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Wie wollen Sie gewinnen?

An den Schweizer Meisterschaften im Poetry-Slam vom 22. bis 24. März treten 42 Performer gegeneinander an. Was reizt sie daran? Wie bereiten sie sich vor? Und lassen sie sich von der Konkurrenz beeinflussen? Antworten von Olga Lakritz und Hans Jürg Zingg.

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«Ich gewinne, indem ich genug Bier trinke»Olga Schmitz

Frau Schmitz, ist heute ein guter Tag?
Olga Schmitz: Es regnet seit Tagen in Biel und ich mag Regen sehr. Also ja.

Haben Sie jemanden, der Ihnen ein kritisches Feedback zu Ihren Texten gibt, oder verlassen Sie sich ganz auf Ihr Gefühl?
Beides. Ich entscheide bei jeder Kritik nach Gefühl und Verstand, ob ich sie angemessen finde und ob ich dementsprechend etwas ändern möchte oder nicht.

Man konnte lesen, dass Sie in Zürich eine Ausbildung zur Schauspielerin machen. Ist Ihr schauspielerisches Talent von Nutzen, wenn Sie als Slam-Poetin auf der Bühne stehen?
Diese Information geistert schon länger herum und verfolgt mich. Sie stimmt aber nicht. Was stimmt, ist folgendes: Ich habe mich in den letzten drei Jahren in verschiedenen Dingen versucht und unter anderem erfolglose Schauspielaufnahmeprüfungen gemacht. Gelernt habe ich daraus, dass ich lieber nicht Schauspielerin werden möchte und auch ganz viele andere Dinge lieber nicht machen möchte. Das einzige, was immer wieder zurückkommt oder direkt da bleibt, ist das Schreiben. Deshalb studiere ich jetzt am Literaturinstitut in Biel.

Im Dezember standen Sie mit den Jazzmusikern Omri Ziegele und Marco Käppeli auf der Bühne. Die beiden sind einiges älter als sie, der eine hat Jahrgang 1959, der andere 1951. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Mit Omri Ziegele habe ich bereits davor zwei, drei Mal in anderen Konstellationen zusammengearbeitet. Richtiger wäre es aber zu sagen, dass es sich bei Omri Ziegele um meinen Vater handelt und eine Zusammenarbeit irgendwann unausweichlich wurde. Die erste Zusammenarbeit fand ziemlich spontan und in kleinem Rahmen statt, hat aber uns beiden gefallen, deshalb kommt es immer mal wieder zu gemeinsamen Auftritten. Ich bin auch grundsätzlich sehr daran interessiert, verschiedene Kunstformen zu vermischen, man lernt sehr viel über das andere, aber auch über das eigene Handwerk dabei, weil man sich anpassen und einen Dialog zulassen muss.

Sie sind jetzt 22. Was verbindet Sie künstlerisch mit den beiden älteren Herren?
Mit Free Jazz musste ich mich schon von Kleinauf auseinandersetzen, gezwungenermassen, könnte man sagen. Das Wahnsinnige an dieser Musik beziehungsweise an ihren Vertretern ist die unglaubliche Fähigkeit zur Improvisation: So schräg die Musik auch manchmal im ersten Augenblick klingen mag, sie besitzt die Fähigkeit, sich an alles anzupassen. So auch an Lyrik. Das Interessanteste an der Zusammenarbeit war, dass wir einen Raum zu schaffen versuchten, in dem diese kraftvolle Musik mit starker Lyrik zerfliessen kann, ohne dass das eine das andere verschlingt, und somit zu beweisen, dass zwei Kräfte sich nicht unbedingt bekämpfen müssen, sondern gemeinsam noch intensiver werden können.

In einem Ihrer Texte heisst es: «Das Licht am Ende des Tunnels ist auch nur eine Leuchtreklame.» Ist das Ihre persönliche, für die Gegenwart aktualisierte Interpretation von Platons Höhlengleichnis? Sie haben ja in Berlin Philosophie studiert. Auch das konnte man lesen.
Oh, das ist eine sehr schöne Interpretation. Ich werde von nun an so tun, als hätte ich mir das so gedacht. Nein, jetzt ernsthaft, diesen Text schrieb ich, als ich 18 Jahre alt war: Wenn man gerade die Matura hinter sich gebracht hat, fühlt sich die Welt, die einem angeblich offen steht, oftmals wie eine Falle an; ich glaube, das wollte ich damit ausdrücken. Und auch heute kann ich hinter dem Satz stehen: Was uns im Kapitalismus als Glück verkauft werden möchte, ist schlussendlich meistens nur ein neues Produkt. Und dann noch ganz viele weitere. Hier passt dann auch das Höhlengleichnis wieder rein: «Licht» sollte man lieber woanders suchen. Das Philosophie-Studium ist übrigens auch eins der Dinge, die ich dann lieber doch nicht machen wollte, aber ich habe immerhin ein Semester geschafft.

