Ausgeblasen

Walti Weber legt die Klarinette weg

Fast sein ganzes Leben lang spielte Walter Weber New-Orleans-Jazz, die letzten dreissig Jahre als Profi in noblen Hotels. Nun bläht er zum letzten Mal die Backen auf; Weber und seine Frau gehen jetzt auf Reisen.

«Ich bin etwas ausser Form», sagt Walter Weber. Darum wird der 69-Jährige für seinen letzten Auftritt tun, was er fast nie in den letzten vierzig Jahren tat, nämlich üben.

«Ich bin etwas ausser Form», sagt Walter Weber. Darum wird der 69-Jährige für seinen letzten Auftritt tun, was er fast nie in den letzten vierzig Jahren tat, nämlich üben. Bild: Marc Dahinden

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Die erste Klarinette kaufte er mit 16 in einem Trödelgeschäft an der Technikumstrasse, das Spielen brachte er sich selber bei. Jetzt will er mit 69 Jahren sein Instrument zur Seite legen, nach einer Karriere, die ihn mit den Besten ihres Fachs zusammenbrachte. Zwei Mal noch ruft er seine Musiker zusammen.

Jene die noch am Leben sind. Eben spielten sie im Hever Castle, der früheren Familienburg der Tudors in Kent. Das Schloss gehört heute einem Freund Webers, der dort mit Waltis Musik goldene Hochzeit feierte. Den lokalen Schlusspunkt setzen Walter Weber and his international New Orleans Jazzband am 5. August im Sommertheater.

Wie bitte? Dixieland?

Zunächst dies zur Erklärung: New-Orleans-Jazz ist nicht gleich Dixieland. Der Stil aus den 1940er-Jahren ist weniger weiss, weniger schnell, weniger «verdudelt» als die hiesigen Dixie-Bands. «Nicht so fürs Bierzelt, sondern eher konzertant», sagt Weber.

«Etwas schwieriger wird es erst, wenn eine Sängerin dabei ist.»Walter Weber, 
Klarinettist

Fürs ungeübte Ohr freilich gibt es durchaus Parallelen: Ein Blasinstrument hat die Melodiestimme, meist die Trompete, die anderen Bläser spielen drum rum. Oftmals entscheide man auch auf der Bühne, wer die Melodie spiele, erzählt Weber. «You take the lead», sage er dann jeweils zum Mitmusiker.

Gespielt wird ohne Noten und meist – obschon die Besetzung immer wieder wechselt – auch ohne Probe: «Man kennt die Songs, auch wenn es Hunderte sind», erzählt Weber. «Etwas schwieriger wirds erst, wenn eine Sängerin dabei ist, dann muss man die Tonart ihrer Stimmlage anpassen.» Sonst gilt: One, two, three, und ab die Post.

Musik statt Englischdiplom

Für Walter Weber ging die Post um 1990 so richtig ab. Bis dahin hatte er (zwar mit Studium, aber ohne Abschluss und ohne Lehrdiplom) am Technikum Englisch unterrichtet und daneben seine Musikerkarriere verfolgt. Plötzlich verlangte die Schule nun ein Papier und einen Abschluss. Weber hatte keine Lust, das nachzuholen, also setzte er ganz auf die Karte Musik – und bereut es bis heute nicht.

Seine Karriere brachte Weber in die besten Hotels des Landes, nach St. Moritz und Davos, Arosa und Gstaad, nach Flims ins Waldhaus und in den Quellenhof von Bad Ragaz. Vier Sterne oder fünf, Spielen im Hemd meist mit Kravatte. Ins Rollen gebracht hatte die Karriere ein Schulfreund aus Veltheim, der als Hotelier in St. Moritz Walti eine Chance gab.

So holt man sich die Besten

Weber nutzte sie. Vier bis fünf zwei- und dreiwöchige Tourneen pro Jahr waren es jeweils, 100 bis 120 Konzerte. Die Musiker kamen aus allen Himmelsrichtungen, viele aus England und Schottland, aus Norditalien und Deutschland, einige auch aus der Schweiz. Er telefonierte und mailte, bis er die richtigen beisammen hatte. «Den Briten zahlte ich immer das Flugticket, garantierte gute Unterkunft mit sehr guter Verpflegung, und als Gage das Doppelte dessen, was sie zu Hause verdienten.»

Mit den Jahren verlegte sich Weber auch aufs Organisieren: In Arosa, Celerina, Davos und in den Flumserbergen rief er in Zusammenarbeit mit den Tourismusbüros kleinere Festivals ins Leben, die zum Teil bis heute stattfinden.

Deshalb ist jetzt Schluss

Drei Grüne nennt Weber, weshalb er all das nun beenden will: Die Band habe er eigentlich schon vor zwei Jahren aufgegeben, «weil einige liebe Mitmusiker starben und ich kaum noch Nachwuchs finde». Grund zwei: Er hat mit Konzerten und einer kleinen Erbschaft genügend beisammen, damit er sich eine Eigentumswohnung in Seen im Grünen kaufen konnte. Und zum dritten wollen er und seine Frau Madeleine das nachholen, was bisher zu kurz kam, das Reisen.

«Ohne sie hätte ich all das organisatorisch gar nicht bewältigen können, wir waren stets gemeinsam für die Festivals verantwortlich», sagt Weber. Nun wollen sie jene Länder kennenlernen, die er als Musiker nie bereiste. In New Orleans und in Grossbritannien war er schon unzählige Male, Asien aber ist Neuland, und die Ostseeküste mit Velo erfahren auch: «Wunderschön».

Zunächst aber wird er etwas tun müssen, was er in den letzten vierzig Jahren fast nie tat: Er wird üben müssen, also die Finger bewegen und die Backenmuskeln trainieren, denn: «Ich bin etwas ausser Form.»

Walter Weber and his international New Orleans Jazzband: Abschiedskonzert am 5. August, 17 Uhr, im Sommertheater. Tickets gibts dort. (Der Landbote)

Erstellt: 31.07.2018, 15:27 Uhr

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