Ausstellung

Vor 50 Jahren wurde uns der Mond nach Hause geliefert

Die erste Mondlandung inspiriert die Fotografie bis heute. Die Fotostiftung Schweiz nimmt das Jubiläum zum Anlass, über das Verhältnis von Bild und Realität nachzudenken.

Mittels Bluescreen auf den Mond. Aus der Ausstellung der Fotostiftung.

Mittels Bluescreen auf den Mond. Aus der Ausstellung der Fotostiftung. Bild: PD

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Es ist nicht soviel Zeit vergangen wie seit der Entdeckung Amerikas. Aber ein Weilchen zurück liegt die Mondlandung schon. Schaut man sich die Bilder an, so fand sie eher vorgestern als gestern statt.

Die Tatsache, dass Menschen den Mond betreten haben, ist aus unserem Blickfeld verschwunden, sie ist sozusagen untergetaucht, stattdessen träumen wir, angeleitet von Hollywood und Elon Musk, jetzt davon, den Mars zu besiedeln.

Aus der Zeit gefallen wirkt auch der Astronaut mit aufgenähtem Schweizer Kreuz auf dem Foto von Max Grüter, der uns eingangs der Ausstellung begegnet: In der rechten Hand hält er eine schwarze Kugel. Das sei ein Meteorit, der ausgeschafft werden solle, sagt die rechts davon angebrachte Skizze. Mich erinnert sie an die Gefängniskugel der Panzerknacker in den Donald-Duck-Comics.

Der unglückliche Astronaut. Bild: PD

Der Mann wirkt nicht glücklich: Die sagenhafte Weite des Alls ist hier geschrumpft zu einem kleinen roten Quadrat, das offenbar die Schweiz repräsentiert und auf dem er mit Schneeschuhen steht, als wäre er unterwegs zum nächsten Quartierladen festgefroren. Auf den Mond möchte der nicht – er ist eher schon dort.

Zumindest könnte es sein, dass das «Meer der Ruhe» auf seinem inneren Bildschirm aufleuchtet. Emblemartige Sticker auf dem Raumanzug weisen darauf hin, dass der Mann sich eine Flugbahn mit «Eva» teilt und an einem «Private Space Program» arbeitet. Mit Recht: Der private Raum ist, man weiss es, tatsächlich am Schwinden, nicht zuletzt dank Medienereignissen wie dem, um das es hier geht.

Die Mondlandung als Medienereignis

Am 20. Juli 1969 wurde ja nicht nur der Mond erobert, auch die Stuben der Menschen wurden zünftig kolonialisiert, das Fernsehen lieferte den Erdtrabanten nach Hause, lange vor Amazon und Zalando. Für die Fotoserie «Kosmodrom» hat Grüter, Jahrgang 1955, das Wohnzimmer seiner Eltern rekonstruiert; dort sah er damals die Live-Übertragung. Dabei nimmt der Künstler die Redeweise von der «Mondlandung in der Stube» wörtlich: In der Luft schwebt ein Astronaut, der den Raum ausfüllt. Man braucht nicht auf den Mond zu fliegen, um sich fremd zu fühlen. Es genügt, sich die Schweiz als Insel zu denken.

Die erste Mondlandung, im Rahmen der Mission Apollo 11, war das Medienereignis schlechthin, und sie ist es bis heute. Das Gefühl, ein Geschehen von einmaliger Bedeutung und zusammen mit Millionen anderen – laut Wikipedia waren es 500 bis 600 Millionen – «live» mitzuerleben, dürfte seither nicht mehr übertroffen worden sein.

Ein Bild pro Sekunde, Edy Brunner knipste die Mondlandung 23688 Mal ab. Bild: PD

Edy Brunner, Jahrgang 1943, stellte damals eine Kamera vor den Farbfernseher und schoss pro Sekunde ein Bild – 23688 kleinformatige, weiss gerahmte Aufnahmen wurden es, sie füllen nun die Bildwand «Apollo 11», auf der er sie aneinander montiert hat. Sie ist ein Dokument der Mondlandung wie ihrer Übertragung im Fernsehen und steht überdies für einen konzeptuellen Ansatz in der Fotografie, der damals neu war.

Es lässt sich nicht behaupten, dass sich das Fernsehen erst mit der Mondlandung als Medium etabliert hätte, das die Massen in Bann zu ziehen vermochte. Das hatten in den USA Jahre früher schon die Ed-Sullivan-Show mit Auftritten von Elvis und den Beatles geschafft. Popstars stammten im Grunde zwar auch von einem anderen Stern. Aber der Mond war nicht bloss eine Metapher, er war real. Und er war fremd. Zudem konnte man nun von dort einen Blick zurück zur Erde werfen.