Wenn das so ist, lohnt es sich kaum, die Tunnelröhre zu verlassen. Beziehungsweise morgens aufzustehen. Nennen Sie drei Gründe, es trotzdem zu tun.
Leuchtreklamen anmalen, kaputt machen und nach echtem Licht suchen.

In einem anderen Text schreiben Sie, «Nein» sei immer ein guter Satzanfang. Gilt das in jedem Fall?
Nein. Auch wenn ich es syntaktisch schön finde, mit einer Negierung anzufangen, alles immer von vornherein abzulehnen, ist ein Schutzmechanismus, mit dem man sich selbst viele Türen verschliesst.

Was machen Sie, wenn die Konkurrenz auf der Bühne steht: Hören Sie zu oder wenden Sie sich ab, um sich nicht beeinflussen zu lassen?
Wenn mich die Poetin beziehungsweise der Poet und der Text interessiert, höre ich zu. Oftmals kennt man aber die Texte schon, weil man sich ja an den Poetry-Slams ständig wieder begegnet, dann höre ich meistens nicht mehr zu. Man sollte es aber immer mal wieder tun, um sich inspirieren zu lassen – beeinflussen lassen sollte man sich davon so oder so nicht.

Mit welcher Taktik werden Sie die Poetry-Slam-Meisterschaft 2018 der Erwachsenen gewinnen?
In dem ich mich sehr freue, alle Poetinnen und Poeten wiederzusehen und genügend Bier trinke. Damit habe ich bis jetzt immer gewonnen, zwar keine Meisterschaften, dafür aber schöne Momente, das halte ich für wichtiger.

Vorrunde: Samstag, 19.30 Uhr, Casinotheater, Festsaal.

«Ich werde nicht gewinnen»Hans Jürg Zingg

Herr Zingg, üben Sie den Vortrag Ihrer Texte zuhause vor dem Spiegel?
Hans Jürg Zingg: Nein, aber ich mache Audio-Aufnahmen am Handy, vor allem um das Timing zu überprüfen.

Sie waren zehn Jahre lang als Liedermacher unterwegs und produzierten für Radio DRS 1 Kabarettsendungen wie den «Kaktus». 2011 begannen Sie Mundartlyrik zu schreiben. Was hat Sie bewogen, sich damit in die Poetry-Slam-Szene zu begeben, die von 20- und 30-Jährigen dominiert wird?
Die Gedichte im Band «my wörtersack» von 2014 sind für den Vortrag geschrieben, schliesslich lautet der Unteritel «spouken wöörd». Da war es für mich logisch, den Weg zurück auf die Bühne zu suchen. Im Dezember 2012 lud mich Valerio Moser zum Chrämerslam nach Langenthal ein. Er behandelte mich, ungeachtet meines Alters, wie seinesgleichen. Ich erlebe das Publikum der Slam-Poetry-Szene als sehr begeisterungsfähig, aber auch kritisch. Und übrigens ist es durchaus nicht nur jung, wie man oft meint, es gibt Slams mit sehr generationendurchmischtem Publikum. Zu Dichterlesungen werde ich hin und wieder auch eingeladen, auch das sind gute Erfahrungen, doch müsste man, damit das wirklich interessant wird, bekannter sein.

Welche Möglichkeiten bieten Slam-Poetry-Vorträge, die herkömmliche Lesungen nicht bieten?
Ausser dem Wettbewerb und den etwas rauheren Sitten wie am Boden sitzendes Publikum, Brüllen, Stampfen und Toben eigentlich keine. Denn auch wenn ich Lesungen mache oder an Gruppenlesungen teilnehme, gestalte ich die Texte in Spoken-Word-Manier.

