Winterthur

Wenn der Bach zum reissenden Fluss wird

Kit Armstrong ist in dieser Saison als «Artist in Resonance» des Musikkollegiums vielfältig präsent. Mit einem Bach-Programm bewegte er sich im Zentrum des Musikuniversums –ein imponierender Abend.

Kit Armstrong begeisterte das Publikum im Musikkollegium.

Kit Armstrong begeisterte das Publikum im Musikkollegium. Bild: Herbert Büttiker

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Er war 17, als er sich dem Winterthurer Publikum vorstellte, und zwar als Pianist wie als Komponist. Regelmässige Einladungen folgten, Kit Armstrong, jetzt 25, ist inzwischen zum Publikumsliebling geworden und füllt den Saal. Gelegenheit, ihn zu hören, gibt es in dieser Saison noch mehrfach, Bach, Beethoven, Grieg sind seine Schwerpunkte seiner Präsenz als «Aritst in Resonance» der Saison.

Was Armstrong bisher zu hören gab – mit den zwölf Sonaten für Klavier und Violine von Ludwig van Beethoven (im Duo mit Roberto González Monjas) und gestern mit einem aparten Programm mit Werken von Johann Sebastian Bach – ist allein von der gewaltigen Menge des Notenmaterials her phänomenal.

Phänomenal aber vor allem ist, wie er diese Menge in kompendienhaften Programmen gestalterisch durchdringt und gelöst aus seinem Kopf in die Tasten fliessen lässt – so reif wie jugendlich, lässt sich nach dem Bach-Rezital vom Mittwoch sagen.

Zurückhaltende Persönlichkeit

Abgeklärt genug war dieses Spiel, um in den Choralvorspielen den Cantus firmus über der ebenmässigen Bewegung ruhig dahin ziehen zu lassen, jugendlich zum Glück auch, um in den Passagen und der weiten Fugenarbeit den Bach auch zum reissenden Fluss werden zu lassen und den Hörer in den Sog der Bachschen Virtutosität hineinzuziehen.

Mit den Tasten, im Geschäft entwickelte Kit Armstrong ein glühendes Temperament.

Beim Gang aufs Podium und in seiner Haltung am Klavier erlebte man Kit Armstrong als zurückhaltende Persönlichkeit, die es nicht gerade dazu drängt, sich im Rampenlicht zu sonnen. So konzentriert, wie er wirkt, gehört er eher zu den Besonnen. Aber einmal mit den Tasten im Geschäft, entfesselt er glühendes Temperament.

Lustvoll stürzt er sich auf die virtuosen Passagen, und mutig gibt er sich Raum für die gemeisselten Themen. Aber er behält auch das Ganze im Blick, durchdringt die Formverläufe, bloss blendende Bravour ist sein Spiel nicht einmal momentweise. Gewiss ist er mit seinem dynamischen Spektrum weit vom Bach des Clavichords entfernt, aber im agogisch beherrschten Spiel auch vom übermässig romantisierten Bach. Eine Richtschnur ist die Spiel- und Klangkultur des modernen Flügels, und man denkt sich dazu auch gern Bachs Genie an der grossen barocken Orgel.

Das Programm, das Armstrong zusammengestellt hatte, war ein Spiegel seines Charakters und Könnens. Er suchte seine eigene Bahn durch das Bach-Universum und nahm auf Publikumserwartungen keine Rücksicht. Er spielte nicht das «Italienische Konzert», sondern nur ein italienisches; nämlich eines der 16 Werke italienischer Komponisten wie Vivaldi, die Bach für das Tasteninstrument einrichtete. Armstrong wählte die Bearbeitung von Alessandro Marcellos Oboenkonzert in d-Moll für den höchst brillanten Einstieg in den Abend.

Dem folgte ein weiteres konzertantes Werk, das Tripelkonzert in a-Moll, BWV 1044, in der Fassung für Tasteninstrument, wie ursprünglich gedacht – eine komplizierte Entstehungsgeschichte, aber ein effektvolles Werk. Was Armstrong klangvoll, warm und aufrauschend aus dem Bechstein-Flügel zauberte, war mitreissend, die Sanftheit der folgenden Choralvorspiele um so ergreifender.

Besinnlich und dramatisch

Ein einziges grosses siebensätziges Werk, die Partita Nr. 6 e-Moll stand auf dem Programm nach der Pause. Virtuosenhandwerk und Kontemplation, die im ersten Konzertteil effektvoll nebeneinandergestellt waren, kamen hier zusammen, und zu bewundern war Armstrong, wie er über diese halbe Stunde hinweg unermüdlich Bachs komplexer Polyphonie zum Triumph verhalf. Eher überspannte er einmal den Bogen als im gestalterischen Willen nachzulassen.

Zum ganzen Abend passte, dass Armstrong für die Zugabe sich (und das Publikum) nicht schonte und eine ausschweifende und fast wahnwitzige Fantasie des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel spielte und sich vom dramatischen Feuer besinnlich mit einem beseelten Choralvorspiel wieder von Bach selber verabschiedete.

(Der Landbote)

Erstellt: 21.12.2017, 17:07 Uhr

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