Kunst

Wie Liebe auf den ersten Blick

Mehr Menschen auf Kunst aufmerksam machen: Das will ein Smart-TV- und Online-Dienst.

Als Hintergrund für die Party oder zur Kontemplation: Elizabeth Markevitch zeigt Kunst als Video-Clips.

Als Hintergrund für die Party oder zur Kontemplation: Elizabeth Markevitch zeigt Kunst als Video-Clips. Bild: zvg / Thomas Nitz

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Die Idee ist so einfach wie bestechend: Man soll sich daheim zurücklehnen und einfach mal Kunst geniessen, die grossen Klassiker der Malerei ebenso wie weniger bekannte Kleinode der Kulturgeschichte. Die Francoschweizerin Elizabeth Markevitch hat ein solches Programm als digitalen Spartensender ikonoTV bereits vor zehn Jahren eingerichtet. Über 2500 Kunstwerke sind seitdem als «Video-Clips» «on-air» gegangen.Der Clou an dem 24-Stunden-Gratisangebot besteht darin, dass man durch die sehr langsamen Bewegungen gezwungen ist, sich minutenlang mit dem Bild auseinanderzusetzen. Der Blick gleitet lautlos über Details und Gesamtansichten, zoomt sich heran und legt ungewöhnliche Perspektiven frei. Wie gesagt, unkommentiert – das ist sehr intensiv und wirkt nach.

Wer Wunschprogramme, zum Beispiel über den «Tanz in der Belle Epoque», den zeitgenössischen Künstler Olafur Eliasson oder den architektonischen Aga Khan Award sehen möchte, muss ein Abo für 4,99 Euro im Monat lösen. Alles kommt in HD-Qualität auf den heimischen Bildschirm via Smart-TV oder entsprechende Empfangsboxen. Weltweit sollen mehr als 580 Millionen Haushalte diese Empfangsmöglichkeit besitzen. Die IkonoTV-App wurde bereits eine halbe Million Mal heruntergeladen, heisst es; besonders gut laufe sie in Saudi-Arabien. Dort gibt es sogar einen eigenen Stream – ohne Jungfrauen mit nacktem Jesuskind, ohne Nymphen und Odalisken. In diesen Tagen wird auch eine IPhone-/Android-App gelauncht.

Jetzt ist ein Winterthurer Klassiker in den Portfolio aufgenommen worden, die «Kreidefelsen auf Rügen» von Kaspar David Friedrich (1774 – 1840). Und das ganz ohne Besuch des Museums Oskar Reinhart. «Wir haben das Bild über Wikicommon im Internet heruntergeladen und abgefilmt», erklärt Elizabeth Markevitch, «unsere Kunsthistoriker und Techniker haben dann eine individuelle Betrachtung des Motivs erarbeitet.» Die frühere «Vogue»-Redakteurin besitzt einige Erfahrung mit der Wahrnehmung von Bildern, war sie doch Senior Manager in der Gemäldeabteilung von Sotheby’s in Genf. Für sie ist das Programm eine Form von Home Entertainment. «Man kann ikonoTV still im Hintergrund laufen lassen», sagt sie, «es dient als Gesprächsthema bei einer privaten Party oder zur persönlichen Kontemplation.»

Skeptische Experten

Andrea Lutz, Ad-interim-Leiterin des Reinhart-Museums, fällt am Kreidefelsen-Clip als erstes auf, dass die Farben am Bildschirm verfälscht seien. «Das Kleid der Frau ist zu dunkel», sagt Lutz. Es werde zwar im Film mit der Dreidimensionalität gespielt, aber das ersetze nicht das Museumserlebnis. «Der Originaleindruck ist viel grösser», betont sie. Dazu kämen die Korrespondenzen mit anderen Bildern im Raum, die durch die Kuratoren bewusst gesetzt würden.

«Naja, wenigstens kommen wir am Ende noch vor», meint sie zum Schluss. Gemeint ist der kurze Abspann, der auf Maler, Bildtitel und Provenienz hinweist. «Ich würde mir den Kanal nicht ansehen für weitere Bilder», lautet der Kommentar der Expertin, «er geht für mich nicht in die Tiefe.» Am Beispiel Caspar David Friedrichs vermisst sie die Interpretation; es gehe im Bild um den romantischen Blick in die Ferne — wie ins Leben. Deshalb blicke auch jede der drei Personen in eine andere Richtung. Immerhin begrüsst sie es, dass man sich eine Weile mit dem Kunstwerk beschäftigen müsse. «Viele Leute lesen im Museum den ausführlichen Text und sehen das Bild dann nicht mehr genau an», hat sie beobachtet.

Elizabeth Markevitch entgegnet, dass man viele Menschen erstmal an Kunst heranführen müsse, damit sie anfingen, sich damit zu beschäftigen. «Wenn ich mich auf den ersten Blick verliebe, dann versuche ich auch, mehr über die Person herauszufinden», beschreibt sie ihr Projekt.

Die eigene Erfahrung zeigt, dass ikonoTV einige Trouvaillen bietet. Mumienporträts im römischen Ägypten, die ornamentale Decke eines Sufi-Mausoleums, das Gemälde «Eine Mutter entlaust die Haare ihres Kindes» von Pieter de Hooch oder Pferdedarstellungen von Johann Georg de Hamilton. Es ist ein ästhetisches Erleben, weniger ein kunsthistorisches. Die schönen Bilder fliessen vorbei und entspannen, erfreuen. Erst einige Tage später stellt man fest, dass sie im Gedächtnis fester hängengeblieben sind als mancher Museumsbesuch. (Der Landbote)

Erstellt: 04.12.2016, 16:54 Uhr

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