Sie haben einmal den Satz gessagt: «Ich finde Feinde spannender als Freunde.» Haben Sie viele Feinde?
Der Satz ist primär als Reaktion auf das Phänomen «Facebook» entstanden. Er stammt aus einer Gedichtsequenz im «wörtersack», in der ich Erfahrungen bis zum Alter von Ende zwanzig verarbeite, die mit erlittener Angst, Ungerechtigkeit oder Aggression, in einem Fall auch mit sexuellem Missbrauch zu tun haben. Solche Erlebnisse wirken prägend, in diesem Sinne sind sie gewissermassen spannender und leichter erzählbar als Freundschaftserfahrungen. Heute denke ich nicht, dass ich viele Feinde habe, jedenfalls merke ich nichts davon. Ausser vom Feind im eigenen Kopf natürlich.

Von wessen Meinung lassen Sie sich eher beeinflussen, von Feinden oder von Freunden?
Bei politischen Diskussionen, zu «No Billag» zum Beispiel will ich immer die Position des Gegners genau kennen. Auch als Junglehrer am Gymnasium Kirchenfeld in Bern inspirierten mich die Aussagen der konservativ-bürgerlich argumentierenden Kollegen viel mehr zum Schreiben, weil ich mich dann mit ihren Meinungen auseinandersetzen musste. So entstanden gelegentlich Lieder, in die direkt Sätze aus Lehrerkonferenzen einflossen, wie zum Beispiel dieser: «Mir sy schliesslech e Schuel u ke psychiatrischi Klinik».

Der Beitrag «grüsle wie du un ig», den Sie 2014 an der Slam-Poetry-Meisterschaft in Basel vortrugen, ist voll von Ausdrücken, die schmutzige Dinge bezeichnen oder Dinge, über die man nicht spricht. Was fasziniert Sie daran?
Ich will die ganze Breite des berndeutschen Wortschatzes ausschöpfen, das hatte ich schon in meinen Liedern getan, und im Buch «my wörtersack», das sich auf Kurt Marti beruft, erst recht. Marti schreibt im Band «Gedicht ir bärner Umgangschprach» von 1967: «d schöni vo de wüeschte wörter / isch e brunne / i der wüeschti / vo de schööne wörter». Die sprachlichen Tabus, die es in den Anfängen meines literarischen Schreibens noch gab, gibt es ja heute nicht mehr. Mit Ausnahme natürlich derjenigen, welche durch die «political correctness» neu aufgestellt wurden, man denke an den Disput um die Negerküsse. Und ja, es geht ein Faszinosum aus von den wüsten Wörtern. Das berndeutsche Wort «ggäggele» für das schöpferische Spielen der Kinder hatte ja ursprünglich die Bedeutung «mit dem eigenen Kot spielen».

Steckt im Slam-Poet Zingg irgendwo auch noch der Lehrer Zingg drin?
Den Lehrer in mir konnte und wollte ich nie verleugnen. Unter meinen Liedern gibt es mehrere, die pädagogisch gemeint sind, doch habe ich immer versucht, den vielgeschmähten «pädagogischen Zeigefinger» aus den Texten zu verbannen und den Schalk, den Humor oder auch die Freude am dadaistischen Spielen mit der Sprache nicht zu kurz kommen zu lassen. Im «wörtersack» sind die pädagogischen Gedichte nach meinem Empfinden nicht mehr so zahlreich. Dafür hat unter anderem mein hervorragender Lektor Daniel Rothenbühler gesorgt, ich bin ihm dankbar dafür.

Was machen Sie, wenn die Konkurrenz auf der Bühne steht: Hören Sie zu oder wenden Sie sich ab, um sich nicht beeinflussen zu lassen?
Wenn ich akustisch gut positioniert bin, höre ich interessiert und kritisch zu, doch nicht zuletzt auch, um mich beeinflussen zu lassen. Denn meist habe ich mehrere Texte dabei, und je nachdem, was vor mir performt wird, reagiere ich dann mit dem Text, der am besten passt.

Mit welcher Taktik werden Sie die Poetry-Slam-Meisterschaft 2018 gewinnen?
Ich werde sie nicht gewinnen, aber mein Ehrgeiz ist es, wie bereits 2013 in Bern und 2015 in Zürich in die Endrunde zu kommen. Dazu habe ich zwei neuere Texte dabei und einen sehr alten von 1987, mit denen ich an den letzten Slams gute Erfolge erzielt habe. Thematisch und stilistisch sind sie vollkommen verschieden, aus der Situation heraus werde ich entscheiden, welchen ich als ersten bringe. Den Rest besorgt das Losglück und das Publikum.

Vorrunde: Freitag, 19.30 Uhr, Casinotheater, Festsaal. ()

Erstellt: 18.03.2018, 15:43 Uhr

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