Winterthur

Wie man sich im Leben verirrt

Mit einer tragischen Lebensbilanz verklingt Tschaikowskys Oper «Eugen Onegin». Das Gastspiel des Theaters Freiburg rechnet sie in einer intensiven Aufführung vor.

Man verliebt sich mit wenig Ahnung vom Leben und vom Partner – in «Eugen Onegin» zum grossen Unglück für zwei Paare.

Man verliebt sich mit wenig Ahnung vom Leben und vom Partner – in «Eugen Onegin» zum grossen Unglück für zwei Paare. Bild: Tanja Dorendorf

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Geschichte ist im zaristischen Russland des frühen 19. Jahrhunderts situiert, aber sie ist nicht an Zeit und Ort gebunden. Sie erzählt von einer ganz jungen Frau und einem schon etwas abgebrühten jungen Mann, deren Begegnung zur unheilbaren Lebenswunde wird.

Allein auf der Bühne ist da zuerst Tatjana, lesend, ein junges Mädchen mit Liebesromanen und Träumen. Wenn nach knapp drei Stunden der Vorhang fällt steht zuletzt, allein und gebrochen, Eugen Onegin auf der Bühne. Dazwischen die verpasste Liebe: Das Mädchen Tatjana, das ihm in einem Brief das Herz zu Füssen legt, der Dandy; der sie überheblich abkanzelt.

Sie heiratet iden Fürsten Gremin, er zieht haltlos durch die Welt, auch wegen einer anderen Sachen. Ein unsinniger Streit führt zum Duelle, in dem er seinen Freund, den Poeten Lenski tötet – die Handlung nach Alexander Puschkins Versroman bot dem Komponisten die geballte Mixtur von Verhängnis, Fatalität und leidenschaftlicher Getriebenheit, die später auch sein musikalisches Testament, die berühmte 6. Sinfonie, die «Pathétique», zum Inhalt haben wird.

Mit dem Dirigenten Ektoras Tartanis an der Spitze ist das Theater Freiburg ist auch mit grossem Orchesterklang und starken vokalen Kräften angereist, um das schicksalhafte Scheitern des Lebensglücks, man darf hier sagen, hinauszuposaunen – was dem expressiven Gestus von Tschaikowskis Musik entsprechend, nicht negativ gemeint ist, aber auch nur die eine Seite seiner suggestiven Klangsprache betrifft. Sie berührt gerade auch mit ihrer seismografischen Einfühlung ins Innere der Figuren, alle haben sie ihre Momente der lyrischen Bekenntnisse, der Reflexion und der fragenden Innenschau.

Differenzierte Seelenbilder

Nicht als Oper, sondern als «Lyrische Szenen» bezeichnete Tschaikowsky das Werk. Dramatik gibt es im zweiten Aktfinale mit dem Streit der Freunde und in der Duellszene aber auch: Der Regisseur Peter Carp arbeitete sie mit seinem jungen Ensemble auch präzis heraus – wie Lenski in der Duellszene tot über den Tisch fällt, wird man nicht so schnell vergessen, die Dramatik des Schlussduetts, in dem sich Tatjana und Onegin aufgewühlt wieder begegnen, erst recht nicht.

Aber alle haben ihre grossen Momente in weit ausholenden lyrischen Momenten, und am Werk für differenziert Seelenbilder sind jüngere, sängerisch und darstellerisch hervorragende Solisten.

Beeindruckend entwickelt Solen Mainguené die Rolle vom verliebten Teenager zur Dame, vom schwärmerisch melancholischen Ton zur Dramatik im finalen Duett. Wie sie die berühmte Briefszene zwischen verzagtem Piano zu den mutbeseelten grossen Bögen musikalisch formt, ist als grosse Kunst darstellerischer Identifikation zu erleben.

Michael Borth hat für den attraktiven wie distanzierten Onegin des ersten Akts gleichsam als Fassade den sonoren Baritons, und er hat die sensible wie expansive Palette für das Eingeständnis seines verpfuschten Lebens in der Arie des dritten Akts.

Kontrapunkte der Regie

Auch Lenskis Partie hat ihren lyrischen Kern in einer Arie in der Duellszene voller Todesahnung, Gedanken ans erlebte Liebsglück und Schicksalsergebenheit, ein grosser Opernmoment, in dem Joshua Kohl mit Intensität und gefestigter tenoraler Substanz berührt.

Auch für «seine» Olga hat Tschaikwosky ein «Coming out» komponiert, und di Mezzosopranistin Ilseyar Khayrullovas gibt ihm den goldenen Klang der lebenslustigen jüngeren Schwester, wobei die Inszenierung suggeriert, dass ihre Zufriedenheit Selbsttäuchung ist. Auch dass Gremins Arie, von Jin Seok Lee mit Basswürde gestaltet, schal wirkt, hat szenische Gründe, die Regie setzt Zeichen, die der Schilderung seines Eheglücks eher widersprechen.

Die Inszenierung (Bühne: Kaspar Zwimpfer) versetzt das Geschehen in eine zeitnahe ländliche Gegenwart, die grosse Scheune ist Arbeitsraum und Festsaal. Hier räsonnieren zu Beginn Tanja Mutter (Satik Tumyan) und Amme Anja Jung) so melancholisch wie gelassen über ihr Leben, in welchem Gewohnheit an Stelle von Glück getreten ist.

Der Chor steht im Kontast dazu klanglich imposant für Lebensfreude und ländliche Atmosphäre. Trotz Wolkenhimmel im Hintergrund und (gar lauter) Nebelmaschine findet der Stimmungszauber von Tschaikowskys Musik allerdings nicht durchwegs überzeugende Resonanz. Die technisch aufwendige offene Verwandlung zur Duellszene ergibt eben doch keine Ortsveränderung, während der Wechsel des Milieus von der Provinz ins mondäne Zentrum verblüfft, aber doch auch zeigt, dass mit Tschaikowskys Lebensrechnung ihre Aktualität behält.

Erstellt: 12.12.2019, 12:20 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!