Kunst

Wie ernst darf man eigentlich die Menschen nehmen?

Die Gruppenausstellung «Human Being Being Human» in der Galerie Weiertal kreist um das Menschsein und reicht vom Protest bis zur Pose.

Verblüffende Dialektik: Kathrin Bänziger, Ohne Titel, Acryl und Tusche auf Papier, 2018.


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Vier Künstlerinnen und zwei Künstler versammelt Kuratorin Maja von Meiss unter dem Titel «Human Being Being Human» in der Galerie Weiertal. So gewichtig das Thema, so schwierig ist es, künstlerisch etwas über den Allgemeinplatz Hinausweisendes zu formulieren. Was aber Kathrin Bänziger nicht daran hindert, die aktuellen politischen Diskurse aufzugreifen.

Bänziger versteht sich ohnehin nicht nur als Künstlerin, sondern auch als leidenschaftliche Moralistin und Zeitgenossin. Aber ihre Wut auf Missstände und Machtmissbrauch machen sie nicht zur blind Wütenden im Kunstladen. Ihre Provokation und ihr Protest sind subtil.

So ist in ihren grossformatigen, digital bearbeiteten Fotos eine verblüffende Dialektik zu beobachten, mit deren Hilfe sie ihren Zorn in eine Ästhetik des Schönen verwandelt. Kein optischer Faustschlag trifft den Betrachter in der Magengrube. Ihre Motive sind lesbare Andeutungen, und ihre formale Umsetzung ist eher feine Hülle als drastische Entblössung. Und so steigert sie die Bereitschaft, sich mit einem Geschehen auseinanderzusetzen, das nur entsetzlich ist: mit den Flüchtlingstragödien auf dem Mittelmeer, den Zumutungen der Kirchen oder dem Martyrium politischer und kultureller Aktivistinnen.

Körper und Kindheit

Die jüngere Gabriella Hohendahl verhält sich nicht nur konträr, sie legt sich auch noch selbst auf den Seziertisch – stellvertretend für ihre Geschlechtsgenossinnen. Dabei kritisiert sie eigenes und fremdes Herden- und Imitationsverhalten im Zusammenhang mit weiblichen Schönheitsidealen. Wenig zimperlich geht sie zur Sache, indem sie weiblichen Gesichtsglamour aus Modejournalen massakriert und zu Zombie-ähnlichen Masken collagiert. Mit der Verwendung von Schamhaaren deutet sie an, dass selbst das Intimste dem Lifestyle-Diktat unterworfen ist.

Dieser Realismus und der Zugriff auf den eigenen Körper ist ein Erbe feministischer Praktiken der 1970er-Jahre und steht im Kontrast zum distanzierenden Vorgehen Bänzigers. Ihre Haltung lässt sich eher vergleichen mit Barbara Grafs subtilem textilem Umgang mit Körperlichkeit und Hülle in der Performance, jeweils festgehalten in Videos, Fotos und Objekten.

Dass Heidi Vitals Zeichnungen und Malerei nicht schon viel früher grössere Anerkennung gefunden haben, spricht gegen die Kunstöffentlichkeit: Diese ist oftmals mehr an Namen interessiert und weniger an künstlerischer Leistung. Vielleicht liegt es auch an ihrem Thema, den Kinderbildnissen, die gerne mit dem Urteil «niedlich» erledigt werden.

Vital ist indes eine genaue Beobachterin und verfügt über eine differenzierende Maltechnik; sie nutzt diese eher selten gewordenen Fähigkeiten zu einem malerischen Ausdruck, worin Satire, Ironie und Einfühlung ein überraschendes Trio bilden. Viele ihrer Motive gründen auf einem Fotofundus aus ihrer Kindheit, die keineswegs als verlorenes Paradies idealisiert wird. Und die kindliche Unschuld in ihren Bildern täuscht.

Leiden und explodieren

Duri Galler, der mit Holzschnitten und Papiermaché-Plastiken vertreten ist, leidet, weil er die Suche nach dem Paradies der (sexuellen) Selbsterfüllung und -erlösung nicht aufgeben will. Deshalb beschwört er auf seinen Blättern all die Idole aus Kunst, Literatur und Philosophie, die wie er an der Welt, wie sie ist, leiden. Mit diesen Aussenseitern teilt er sein Martyrium, das erst im Grab ein Ende finden wird. Diese Wendung deutet ein offen selbstironischer Holzschnitt an, auf dem zu lesen ist: «So ist Duri Galler doch noch in seinem angehimmelten Untergrund angekommen.»

Gescheiterte Helden

Rafael Grassi hadert auch. Denn seine Helden, gesellschaftspolitische Propheten und Revolutionäre wie Bakunin, Marx und Engels, sind ebenfalls gescheitert und eignen sich nur noch, auf einer kleinen Provinzbühne den Clown zu spielen. Doch Grassi bäumt sich auf, malt die Farce in bunten Farben und mit souveräner Geste, wird aber gleich wieder vom Zweifel überwältigt.

Diese Spannung zwischen optimistischer Moderne und postmodernem Trash lässt seine Kleinformate beinahe explodieren. Darin ist Grassi einzigartig.

Galerie Weiertal, Rumstalstrasse 55. Mi–Sa 14–18 Uhr, So 11–17 Uhr. Bis 8. September.

Erstellt: 24.06.2019, 09:06 Uhr

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