Theater Winterthur

Was ist so schlimm daran, mal nichts zu sagen?

«Findlinge» handelt vom Schweigen und Schwatzen, von eingefrorenen Sehnsüchten und Geheimnissen aus der Tiefkühltruhe. Das Weltalmtheater zeigt das Stück des Zürcher Autors Daniel Mezger.

Der rätselhafte Fremde (Lukas Kubik, vorne) stört die Idylle. Auch Joanna (Dorothée Müggler) versucht ihn vergebens zum Sprechen zu bringen. Rechts Jaap Achterberg.

Der rätselhafte Fremde (Lukas Kubik, vorne) stört die Idylle. Auch Joanna (Dorothée Müggler) versucht ihn vergebens zum Sprechen zu bringen. Rechts Jaap Achterberg. Bild: Sibylla Walpen

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Es ist Donnerstag, 19.27 Uhr. In drei Minuten beginnt das Stück «Findlinge» des Schweizer Autors Daniel Mezger. Heute begleitet mich die lernende Pflegefachfrau Isabelle Schultheiss (22). Mit flatterndem Haar saust sie jetzt auf ihrem vollbepackten Velo direkt vor den Eingang des Theaters Winterthur. Sie hat gerade ein Praktikum in der Psychiatrie angefangen, auf einer Abteilung für ältere, depressive Menschen. Auch im Stück geht es um alte Menschen. Isabelle versteckt noch schnell ihre zwei Taschen hinter der kleinen Bühne im Foyer. «Die nimmt schon niemand», lacht sie. Licht aus, das Stück beginnt.

Das Bühnenbild zeigt einen karg eingerichteten Tankstellenshop, in dessen Mitte eine grosse Kühltruhe steht. Wir befinden uns irgendwo im hohen Norden. Der letzte Bus Richtung Zivilisation ist eben abgefahren.

«Das beste Tier ist das Gnu»

Zurück bleiben ein paar alteingesessene Bewohner und die junge Joanna (Dorothée Müggler), die für die nächsten 39 Tage unbedingt in der Dunkelheit bleiben will. Gewohnte Mittel helfen den Alten hier, die Trostlosigkeit zu ertragen und Vergangenes im Eis zu gefrieren. Trinken, fernsehen, trinken, fernsehen. Zur zeitlichen Orientierung im Dunkeln dient die Kochsendung am Nachmittag, Tierfilme helfen über geheime Sehnsüchte hinweg.

«Das beste Tier ist das Gnu. Vorne ein Löwe, hinten ein Eiskunstläufer», schwärmt die schrullige Josephine (Ruth Oswalt), die sich zwanghaft an ihrer Erotik und ihrer vergangenen Jugend festkrallt, um gleich dar­auf weinend einzubrechen: «Es ist nicht fair, dass ich hier nachmittags sitze und weine, das hat mir niemand gesagt.»

Schnell einen Schnaps drüber

Die verabredete Idylle wird allerdings bald von einem mysteriösen Fremdling gestört (Lukas Kubik). Durch dessen hartnäckiges Schweigen und seine rätselhaften Tätigkeiten rund um die Kühltruhe bringt er den ganzen Ort in Unruhe. Plötzlicher Klimawandel. Misstrauen grassiert. Man verdächtigt ihn als Spion oder Forscher eines Ölkonzerns.

Auch Joanna versucht mit allen Mitteln, ihm einen Laut zu entlocken, vergebens. Denn selbst sie hat klare Vorstellungen davon, «wie es sein muss». Als der Ladenbesitzer (Paul Riniker) an einem Herzinfarkt stirbt, entlädt sich schliesslich die Angst aller Dorfbewohner am Fremden, den sie nun als Mörder bezichtigen. Die gewohnte Ordnung wird jetzt selbstständig wiederhergestellt (Regie: Lena Lessing). Nach dem Stück sprechen Isabelle und ich über den Fremden.

Geschwätz und stille Wasser

«Ich würde so gerne wissen, wie er redet, war­um er nichts gesagt hat. Und was er da im Eis gefunden hat», sagt sie. Ob sie das nicht auch aggressiv machen würde, wenn einer so penetrant schweigt, frage ich sie. «Überhaupt nicht, ich glaube, er hatte seine Gründe, ich mochte ihn von allen am liebsten. Er wollte den Leuten nur helfen.» «Aber man muss doch kommunizieren, gerade um Verbindungen zu schaffen und dem Misstrauen entgegenzuwirken», insistiere ich. «Manchmal kann man auch zu viel reden», erwidert Isabelle. Und man habe es ja bei dieser Josephine gesehen, die immer sofort alles ausplappere, oder auch in der Szene, wo alle durcheinandergeredet hätten, ohne aufeinander einzugehen.

«Selbst Joanna», sage ich schliesslich, «die sich bewusst für die Einöde entschieden hatte, konnte sich nicht auf das ungewohnte Schweigen des Fremden einlassen.» «Stimmt», überlegt Isabelle, «oft ziehen die Leute das Geschwätz der Stille vor.» Es ist spät geworden und Isabelle muss am nächsten Tag wieder früh raus. Also schwingt sie sich auf ihr Fahrrad und rauscht davon. Morgen darf sie mit ihrem Berufsbildner eine Patientin besuchen, die, aus Angst vor Ablehnung, partout nichts sagt. Ob im Stück «das Schweigen Gold» war, wie die Redensart behauptet, wissen wir nicht. Denn was der Fremde tatsächlich im Eis aufgespürt hat, bleibt offen.

«Findlinge»: Heute, 19.30 Uhr, Theater Winterthur. Ferner Mittwoch, 2. März, und Freitag, 4. März.

Erstellt: 27.02.2016, 08:54 Uhr

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