Oper

Wenn die Pest unter Engeln wütet

Musikalisch eindringlich liess das Landestheater Detmold erfahren, dass «Luisa Miller» unbedingt zu Verdis Hauptwerken zu zählen ist.

Geburtstagsständchen: Die Dorfbewohner und Laura wecken Luisa auf.

Geburtstagsständchen: Die Dorfbewohner und Laura wecken Luisa auf. Bild: A. T. Schäfer

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«Luisa Miller» ist nur deshalb ein Nebenwerk von Giuseppe Verdi, weil die Bühnen ob der vielen Alternativen die auf Schillers «Kabale und Liebe» basierende Oper eher selten zeigen. In Winterthur war das 1849 kurz vor der Trias «Rigoletto», «Il Trovatore», «La Traviata» für Neapel komponierte Werk erst einmal, vor knapp zwanzig Jahren in einem Gastspiel der Nationaloper Sofia zu erleben. Die Opernwelt hat sich seither stark verändert, auch im Winterthurer Gastspieltheater schillert sie in ambitionierten Regie bunt oder, wie in diesem Fall zutreffender, schwarzweiss.

Weiss sind die Gesichter geschminkt, schwarz die Augenhöhlen, ein wenig denkt man an Zombies in diesem Tiroler Dorf und Schloss des 17. Jahrhunderts, wo der Sohn des Grafen die Soldatentochter liebt und das Überschreiten der Standesschranken in die Katastrophe führt.

Nicht nur die Maske trägt dick auf, der Regisseur Christian von Götz, stellt zwar fest, man müsse nur «verstehen, nehmen und theatralisieren», was in den Noten steht. Aber dieses Theatralisieren forciert er so sehr, dass die Klarheit von Verdis Musik, Dramaturgie und Menschenbild mehr verstellt als erhellt wird.

Die Personenführung spornt die Protagonisten zu einem mühevollen Treiben auf, um und unter dem Tisch an, und der Chor hantiert mit Stühlen, die auch als Waffe, Fessel und Folter dienen, und alles will etwas sagen: So wenn Rodolfo in eine Kisten gezwängt auftritt, der herrische Conte di Walter sich auf die Bockleiter setzt, die Tänzerin Caroline Lusken, die den mal höhnischen und mal zärtlichen Tod mimt, sich immer bedeutungsschwer und betulich an die Singenden heran macht, die eigentlich ungeteilte Konzentration verdienen.

Auf dem Punkt

Der Rückbezug von Bühne und Kostüm (Lukas Noll) zum Expressionismus und zum Schwarzweiss des Stummfilms hat seine historische Berechtigung auch im Verweis auf die Verdi-Renaissance in eben jener Epoche. Aber im gesuchten Posieren kollidiert die Inszenierung mehr mit der ungekünstelt expressiven Kraft der Musik, als dass sie ihr dienen würde.

Diese Musik spielt im innersten Kreis von Verdis Kunst, mit Perspektiven, die hin zum Spätwerk führen, etwa mit der Todesszenerie des Finales, das an «Otello» denken lässt. Unerhört, wie das Orchester hier mitspricht. Das war in sublimen hohen Streichern, raunenden Tiefen und wuchtigen Ausbrüchen, die der Dirigent Lutz Rademacher und die Detmolder mit dramatischem Gespür realisierten. Gleich der Auftakt mit der monothematisch originell gearbeiteten Sinfonia war eine Empfehlung, Dynamik und Tempi waren dann durchwegs auf dem Punkt und damit auch Dramatik und psychologische Intensität des Kammerspiels.

Ein stimmmächtiges Protagonistenteam war den grossen Herausforderungen gewachsen, ergreifend mit luzidem Sopran Megan Marie Hart als Luisa, der Tenor Ji-Woon Kim mit kraftvollen und auch berührend verhaltenen Tönen als Rodolfo, Benjamin Lewis mit väterlichem Bariton als Miller und Seungweon Lee mit forschem Bass als Conte di Walter.

Wie wenig realistische Darstellung in dieser Inszenierung gefragt war, zeigte mit clownesken Zügen der Bass Alexander Vassiliev als Wurm. Yaroslava Kozina als Frederica und Annina Olivia Battaglia als Laura setzen feine Akzente. Ein klangvoll besetzter Chor, der die dörfliche Idylle beschwört, war mit im Spiel.

Um den Verlust dieser Idylle geht es in der Oper, um die zerstörerischen Kräfte, gute Absichten wie böse, die den Menschen aus dem Paradies vertreiben, und es geht um den «Engel im Exil», wie der Chor traurig singt. Treffend ist deshalb Schillers Zitat im Bühnenbild präsent: «... wenn die Pest unter Engeln wütet, so rufe man Trauer aus durch die ganze Natur.»

Erstellt: 14.04.2019, 17:49 Uhr

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