Winterthur

Was wir schon immer über Utopien wissen wollten

Das Publikum bestimmt das Buch, Schauspieler lesen und spielen es. Nach Basel, Luzern und Zürich gibt es die innovative Lesereihe «Read Me» jetzt auch in Winterthur.

 Witzige und erhellende Geschichtslektion: Sylvia Garatti und Jürg Plüss lesen im Kraftfeld Sibylle Berg und Texte zur Utopie.

Witzige und erhellende Geschichtslektion: Sylvia Garatti und Jürg Plüss lesen im Kraftfeld Sibylle Berg und Texte zur Utopie. Bild: Marc Dahinden

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Obwohl sich Anna und Max noch gar nicht kennen, haben sie einiges gemeinsam. Beide sind bald vierzehn und wohnen im selben Wohnblock. Und beide haben das trostlose Leben satt. Er mit seinem Vater, der Polizist ist und kaum ein Wort spricht, sie mit ihrer Alkoholikermutter.

Sie empfinden sich auch als Gefangene eines Staates, der seine Bürger vor dem Kapitalismus zu schützen vorgibt. Sibylle Berg, selbst in Weimar geboren, zeichnet in ihrem «Märchen für alle», so der Untertitel ihres Buches «Habe ich dir eigentlich schon erzählt . . .», unter anderem ein Bild des Lebens im «real existierenden Sozialismus» der DDR. Auf diese Aspekte stützt sich die freie Zürcher Theatergruppe Eber­hard Galati bei ihrer Lektüre des Buches (Textfassungen: Lisa Letnansky und Line Eberhard).

Am Donnerstag war ihre Reihe «Read Me», die es bereits in Basel, Luzern und Zürich gibt, zum ersten Mal im Winterthurer Kraftfeld zu Gast.

Weit mehr als eine Lesung

Was die Schauspielerin SylviaGaratti und der Schauspieler Jürg Plüss, die von Beat Keller an der Gitarre begleitet werden und ab und zu auch selbst zu Gitarre und Schlagstöcken greifen, auf der kleinen Bühne bieten, geht über eine Lesung weit hinaus. Sie spielen mit den Sätzen und führen sie vor, mit Witz und, je länger die anderthalbstündige Aufführung dauert, auch mit lockerem Charme. Zitate unter anderem von Voltaire, Karl Marx, Thomas Morus und – allzu ausgiebig – aus der Verfassung der DDR geben dem Abend den Anstrich eines Kurses an der Volkshochschule.

Songs von ABBA, den Scorpions oder Aerosmith — von diesen eine von Garatti hinreissend dahergeschmetterte Version von «Dream On» — beschwören den Geist des Aufbruchs, der in der Rockmusik steckt, und heben das Ganze auf eine popkulturelle Ebene, die auch noch mit Nachrichten und Werbespots aus dem DDR-Fernsehen angereichert wird (Musikauswahl: Mauro Galati). Rund vierzig Leute zwischen zwanzig und fünfunddreissig hören zu, manche singen bei den Liedern leise mit. Und gemäss Anweisung lesen sie auch selbst: Immer, wenn auf der Leinwand rot unterlegter Text erscheint, tragen sie ihn vor wie die Kirchgemeinde in der Messe.

Das ist farbig, abwechslungsreich und nicht selten erhellend – etwa wenn Anna und Max fliehen: Schon Thomas Morus’ «Utopia» aus dem 16. Jahrhundert stellt das Umherstreifen ausserhalb des idealutopischen Staatsgebietes unter Strafe und beweist damit auf einen Schlag die ganze Ambivalenz der Utopie, die sich als universelle Heilsbringerin sieht, aber von Natur aus zu totalitärem Denken neigt.

Utopien sind das Thema

Die Utopie ist das eigentliche Thema des Abends. Man mag es bedauern, dass darüber der Faden der Story und der melancholische Zauber von Sibylle Bergs Sprache streckenweise verloren gehen. Dafür erhält das Publikum reichlich Anregungen, sich mit einem Denken zu beschäftigen, das nach dem Fall der Mauer ausser Mode geraten war.

In der Gegenwart ist auch die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen dazu zu rechnen, aus der Garatti und Plüss ebenfalls zitieren. Und zur Verteilung der Güter hat auch Thomas Morus etwas beizutragen. Er forderte bereits die Abschaffung des Eigentums.

Eine praktische Einsicht zum Schluss

Offen wie die gesamte Veranstaltung, zu der man kommen und gehen kann, ohne Eintritt zu bezahlen — erst am Schluss gibt es eine Kollekte —, ist auch der Schluss, der nicht mit einem gültigen Lehrsatz zum Umgang mit Utopien aufwartet, sondern mit einer ganz praktischen Einsicht: Anna und Max schaffen auf ihrer Flucht den Sprung von der Autobahn in den Bauch eines türkischen Schiffes. Durch dessen Bullauge blicken sie beim Ablegen in den Himmel: «Es hat sich gelohnt, mutig zu sein.» An einer anderen Stelle dieses erstaunlichen Buches sagt es Max so: «Ich kann nur jedem Kind raten, einmal abzuhauen. Ich glaube, später hat man zu viel, das einen davon abhält.»

Aus den Vorschlägen der Besucherinnen und Besucher wurde am Ende das Buch ausgelost, das als nächstes einer eigenwilligen Lektüre unterzogen wird: Es ist eine Biografie der Opernsän­ge­­rin Maria Callas. — Der nächste«Read Me»-Abend findet am 28. April wiederum im Kraftfeld statt. (Der Landbote)

Erstellt: 02.04.2016, 10:02 Uhr

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