Konzert

Winterthur auf Wiener Tour

Der Stadthaussaal war bis auf den letzten Platz besetzt und leuchtete in Rot. Das Winterthurer Jugendsinfonieorchester liess an seinem traditionellen Neujahrskonzert auch die Musik mit Wärme strahlen.

Grosser Applaus für das Jugendsinfonieorchester und seinen Dirigenten Simon Wenger, der die Musikerinnen und Musiker mit grosser Präsenz durchs Najahrskonzert geführt hatte.

Grosser Applaus für das Jugendsinfonieorchester und seinen Dirigenten Simon Wenger, der die Musikerinnen und Musiker mit grosser Präsenz durchs Najahrskonzert geführt hatte. Bild: Herbert Büttiker

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Wer Neujahrskonzert sagt, meint Wien und denkt an die grossen Wiener Philharmoniker. Auch das Winterthurer Jugendsinfonieorchester (WJSO) richtete sich am Sonntag geografisch nach diesem Musikpol. Werke von Beethoven und Ernst von Dohnányi standen auf dem Programm, und selbstverständlich folgten als Zugabe dann noch Werke von Johann Strauss. Das Konzert endete folglich «Unter Donner und Blitz», und das WJSO liess es ordentlich krachen. Wer da an Wien dachte, musste zugeben, dass das jugendliche Ungestüm dem gepflegten Philharmonikerwesen eine sympathisch spontane Frische entgegenzuhalten hatte.

Der musikalische Schliff blieb aber keineswegs auf der Strecke. Zuvor beim «Perpetuum mobile» hatten zumal die Bläser sogar gleichsam ein Examen im präzisen Platzieren schneller Läufe zu bestehen, und sie erledigten das mit einer Brillanz, die aus der Prüfungssituation das machte, was Strauss vorgab: «Ein musikalischer Scherz» lautet die Gattungsbezeichnung zum Opus 257, und scherzhaft führte das WJSO das Stück titelgerecht in eine Endlosschlaufe – Simon Wenger, der Dirigent, der im ganzen Programm mit seinen Impulsen präsent war und das Orchester motivierend mit klarer Zeichensprache geführt hatte, räumte angesichts des unkünstlerischen Automatismus das Feld: Lieber hielt er sich an den prächtigen Strauss, der ihm überreicht worden war.

Pauken und sublime Töne

«Bleibt Wien?», lautete das ein wenig enigmatische diesjährige Motto des zur schönen Tradition gewordenen WJSO-Neujahrskonzerts, das 1996 vom Konservatorium gegründet wurde und seit 2012 unter der Leitung von Simon Wenger steht. Es versteht sich als Orchesterschule, präsentierte sich aber auch jetzt wieder als Orchester, das durchaus professionellen Standards für ein anspruchsvolles Programm genügt. Die Frage in diesem Sinn, ob Wien am Sonntag auch im Stadthaussaal Wien blieb, liess sich uneingeschränkt positiv beantworten. Das galt zumal auch für das Wien um 1800, für die begeisternde Aufführung von Ludwig van Beethovens Violinkonzert zu Beginn des Abends, das Pukenschlag und sublimste Höhen verband.

Blick auf die Lichtinstallation im Stadthaussaal. Bild: Herbert Büttiker

Zu sprechen ist von einem Glücksfall in mehrfacher Hinsicht: Der Solist Roberto González Monjas spielte «sein» Konzert, die innige Verbundenheit war Ton für Ton zu spüren. Die Sensibilität und Weite seines Phrasierens, die gehalt- und massvollen, von Spannung gehaltenen Tempi, der volle, nuancenreiche Klang seiner Guarneri hielten in Bann, die scheinbar mühelose Virtuosität seiner Läufe und Triller nahm in der weitläufigen Kadenz im Dialog mit der Pauke im ersten Satz fast dämonische Züge an. Und überraschend war eben auch, wie dieses intensive und vollkommen unaufgesetzte Spiel vom Orchester aufgenommen wurde – sicher im Auftritt im Rubatospiel des Solisten, feinnervig, wenn es die luftigen Figurationen und Triller des Solisten untermalte, gespannt in subtilstes Verklingen.

Scherzhaft führte das Orchester das Stück in eine Endlosschlaufe.

Es war offensichtlich, dass diese Aufführung auf einem intensiven Prozess des Austausch beruhte, und man weiss es ja und erlebt es in den Konzerten des Musikkollegiums immer wieder, dass Roberto González als grosser Musiker auch ein grosser Kommunikator ist, und zweifellos hatte man eben etwas vom Schönsten aus der Geschichte der alten Musikmetropole Wien erfahren.

Die Frage «Bleibt Wien?» münzte Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) in seiner kurzen Ansprache nach der Pause um in die Frage nach dem Schicksal des Konservatoriums. Er machte deutlich, dass die Institution in ihren Existenzsorgen nicht allein gelassen werden soll, soweit es in seiner Macht steht. Im Publikum ortete er die Könige des 6. Januars und zog aus der grossen Anzahl den Schluss, dass es besser sei, bei der Demokratie zu bleiben.

Brüchige Existenz

Was aber meinten nun die Veranstalter wirklich mit dem Motto? Das Wien der Doppelmonarchie war untergegangen, als Ernst von Dohnanyi in Budapest die Orchesterfassung seiner «Ruralia hungarica» zur Stadtfeier uraufführte.

Der Solist Roberto González Monjas spielte «sein» Konzert, die innige Verbundenheit war Ton für Ton zu spüren.

Es waren ursprünglich, wie der Titel besagt, Klavierstücke über ungarische bäuerisch-ländliche Melodien, die er glanzvoll orchestrierte. Mit dem reichen Schlagwerk samt Tamtam und impressionistischem Kolorit präsentierten sich melancholisches Schwärmen, feuriger Tanz, sinfonische Dramatik, kindliche Weise noch einmal im Glanz der Jahrhundertwende, und dem WJSO gelang es ausgezeichnet, diesen auf anspruchsvoller Orchestertechnik basierenden Glanz zu vermitteln.

Für den Komponisten selber wurde die alte Musikmetropole schliesslich zum Fluch, als er sich 1944 ins Wien der Nazis zurückzog und damit zur Persona non grata im Ungarn der Nachkriegszeit wurde. Vielleicht darf man das vergessen und zum Schluss kommen: Ja, Wien bleibt – auch für Winterthur – Musik. (Landbote)

Erstellt: 07.01.2019, 16:05 Uhr

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