Das war auch die Stunde der illustrierten Zeitschriften wie «Life» und der «Schweizer Illustrierten», sie lieferten sich einen Wettlauf um die Publikation der Bilder. Die Passage in der Fotostiftung dokumentiert dies und zeigt – neben ikonenhaften Fotos wie dem von der Erde als Halbkugel über dem Mond (aufgenommen von Apollo 8, Dezember 1968) oder dem Porträt, das später unter dem Namen «Mother Earth» zum Mahnmal der Umweltbewegung avancierte (Apollo 14, 1972) – auch weniger bekannte Aufnahmen.

Die Hersteller des Universums

Die Bilder geben indes nicht unbedingt das wieder, was die Astronauten sahen, wie Christian Waldvogel zeigt, der sie Charlie Duke, 1972 Pilot der Raumfähre von Apollo 16, vorlegte. Mehr noch: Die Bilder selbst enthalten systematische Leerstellen, sie können gar nicht anders, denn sie sind stets aus einem bestimmten Blickwinkel aufgenommen.

In ihrer Installation mit dem sprechenden Titel «The Universe Makers» (Die Hersteller des Universums, 2016-17) macht die italienische Künstlerin Bianca Salvo darauf aufmerksam, indem sie bekannte Aufnahmen bearbeitet und Kreise heraus schneidet, die den Blick auf den weissen Grund freigeben.

Aus einer Seite eines Comics, auf der der gut trainierte Held die Frau auf seinen Armen trägt, fertigt sie ein sexuell konnotiertes Papierflugzeug namens Atlas: Die damals verwendete Trägerrakete trug den Namen des tragischen Helden, der in der griechischen Mythologie das Weltgebäude auf seinen Schultern trägt. Salvo macht daraus einen ironischen Hinweis darauf, dass Bilder nie für sich stehen. Hinter ihnen türmen sich ganze Bild- und Ideenprogramme. Ikonisch für den Fortschritts-Optimismus jener Jahre ist die Aufnahme der sieben Astronauten des Mercury-Programms von 1960.

Erstaunen, Freude oder Entsetzen? Was sehen diese Menschen? Bild: PD

Auf einer anderen Aufnahme blicken Männer und Frauen in den Himmel – was sehen sie dort? Vermutlich schauen sie fasziniert einer gerade gestarteten Rakete nach. In Wirklichkeit entstand die Aufnahme 1986 beim Start der verunglückten Raumfähre Challenger, und zwar unmittelbar nach der Explosion.

Salvo hat eine Aufnahme gewählt, in der ungläubiges Staunen in Entsetzen umschlägt; auf den Gesichtern sind erst Spuren davon sichtbar. Das sieht man aber nur, wenn man über diese Information verfügt (Salvo und die Ausstellungsmacher sagen es uns nicht). Der Kontext entscheidet darüber, was wir auf Bildern sehen. Auf die richtige Spur führen in diesem Fall die Buttons an den Kleidern, sie zeigen Porträts von Astronautinnen. Die gab es 1969 noch nicht, erst ab 1983.

Die Absurdität des Mondes im Bild. Video: Helmut Dworschak

Die Absurdität des Besuchs auf dem Mond samt Fernseh-Übertragung – die wir nicht mehr wahrnehmen, weil sie alltäglich geworden ist – setzt der französische Künstler Pierrick Sorin, Jahrgang 1960, in seiner Installation «Pierrick sur la Lune» in Szene. In einem Setting, das an den polnischen Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem erinnert, versetzt er einen Astronauten und eine weibliche Figur im blauen Ganzkörperanzug mittels Bluescreen-Technik auf den Mond.

Dabei ist im Hintergrund ein Wohnraum mit aufgehängten Socken, WC-Rolle und Bodenreiniger zu erkennen. Der Astronaut ist mit sinnlos scheinenden Verrichtungen beschäftigt, die er seiner Assistentin gegenüber kommentiert. Auch grosse Ereignisse finden am Ende Platz in einem Zimmer.

Kunstvoll inszenierte Bilder müssen nicht zwingend lügen. Auf sie war man angewiesen, solange es die Geräte für «authentische» Aufnahmen noch nicht gab, die wir heute in der Hosentasche mit uns führen. Die Bildtafeln des schottischen Ingenieurs James Nasmyth aus dem Jahr 1874 wollten anhand von Gipsmodellen, die er nach Beobachtungen am Teleskop erstellte, die Ähnlichkeit der Mondoberfläche zu Landschaften auf der Erde belegen.

Tatsächlich: Eine zumindest optische Verwandtschaft des «normalen Mondkraters» mit dem Krater des Vesuvs ist nicht von der Hand zu weisen. So spricht man ja auch angesichts einer unwirtlichen Gegend von einer «Mondlandschaft». Womit einmal mehr bewiesen wäre, wie nahe und gleichzeitig wie fremd Bild und Realität einander sind.

«Mondsüchtig. Fotografische Erkundungen»: Fotostiftung Schweiz, Grüzenstrasse 45, bis 6.10.

Erstellt: 14.06.2019, 11:16 Uhr

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