Winterthur

Von schönen Ziegen und ausgesetzten Kindern

Zu ihrem 20. Geburtstag präsentieren die Singfrauen Winterthur ein besonderes Geschenk: mit der georgischen Sängerin Tamar Buadze und dem Albin Brun Quartett bringen sie selten gehörtes Liedgut aus aller Welt ins Theater Winterthur.

Konzerte der Singfrauen bieten auch etwas das Auge. Hier bei einem Auftritt im Juli 2017 auf der Kyburg.

Konzerte der Singfrauen bieten auch etwas das Auge. Hier bei einem Auftritt im Juli 2017 auf der Kyburg. Bild: Michael Lio

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Man könnte meinen, die Singfrauen Winterthur wären immer in Bewegung. Sie treten heute und morgen im Theater Winterthur auf, aber auf der Bühne bleiben sie nur für den ersten Teil des Programms.

Dann feiern sie ihr 20-jähriges Bestehen mit musikalischen und kulinarischen Überraschungen im Foyer weiter. Dass Sie gerne reisen, zum Beispiel um die aussergewöhnlichen Klangsphären Georgiens zu erkunden, haben ihre Zuhörer auch schon mit eigenen Ohren bemerkt.

«Es sind Stücke, die wir total gerne mögen, Herzenslieder»

Nun stellen sie sogar «Lieder und Gesänge aus allen Himmelsrichtungen» vor. Konsequenterweise heisst das Geburtstagsprogramm «Unterwegs».

«Es sind Stücke, die wir total gerne mögen, Herzenslieder», sagt die Chorleiterin Franziska Welti, die den Chor vor zwanzig Jahren gegründet hat. Einige haben sie neu einstudiert, aber auch Bekanntes kostümiert in Szene gesetzt und für die Bühne mit stimmungsvoller Beleuchtung eingerichtet.

Vierundvierzig Frauen, vier Musiker und der «Special Guest» aus Georgien, die Sängerin Tamar Buadze, wollen die Schönheit der menschlichen Stimme feiern. Ein Anliegen, dem sich die vielseitig engagierte Welti mit intensivem Einsatz widmet. Zunächst wird jedoch Mara Bollag das Konzert mit einem Joik, einem Kuhreihen eröffnen.

Im folgenden uralten Lied aus Svanetien/Georgien wird der Stier dann schon geopfert, kombiniert mit einem Naturjuuz aus dem Muotathal. Gesänge aus weiteren georgischen Regionen folgen; in Portugal stirbt der Müller und in den Abruzzen fällt die Olive vom Baum.

Höhen und Abgründe

Es ist eine abwechslungsreiche Mischung, die die Dirigentin für ihre erfahrenen Singfrauen zusammengestellt hat. Darin spiegelt sich wieder, dass Welti am Konservatorium Unterricht in Sologesang und Improvisation mit Stimme und Körper erteilt. Das Experimentieren mit Sprache und Rhythmus sowie die Bewegungsarbeit setzen die Frauen in den Aufführungen gekonnt um.

Für den Zuhörer ist es eine Fahrt durch menschliche Höhen und Abgründe, von der ersten Liebe über die Hochzeit bis zum unerwünschten, in der Wildnis ausgesetzten Baby. Die fremdsprachigen Texte werden im Programm übersetzt.

Für die Inszenierung zeichnet die Schauspielerin Delia Dahinden verantwortlich. Patricia Draeger aus Meierskappel unterstützt die Darbietung mit ihrem Akkordeon; dazu spielen Markus Lauterberg (Percussion), Claudio Strebel (Kontrabass) sowie Albin Brun (Saxophon/Schwyzerörgeli). Sie alle haben ausgeprägte Weltmusik-Erfahrung, sei es von Corin Cuschellas Ensemble La Grischa oder ihren eigenen Ensembles.

Verstärkung erhalten die Singfrauen ausserdem von 18 ihrer über 30 Berliner Kolleginnen. Franziska Welti hat nämlich seit 2013 auch in der deutschen Hauptstadt Erfolg mit ihrem Konzept. Einen Sonntag und ein bis zwei Abendproben gestaltet sie von ihrem dortigen Wohnsitz aus. «Sie singen zum Teil die gleichen mediterranen und osteuropäischen Lieder und können so auch gemeinsam mit uns Auftritte bestreiten.» Die gemischte Formation war bereits in Berlin, Winterthur und Georgien zu hören.

Lieber ohne Männer

Längst kann nicht mehr jede Interessierte der Gruppe beitreten. Stimmsicherheit und Singerfahrung seien nötig, sagt die Chorleiterin. «Wir haben ein grosses Repertoire, das man erst erlernen muss; dafür könnten wir auf morgen spontan eine Stunde Programm singen.» Die Verbindungen der Frauen untereinander seien auch sehr stark. Einmal wurde ein Projekt mit Männerstimmen abgelehnt.

«Wir könnten spontan eine Stunde Programm singen»

as sei ihr Abend, argumentierten die Frauen, an dem wollten sie unter sich bleiben. Ebenso stehen sie untereinander in enger Beziehung: beim Kinderhüten, gemeinsamen Ferien oder Saunabesuchen. «Das hat sich so ergeben», sagt Welti, es sei nie ihr Ziel gewesen, Männer auszuschliessen. Dafür gibt es eine gemischte Singwoche, zuletzt auf Schloss Wartegg am Bodensee.

Auch der Gast des «Unterwegs»-Konzerts, Tamar Buadze, ist nicht nur eine ausgebildete Sängerin und Chorleiterin. Sie hat in Georgien, wo sie mit ihrer Familie wohnt, studiert und leitet heute ihre eigene Folkloreschule. Im Jahr 2012 erhielt sie den Georgischen Verdienstorden für die Popularisierung des georgischen Liedguts in Europa. Ihre herzliche Freundschaft zu den schweizerischen und deutschen Sängerinnen dürfte dabei eine Rolle gespielt haben.

Buadze selbst wird abwechselnd mit Franziska Welti in «He asie», einem Lied aus ihrer Heimat, singen. Darin heisst es: «He, du junge Frau. Du bist so schön wie eine kleine Ziege …», auf Georgisch natürlich. Das bekommt man nicht alle Tage zu hören.

Unterwegs: Heute 19.30 Uhr und Sonntag, 17 Uhr, Theater Winterthur. Anschliessend jeweils Apéro und Fest im Foyer. (Der Landbote)

Erstellt: 07.09.2018, 12:02 Uhr

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