Salzhaus

«Wir haben nichts gelernt»

Der Rapper Tüli hat ein neues Album produziert. Beim Benefizkonzert «Live 4 Refugees» stellt er am Freitag einige Stücke vor. Das Lied «Winterthur» hat Kultpotenzial.

Ein Winterthurer mit abchasischen Wurzeln: Tüli setzt sich beim Konzert «Live 4 Refugees» ein.

Ein Winterthurer mit abchasischen Wurzeln: Tüli setzt sich beim Konzert «Live 4 Refugees» ein. Bild: Marc Dahinden

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Dein Stück «Winterthur» ist eine Liebeserklärung an diese Stadt. Warum sind Rapper so heimatverbunden?
Tüli: Ich denke, das kommt vom Battle-Ding: Unsere Stadt ist besser als eure. Wer sind die Grösseren – wir oder ihr? Bei mir war das aber nicht die Motivation. Ich hatte einen positiven Beat gefunden und da wollte ich etwas über die Stadt machen, die ich gern habe.

Was gefällt dir so gut?
Ich bin hier zu Hause, seit ich sechs war. Winterthur hat eine gute Ausstrahlung, sei es im Fussball, weil sie gegen Gewalt sind und sich so positionieren, sei es das kulturelle Angebot mit den Musikfestwochen und den Kurzfilmtagen. Und wo gibt es das schon, dass einen der Stadtpräsident auf der Strasse grüsst! Es hat mich nie gereizt, nach Zürich zu ziehen.

Mit dem Track «Chrieg» schlägst du auch sehr ernste Töne an.
Ich bin überzeugt, dass wir uns in Europa auf einen Krieg zubewegen, früher oder später. Die gesamte Situation mit Russland, das in unserer Wahrnehmung «böse» ist, mit Trump, der Mauern bauen will und abschottet, den Islamisten . . . Wir können «alles», aber haben aus allem nichts gelernt, davon handelt mein Lied.

Dein bürgerlicher Name ist ja Taylan Hochuli. Wie setzt er sich zusammen?
Mein Vater ist Schweizer, ein Psychologe. Meine Mutter kommt aus Abchasien, das zwischen Georgien und Russland am Schwarzen Meer liegt, aber nur von wenigen anderen Staaten anerkannt ist. Im 19. Jahrhundert wanderten viele in die Türkei aus und bildeten eigene Dörfer. Mein Grossvater ist von dort in die Schweiz gekommen; dann hat er seine Frau und die Kinder nachgeholt – meine Mutter war da 12 Jahre alt. Deshalb spreche ich auch Türkisch und nur einige Worte Abchasisch.

Hat Taylan eine Bedeutung?
Ja, es heisst «junges Ross, das im Mondschein springt».

Das hast du dir jetzt ausgedacht.
(schaut im Smartphone nach) Es bedeutet gut aussehender, grosser Mann; oder Acker, wo trotz vielen Regens die Ernte gut ist.

Wie alt bist du?
Heute ist mein 32. Geburtstag.

Du arbeitest als Lehrer an der Sekundarschule in Neftenbach.
Genau, seit nunmehr zwei Jahren. Ich mag meinen Beruf sehr.

In deinem Stück «Vo Vornä» geht es um Beziehungen. Das sollte doch nicht so ein Problem sein, wenn man als Musiker auf der Bühne steht und von vielen Frauen gesehen wird.
Das bewegt sich bei mir alles im überschaubaren Rahmen, ich habe es auch nicht darauf angelegt. Das Lied ist eine Momentaufnahme einer Situation. Wann ist es nicht mehr gut? Man kann in einer Beziehung nicht wie in der Musik auf null stellen und wieder von vorn anfangen.

Was dich auch beschäftigt, ist der Gedanke, auszuwandern.Du flüchtest darin vor dem Reichtum der Schweiz.
Dadurch, dass es uns in der Schweiz so gut geht, habe ich das Gefühl, dass uns anderes verloren geht. In Ländern, wo man weniger hat, rückt man enger zusammen. In Spanien oder der Türkei habe ich das erlebt, und in «Ich mues wiiter» verarbeite ich das.

Um «Winterthur» zu hören, muss man dein neues Album «Liebi und Chrieg» kaufen.
Oder am Freitag zum Konzert gehen. Man kann es natürlich auch bei iTunes einzeln herunterladen.

Was geht ab an dem Konzert?
Ich bin angefragt worden, zugunsten von Projekten der «Borderfree Association» in Griechenland und Serbien zu spielen. Das mache ich sehr gerne. Sie bieten flüchtenden Menschen in Europa Hilfe und Schutz. Natürlich trete ich auch gerne im Salzhaus auf. Wir sind rund zehn Leute, die auf verschiedenen Instrumenten auch Soloparts spielen, Violine, Trompete, Gitarre und mehr. Das Konzert wird von Fogel moderiert. Wir feiern für einen guten Zweck. (Landbote)

Erstellt: 31.01.2017, 16:37 Uhr

Live 4 Refugees

Freitag, 3. Februar, 20 Uhr. Mit Ambaroots, Tüli, Tree, Fab and the Fools. Special Guest: Lara Stoll. Moderation: Fogel. Eintritt: 5 Fr./Kollekte. Salzhaus, Untere Vogelsangstrasse 6.

Liebi und Chrieg

Tüli hat sein zweites Album wieder im Haschdasound Studio in Hegi aufgenommen. Auf den 18 Tracks wird er von Instrumentalisten aus seinem Bekanntenkreis, aber auch anderen Rappern (unter anderem Mr. Penncroff & Pedro) begleitet. Stilistisch ist sein Sound «old-school» und melodiös-relaxed; die gefühlvollen Texte beschreiben «Tülis Welt»: «Schlaf Chliinä Maa» ist seinem Neffen gewidmet; in «Niä meh Alkohol» lässt er mit Fogel eine merkwürdige, ausschweifende Nacht Revue passieren. (gsp)

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