Neu im Dienst

«Wir sind ein KMU-Betrieb»

Seit dem Sommer ist Christian Ledermann Direktor des Konservatoriums Winterthur. Das neue Musikschulgesetz wird grossen Einfluss auf die Zukunft der Schule haben.

«Es ist unmöglich, sich hier nicht zu begegnen»: Christian Ledermann im Konservatorium Winterthur.

«Es ist unmöglich, sich hier nicht zu begegnen»: Christian Ledermann im Konservatorium Winterthur. Bild: Marc Dahinden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Obwohl er einen Managerposten hat, wirkt er nicht wie ein kühler Rechner. Christian Ledermann tritt einem als offener Gesprächspartner entgegen, mit dem man auf Augenhöhe reden kann. Im überschaubaren Büro im Erdgeschoss steht ausser dem Schreibtisch auch ein runder Tisch für Gespräche, aus dem Fenster blickt man ins Grüne. Man glaubt es Ledermann, wenn er sagt, er habe eine starke emotionale Bindung zu seinem neuen Arbeitsort. Hier hat er einst bei Fabio di Càsola Klarinette studiert. Im Sommer ist er nun als Direktor zurückgekehrt, als Nachfolger von Valentin Gloor, der an die Musikhochschule Luzern gewechselt hat.

Obwohl hier rund 1700 Schülerinnen und Schüler aller Altersstufen Musikunterricht erhalten, ist es vor allem tagsüber oft still im Konservatorium an der Tössertobelstrasse. Wer den Wandel des Hauses seit der Jahrtausendwende miterlebt hat, beklagt den Rückgang und erinnert sich mit Wehmut an die Zeiten, da hier das Leben pulsierte. Damals ging man an ein Konservatorium um Musik zu studieren, und Winterthur hatte international einen sehr guten Ruf, Spitzenmusiker wie die Geigerin Anne-Sophie Mutter haben hier studiert.

Dann kam das neue Fachhochschulgesetz und brachte einen Konzentrationsprozess in Gang. Der war für Winterthur insgesamt ein Gewinn: Aus dem Technikum entstand die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Verliererin der Fusionswelle

Zu den Verlierern gehörte das Konsi: Aus der Fusion der Konservatorien Winterthur und Zürich mit der Zürcher Schauspielschule ging die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) hervor, die heute auf dem Zürcher Toni-Areal angesiedelt ist. Das Konservatorium Winterthur verlor seinen Status als Musikhochschule. Wer jetzt Musik studiert, muss nach Zürich.

Heute beschäftigt das Konservatorium, das seit den Anfängen vor bald 150 Jahren ein Teil des Musikkollegiums ist, bei einem Umsatz von 8 bis 10 Millionen Franken 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. «Wir sind ein KMU-Betrieb», sagt Ledermann. Es ist nicht nur Werbung, wenn er findet, das Konservatorium Winterthur sei eine der attraktivsten Musikschulen der Schweiz. Zu seinen Vorzügen zählt neben der Lage am Rychenberg-Park die gezielte Förderung des Nachwuchses, der hier auf das Studium vorbereitet werden soll. Direkt gegenüber liegt die Kantonsschule Rychenberg, die Schülerinnen und Schüler mit musischem Maturitätsprofil müssen für den Musikunterricht nur auf die andere Strassenseite wechseln. Die Zusammenarbeit wird auch über die Kantonsgrenzen hinaus – etwa mit der pädagogischen Maturitätsschule Kreuzlingen – und sogar über die Landesgrenzen gepflegt. So studiert das Winterthurer Jugendsinfonie-Orchester (WJSO) diese Woche mit dem Atheneum Kamerorkest des Königlichen Konservatoriums Den Haag Werke von Mozart und Ibert ein.

Hervorragende Akustik

Für besonders gelungen hält Ledermann das Gebäude aus dem Jahr 1969. Jedes Unterrichtszimmer führt direkt in den Innenhof, der die Funktion einer «Piazza» hat: «Es ist unmöglich, sich hier nicht zu begegnen», sagt Ledermann. Die Akustik in den Unterrichtszimmern ist trotz teilweise geringer Grösse hervorragend. Initiiert wurde der Bau von Willi Gohl, dem damals landesweit bekannten Gesangspädagogen und Komponisten, der das Konsi von 1959 bis 1986 leitete. Der 50. Geburtstag des Baus wird im November eine Woche lang gefeiert.

Eine Fusion mit der Musikschule Prova beim Hauptbahnhof und der Jugendmusikschule, die in Primarschulhäusern Räume nutzt, wäre laut Ledermann vielleicht eine interessante Idee, ist aber zurzeit kein Thema. Dass man zwischen drei Angeboten wählen kann, hält er für einen Vorzug, das gebe es in keiner anderen Stadt im Kanton. Eine Zusammenarbeit besteht bei der Förderung begabter Schülerinnen und Schüler und bei gemeinsamen Auftritten an den Musikfestwochen. Über weitere Kooperationen sei man im Gespräch, an denen die Stadt beteiligt sei.

Das Volk wird entscheiden

Entscheidend für die Zukunft der Musikschulen sei die Ausgestaltung des neuen Zürcher Musikschulgesetzes. Dazu ist eine Initiative hängig, über die bis Mai 2020 abgestimmt werden soll: Sie verlangt unter anderem, dass sich der Kanton finanziell stärker engagiert. «Im Kanton Zürich müssen die Eltern und die Gemeinden fast für die gesamten Kosten aufkommen», sagt Ledermann. Beim Einzelunterricht übernehme der Kanton 3 Prozent, bei der Begabtenförderung sei der Anteil noch geringer, während er etwa im Kanton Zug bis zu 50 Prozent betrage. Vor allem Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen haben das Nachsehen.

Ledermann ist optimistisch, nicht zuletzt weil er den Volkswillen auf seiner Seite weiss: Die Musikförderung ist als staatliche Aufgabe in der Bundesverfassung verankert, die entsprechende Vorlage war 2012 in einer Volksabstimmung mit über siebzig Prozent angenommen worden; die Umsetzung blieb allerdings offen.

Führt der eingeschlagene Weg zum Ziel?

Sollte sich der Kanton stärker beteiligen, wird er eine Qualitätskontrolle verlangen. Darauf ist das Konsi vorbereitet, es hat kürzlich das vom Verband der Musikschulen der Schweiz (VMS) geschaffene «quarte open Label» erworben. Der Zwang zur Selbstreflexion habe sich als nützlich erwiesen, es sei eine gute Erfahrung gewesen, Fragen zu beantworten wie: Was machen wir und warum? Führt der eingeschlagene Weg zum Ziel?

Vor seinem Job in Winterthur war der 1975 geborene Ledermann von 2013 bis 2019 Leiter der Musikschule Kilchberg-Rüschlikon. Davor hat er als Geschäftsleiter den Alumni-Bereich an der ZHdK aufgebaut. Und was macht seine Klarinette? Er komme zu wenig zum Üben, sehe sich aber immer noch als Musiker, unterrichte auch immer noch, wenn auch nicht mehr viel. Und er tritt auch immer noch mit befreundeten Musikern in zwei Ensembles auf.

Konzerthinweis: WJSO mit dem Atheneum Kamerorkest des Königlichen Konservatoriums Den Haag: Freitag, 18.10., 19.30 Uhr, Stadthaus Winterthur.

Erstellt: 13.10.2019, 14:01 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben