichten erzählen Mona Petri und Rachel Matter die wahre Geschichte von Aurora Rodriguez und ihrer Tochter Hildegard im konservativen Madrid der 1920er Jahre. Die fanatische Mutter Aurora lässt sich gezielt von einem fremden Erzeuger schwängern. Damit verfolgt sie einen einzigen Zweck: Sie will ihr Produkt zu einer freidenkenden, hochintellektuellen Feministin und Revolutionärin erziehen. Sie will einen «Übermenschen» kreieren, der die Welt von sozialer Ungerechtigkeit und die Frauen von Unterdrückung befreien soll.

Dies gelingt beinahe. Schon mit drei Jahren legt Hildegard die Prüfung in Maschinenschreiben ab, mit dreizehn beginnt sie Jura zu studieren und veröffentlicht etliche Bücher und Schriften zu Gleichberechtigung und sexueller Befreiung der Frau. Mit achtzehn wird sie politisch aktiv und kämpft an vorderster Front, die stählerne Hand der Mutter immer im Nacken.

Dem kleinen Ensemble gelingt eine perfekte Mischung aus historischem Textmaterial und psychologischer Darstellung einer extremen Mutter-Tochter-Beziehung. Das berührt und bannt gleichermassen. Mit wenig Mitteln und einfachen Bühnenelementen werden Szenen und Umstände aus den Leben dieser zwei Frauen gezeigt. Da verzeiht man auch gern den Autolärm und die Musik, die vom Quartier hereindringen.

Tragisches Ende

Der pensionierte Lehrer Häusermann aus Küsnacht ist fasziniert: «Dieser Abend hat mich enorm berührt, weil das Thema leider noch so aktuell ist. Bei uns an der Goldküste kämpfen wir sosehr gegen diesen übertriebenen Ehrgeiz der Eltern, an dem die Kinder kaputtgehen können. Jeder Lehrer sollte sich dieses Stück ansehen.» Das Geschehen auf der Bühne endet tragisch: «Ich habe den falschen Erzeuger gewählt», fürchtet Aurora, als sie bemerkt, dass Hildegard sich allmählich abnabelt. Zum Entsetzen der Mutter trägt sie plötzlich auch Ohrringe und will mit einem Mann nach London fahren. Aurora sieht sich gezwungen, ihre Tochter zu töten, «um sie vor ihrer eigenen Schwäche zu retten». Das Ende der Geschichte besteht aus Prozessberichten, in denen die Mutter ihre Tat im vollem Besitz ihrer geistigen Kräftedem Staatsanwalt gesteht und schildert. Sie wird zu 26 Jahren Haft verurteilt.

Ein erstaunliches Porträt zweier erstaunlicher Frauen wird einem hier nähergebracht, über die man gerne noch mehr erfahren möchte. Auch Balths Häusermann meint: «Ich würde sofort ein zweites Mal hingehen, dieser kleine Raum macht alles so unmitelbar und nah, das wäre auf einer grossen Bühne nicht möglich.»

Bis 2. April, Theater Ariane, Schaffhauserstrasse 44.

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