Winterthur

«Wir sind doch keine Helden»

Die Erinnerung an den Holocaust wurde bisher dank den Überlebenden wachgehalten. Der Film «Ende der Erinnerung?» von Peter Scheiner stellt die Frage, wie es damit weitergehen soll, wenn es keine mehr gibt.

Gabor Hirsch am 27. Januar 2011 im Bundeshaus bei der Auflösung der von ihm gegründeten Kontaktstelle. Szene aus dem Film «Ende der Erinnerung?» von Peter Scheiner.

Gabor Hirsch am 27. Januar 2011 im Bundeshaus bei der Auflösung der von ihm gegründeten Kontaktstelle. Szene aus dem Film «Ende der Erinnerung?» von Peter Scheiner. Bild: Foto: PD

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Wie kann die Gesellschaft verhindern, dass der Holocaust – der Genozid an den Juden im Zweiten Weltkrieg – vergessen geht? Die Frage stellt sich, weil es immer weniger Überlebende gibt, die Auskunft geben könnten. Mit dem Thema beschäftigt sich der Dokumentarfilm «Ende der Erinnerung?» von Peter Scheiner. Am Sonntag wird der Film im Kino Cameo zweimal gezeigt; auf die erste, ausverkaufte Vorführung folgt eine Podiumsdiskussion.Im Zentrum von Scheiners Film, der vor einem Jahr in die Schweizer Kinos kam («Landbote» vom 3. 2. 2017), steht die Kontaktstelle für Überlebende des Holocaust in der Schweiz. Vor sieben Jahren wurde sie aufgelöst, weil die damals noch achtzig betagten Mitglieder nicht mehr in der Lage waren, den Verein aus eigener Kraft weiterzuführen.

Bei der Zeremonie im Bundeshaus in Bern erhielten die Mitglieder eine goldene Medaille mit der Gravur «Holocaust-Zeitzeuge» – eine Ehrung, die die Geehrten überforderte: «Ich verstehe gar nicht, warum wir das erhalten. Wir sind doch keine Helden», sagt eine Frau im Film. Dies dokumentiert eindrücklich die Schwierigkeiten der Behörden im Umgang mit dem Holocaust und dessen Fremdheit im Kontext der offiziellen Auszeichnungskultur.

Etwas seltsam findet Scheiner die Auszeichnung heute noch. Scheiner, selbst ein tschechisch-jüdischer Secondo mit Jahrgang 1947, hätte es lieber gesehen, wenn sich jemand für die Frage interessiert hätte, was nun mit dem Nachlass geschehen soll. Der Wille, die Erinnerung weiter zu pflegen, wäre in der zweiten und dritten Generation der Überlebenden vorhanden, glaubt Scheiner, doch habe es dafür von offizieller Seite keine Unterstützung gegeben.

Neuer Ansatz gesucht

Die 1995 vom Auschwitz-Überlebenden Gabor Hirsch gegründete Kontaktstelle diente primär dem Austausch der Überlebenden untereinander; auf dem Höhepunkt wurden über vierhundert Mitglieder gezählt, heute leben noch etwa 35. Die Auflösung des Vereins markiert auch eine Zäsur für die Bewahrung der Erinnerung in der Gesellschaft insgesamt. «Wir Angehörigen der zweiten und dritten Generation können nicht mehr authentisch über den Holocaust berichten», sagt der Winterthurer Anwalt Olaf Ossmann, Vorstandsmitglied der Israelitischen Gemeinde Winterthur wie des Galerievereins, die den Anlass im Cameo zusammen mit der christlich-jüdischen Arbeitsgemeinschaft organisieren. Man habe sich bemüht, die Erinnerungen der Opfer aufzuschreiben; die Überlebenden berichteten vor allem in den Schulen von ihren Erlebnissen. «Jetzt müssen wir einen neuen Ansatz finden.»

Eine prominente Rolle könnte nach Auffassung von Ossmann die Kunst spielen. Exemplarisch stehen dafür, laut Ossmann, die Memoiren von Mitgliedern der Kontaktstelle, die unter der Überschrift «Mit meiner Vergangenheit lebe ich» im Suhrkamp-Verlag erschienen sind: Als Buchcover dient das Gemälde «Birken­au» des deutschen Künstlers Gerhard Richter; das abstrakte Bild geht auf vier Fotografien zurück, die Insassen des Konzentrationslagers Birkenau heimlich gemacht hatten. Auf dem Foto sind aufgeschichtete Leichen zu sehen. Richter hat die Fotografie übermalt. Das werde kontrovers diskutiert, sagt Scheiner. Er selbst findet es gelungen: «Es wird etwas zugedeckt, das man wieder auf­decken kann, das ist sehr spannend.» Eine Ausstellung mit Bildern von Richter ist auch im Film zu sehen, ausserdem berichten Mitglieder der aufgelösten Kontaktstelle von ihren Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg und anschliessend in der Schweiz.

Es gehe darum, eine Bildsprache für das Unaussprechliche zu finden, sagt Ossmann. Mithilfe der Kunst oder auch anhand von Gedichten aus jener Zeit liessen sich existenzielle Fragen stellen und das dahinterstehende Menschenbild thematisieren. Damit, stellt er sich vor, könnte man die Jugendlichen in den Schulen «dort abholen, wo sie stehen».

Erwartungen nicht erfüllt

Ossmann hätte erwartet, dass die Schweiz, die noch bis März den Vorsitz der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) innehat, hier neue Wege vorschlagen würde. Doch die Alliance habe sich weiterhin auf den Diskurs von Spezialisten beschränkt und sei nicht nach aussen aktiv geworden, obwohl Botschafter Benno Bättig bei der Übernahme des Vorsitzes im März 2017 genau dies in Aussicht gestellt habe.

An der Podiumsdiskussion im Anschluss an den einstündigen Film nehmen neben Ossmann, der auch Präsident der Stiftung Menschenbild ist, François Wisard, Vorsitzender der Schweizer Delegation der IRHA, und der Historiker Simon Erlanger teil; die Moderation hat Noëmi Gradwohl, Kulturredaktorin bei Schweizer Radio SRF. Ein äusserer Anlass für die Veranstaltung im Cameo ist der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am27. Januar. Statt das Datum nur intern zu begehen, habe man den Anlass öffnen wollen, sagt Ossmann.
Ende der Erinnerung? Sonntag, 15 Uhr, mit Podiumsdiskussion, Kino Cameo, Lagerplatz. Ausverkauft. Weitere Filmvorführung um 19 Uhr.

(Der Landbote)

Erstellt: 12.01.2018, 17:36 Uhr

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Die Organisatoren

Die Israelitische Gemeinde Winterthur (IGW) ist die jüdische Religionsgemeinschaft der Stadt. Laut der Website gehören dem IGW über hundert Jüdinnen und Juden an. Bereits im Mittelalter lebten Juden in Winterthur, erstmals erwähnt werden sie in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Die IGW ist dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) angeschlossen.
Die Christlich-jüdische Arbeitsgemeinschaft (CJA) der Schweiz wurde 1946 in Walzenhausen AR gegründet; sie richtet sich gegen den Antisemitismus und will das gegenseitige Verständnis zwischen Christen und Juden fördern. Die CJA Winterthur und Umgebung ist die jüngste Regionalgruppe der Schweiz, sie wurde 1997 gegründet. Im 1913 gegründeten Galerieverein sind die Freunde des Kunstmuseums zusammengeschlossen. Der Galerieverein hat unter anderem die markante Skulptur von Richard Deacon finanziert, die sich zwischen Alt- und Neubau an der Seite der Lindstrasse befindet.

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