Fest der Kirchenmusik

Warum Zwingli die Musik aus der Kirche verbannte

Im Zentrum von Vielklang,dem fünften Fest der Kirchenmusik, steht ein Oratorium über den Zürcher Reformator Ulrich Zwingli. Komponiert hat es der Winterthurer Musiker Burkhard Kinzler.

Hans Asper (1499–1571) malte nach 1531 das älteste erhaltene Porträt von Ulrich Zwingli. Es befindet sich in der Sammlung des Kunstmuseums Winterthur.

Hans Asper (1499–1571) malte nach 1531 das älteste erhaltene Porträt von Ulrich Zwingli. Es befindet sich in der Sammlung des Kunstmuseums Winterthur. Bild: Kunstmuseum Winterthur

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Zum Gespräch im Restaurant Casino kommt er mit um den Hals gelegten Kopfhörern. Jazz aus England höre er gerade. Dort gebe es interessante Bands, die Musik ist komplex und entspannt ihn. Burkhard Kinzler, Professor unter anderem für Musiktheorie an der Zürcher Hochschule der Künste, hat ein Oratorium über Ulrich Zwingli (1484 bis 1531)geschrieben. Was hat ihn am Zürcher Reformator interessiert?

Zwingli war ein hervorragender Musiker. Die Frage, weshalb ausgerechnet er die Musik aus dem Gottesdienst verbannte, hat Kinzler gefesselt. «Zwingli hat unglaublich viel geschrieben», sagt er. Kinzler, der vorher nicht viel über Zwingli wusste, beschäftigte sich mit den Quellen – achthundert Briefe sind überliefert – und liess die drei erhaltenen Lieder in sein Werk einfliessen.

Am Anfang war das Wurstessen

Am ersten Fastensonntag des Jahres 1522 begab sich Zwingli in das Haus des Druckers Christoph Froschauer zum nachmals berühmten Wurstessen und brach damit das Fasten: Laut Kinzler «die erste dezidiert reformatorische Handlung». Bei dieser Gelegenheit sagte Zwingli den Satz, der Kinzlers Komposition den Titel lieferte: «Wo der Gloub ist, da ist Fryheit.» Jeder Christ, so ist das gemeint, solle dem andern seine Freiheit lassen und keine religiösen Lebensregeln für die Allgemeinheit aufstellen.

Die entscheidende Stelle über die Musik findet sich in der so­genannten Zürcher Disputation. Zwingli hatte, in seiner Funktion als Leutpriester am Zürcher Grossmünster, Neuerungen im Kopf. Mit dem Klerus aus Konstanz, zu dessen Bistum Zürich gehörte, diskutierte er deshalb Fragen der Schriftauslegung. Vielmehr: Zwingli habe die Konstanzer in Grund und Boden argu­mentiert, sagt Kinzler. Er habe sich in der Bibel schlicht viel besser ausgekannt als jene. Generell konnte der Klerus zu jener Zeit oft kaum lesen und schreiben,geschweige denn Lateinisch.

Persönliche Einkehr anstelle feierlicher Rituale

Und damit sind wir bei der fragwürdigen Rolle, die in Zwinglis Augen die Musik zu jener Zeit spielte: Die Gesänge waren inLatein, keiner verstand sie, nicht einmal die Sänger. Die Musik diente vor allem der Repräsentation und hatte oft keinen Zusammenhang mit dem Inhalt des Gottesdienstes, sagt Kinzler.

«Ade, mein Tempelgemurmel! Es ist mir nicht schade um dich.»Ulrich Zwingli

Mit der Reformation vollzieht sich ein grundlegender Wandel der Rolle kirchlicher Handlungen: Die Bedeutung der Rituale tritt zurück, stattdessen stellt jeder Einzelne in seiner inneren Einkehr eine persönliche Beziehung zu Gott her. Dafür braucht es Stille und Konzentration – Musik stört. Wie Zwingli es ausdrückte: «Ade, mein Tempelgemurmel! Es ist mir nicht schade um dich.»

Für sich privat machte Zwingli weiterhin Musik, in seinem Haus, in der Familie. Zwölf Instrumente habe er beherrscht, sagt Kinzler, sein Lautenspiel muss herausragend gewesen sein. Zwingli hatte eine humanistische Bildung genossen, die Musik war ein Teil davon. Er komponierte auch viel Musik. Erhalten sind nur Fragmente, so die Melodien dreier Lieder, die Kinzler in seinem Oratorium verwendete: das «Pestlied» (um 1519), der «Psalm» (um 1525) und das «Kappeler-Lied» (um 1530).

