Casinotheater

Wenn die Mutter ins Jenseits abhaut

Die herzerfrischend lustige Komödie «Exit retour» erfreut das Publikum. Das Stück erweist sich auch als inhaltlich relevant.

Auf die gespielte Trauer folgt die Abrechnung: Andreas Matti, Esther Gemsch und Lisa Maria Bärenbold (von links) in «Exit retour».

Auf die gespielte Trauer folgt die Abrechnung: Andreas Matti, Esther Gemsch und Lisa Maria Bärenbold (von links) in «Exit retour». Bild: Caro Gammenthaler

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Die einzige Gewissheit im Leben ist der Tod. Ihm entgeht niemand. Dieser trostlosen Einsicht kann man nur mit Humor entgegentreten. Auf der Bühne führt das zu einer Komödie. Im Mittelpunkt von «Exit retour» von Katja Früh und Patrick Frey steht der freiwillige Tod im hohen Alter.

Der selbst bestimmte oder bestellte Tod bietet dem Autorenduo interessante dramatische Spielmöglichkeiten. Ausserdem starb Katja Frühs Mutter auf genau diese Weise. Die Autorin bringt somit ihre persönlichen Erfahrungen in die Komödie ein.

Vielschichtige Figuren

Die Mutter im Stück ist eine herrlich herrische, witzig bösartige und eigentlich lebenshungrige Person. Sie ist den anderen Figuren weit überlegen. Katja Früh selbst schreibt zu dieser Figur: «Der trockene Humor der alten Dame und ihre Ehrlichkeit gefallen mir. Aber man muss schon sehen, dass sie eine gewaltige Narzisstin ist und keine Rücksicht auf die Gefühle anderer nimmt.» Die Mutter steuert die Handlung.

«Beim Schreiben der Figur floss vieles ein, das ich früher so erlebt habe»Katja Früh

Der Clou dabei: Sie bleibt immer in ihrem Zimmer versteckt. Auch als sie ihren Sohn Christoph, ihre Tochter Franziska und die Enkelin Nina zu sich bestellt und ihnen ihre unverrückbar Entscheidung mitteilt. Was für ein Schock. Die Gefühle schwanken zwischen Verzweiflung, Wut und sogar Erleichterung. Katja Früh führt das noch weiter: «Eigentlich ist Schuld der richtige Ausdruck, denn wenn sich die Erleichterung eingeschlichen hat, kamen darüber sofort die Schuldgefühle.»

An der nun eingetretenen Situation entwickeln sich die Figuren auf der Bühne. Zugleich wird ihr Schauspiel transparent. Schon von allem Anfang lässt Esther Gemsch ihre starke Ausstrahlung wirken. Sie ist eine komplex angelegte Figur, verhinderte Schriftstellerin, schreibt nur Reisekataloge.

Als Franziska durchschaut sie ihre Mutter, hasst sie und sehnt sich doch nach ihrer Anerkennung. Gemsch erweckt diese Figur voll zum Leben. «Beim Schreiben der Figur floss vieles ein, das ich früher so erlebt habe», kommentiert Katja Früh.

Eine gleichwertige Leistung gelingt Andreas Matti. Dies, obwohl er ein wenig Zeit braucht, bis der weinerliche, entscheidungsschwache Sohn seine Wirkung voll entfaltet. Neben diesen beiden Darstellern bleibt Lisa Maria Bärenbold als Enkelin etwas im Schatten. Von seinem urkomischen Anfang aus erreicht die Komödie bald abstruse und vom Publikum laut belacht Höhepunkte.

Nur schon der Auftritt von Patrick Frey erntet Applaus. Er ist der Sterbehelfer, schmierig und peinlich. Als die Mutter befiehlt, dass auch ihr Pudelchen Bruno «mitgaht» (sagt der Sterbehelfer), beziehungsweise vorangeht, kommt es zum Eklat. Franziska soll den Hund ins Jenseits befördern und damit der Mutter beweisen, dass sie endlich etwas in ihrem Leben zustande bringt. Stattdessen bricht sie vor Überforderung zusammen. Das wirkt echt.

Zum Schluss die Wahrheit

Spätestens an diesem Punkt merkt man, dass es dem Autorenduo um mehr geht als nur darum, das Publikum zum Lachen zu bringen. Auch wenn der Tod der alten Dame erneut urkomisch eingeführt wird. Der Sterbehelfer füllt zwei Becher, einen mit dem Todestrank. Natürlich werden die Becher verwechselt, und haarscharf schrammen die Akteure an der Katastrophe vorbei.

Kurz vor der Pause ist es dann vollbracht. Die Grossmutter ist friedlich entschlafen. Wirklich? Ein Verdacht kommt auf. Leider lässt das Stück an dieser Stelle die brennende Frage nicht in der Luft hängen, sondern erklärt, was los ist.

Trotzdem ist das Ende fulminant. Die Abdankung ist der letzte Akt. Grossartig, wie die Angehörigen die Trauer spielen, schweigend, auf einer Kirchenbank. Dann rechnen sie mit ihrer Mutter oder Grossmutter ab. Hier verlässt «Exit retour» die Komödie. Die Konflikte in der Familie werden benannt, hart und wahr.

Vor allem aber fragt das Stück danach, ob ein Mensch wirklich einfach so, aus eigenem Willen, die Welt und seine Angehörigen verlassen kann. Katja Früh und Patrick Frey ist mit «Exit retour» etwas Grossartiges gelungen. Mit einer frischen Komödie sensibilisieren sie das Publikum für eine ernst zu nehmende Lebensfrage.

«Exit retour»: Casinotheater Winterthur, bis 8. Juli. Mi-Sa 20 Uhr, So 17 Uhr. (Der Landbote)

Erstellt: 16.06.2017, 16:02 Uhr

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