Die Zürcher Disputation steht im Zentrum von Kinzlers Oratorium, das chronologisch und unter Einsatz eines Erzählers Zwinglis Entwicklung zum Reformator schildert, wobei Kinzler vor allem die Briefe von und an Zwingli verwendet hat. Geredet und gesungen wird in Zwinglis Mundart, die nicht weit vom heutigen Schweizerdeutsch entfernt ist.

Die stilistische Bandbreite der Musik reicht vom Renaissance-Gesang bis zu Jazz und Pop, bei der Disputation erklingen sieeinmal alle durcheinander: «EinTohuwabohu», sagt Kinzler.

Singen wieder erlaubt – jetzt auf Deutsch

Gegen Ende seines Lebens änderte Zwingli seine Meinung, Singen war nun, mit Vorbehalt, wieder erlaubt. Zum Umschwung trugen Nachrichten aus Basel bei, wo die Gläubigen wieder zu singen begonnen hatten, nunmehr auf Deutsch.

«Und hat der gemeine Mann sonst keine Stimme in der Kilchen.»Aus dem Zwingli-Oratorium von Burkhard Kinzler

Winterthur war eine der ersten Gemeinden, die zum Kirchen­gesang zurückkehrten. 1546 erschien das Gesangbuch des Pfarrers Heinrich Goldschmidt aus Seuzach, in dem die Musik mit deutschen Texten unterlegt war: Erstmals konnte man als Laie danach singen. Damit endet das 45 Minuten dauernde Werk, in dem unter anderem auch der damalige Winterthurer Stadtrat vorkommt, verkörpert von einem fünfköpfigen Solo-Ensemble. Der Chor, gesungen von der Kantorei der Stadtkirche unter der Leitung von David Bertschinger, stellt das Volk dar. «Und hat der gemeine Mann sonst keine Stimme in der Kilchen», heisst es ganz am Ende – ob als Frage oder Behauptung, bleibt offen.

Rücksicht auf die Ausführenden

Bei der Komposition eines solchen Werkes müsse man auf die Gegebenheiten Rücksicht nehmen, die Musik solle für die Ausführenden erreichbar sein, sagt Kinzler. Ein Merkmal, das viele seiner Kompositionen auszeichnet, ist die Verbindung von alter und neuer Musik. Diesmal sei es darum gegangen, ein Amalgam aus modernen und Renaissance-Klängen sowie Populärmusik zu finden.

Der Musiker, der auch den Kammerchor Winterthur leitet, ist zurzeit als Komponist sehr aktiv. Am 10. Dezember etwa wird in Zürich sein zweites Streichquartett aufgeführt. Nun brauche er wohl bald einmal eine Arbeitspause, sagt Kinzler. Es kann sein, dass er dann an einem einzigen Wochenende wieder einmal sämtliche Harry-Potter-Romane durchliest.
Samstag, 20 Uhr, StadtkircheWinterthur. Eintritt frei, Kollekte. (Landbote)

Erstellt: 05.12.2018, 10:38 Uhr

Der 1963 in Stuttgart geborene Musiker Burkhard Kinzler studierte in Heidelberg Kirchenmusik, in Basel bei ­Roland Moser Komposition sowie Dirigieren in Trossingen. Seit 2003 ist er Professor an der Zürcher Hochschule der Künste. An seinem Wohnort Winterthur leitet er den Winterthurer Kammerchor, ausserdem ist er künstlerischer Leiter der Museumskonzerte. Sein ­umfangreicher Werkkatalog ­enthält sowohl Vokal- als auch Instrumentalmusik. (dwo) (Bild: PD)

Vielklang

Vielklang, die fünfte Ausgabe des Festes der Kirchenmusik, ­findet am Samstag in der Stadtkirche Winterthur statt. Auftakt ist um 14.15 Uhr. Die folgenden Programme beginnen immer zur vollen Stunde und dauern rund 40 Minuten, der Eintritt ist nur möglich zu Beginn eines Programmblocks. Das vielfältige Angebot reicht von der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens über eine Schubert-Messe bis hin zu Rocksongs der Gruppe Pentatonix. Uraufführung des Zwingli-Oratoriums um 20 Uhr. Der letzte Programmblock beginnt um 24 Uhr. Eintritt frei, Kollekte. (dwo)

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