Winterthur

Wohlklang und Lindenduft

Der Winterthurer Chor Stimmrych widmet sich der Pariser Avantgarde des Fin de Siècle: eine wohlklingende ­Alternative zu den WM-Chören. Das Konzert wird am Sonntag in Winterthur wiederholt.

Die meisten Chormitglieder von Stimmrych haben früher im Chor der Kantonsschule Rychenberg gesungen.

Die meisten Chormitglieder von Stimmrych haben früher im Chor der Kantonsschule Rychenberg gesungen. Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schwerer Duft von Lindenblüten lastet über der Hohen Promenade in Zürich, verträumt liegt der von der üppigen Vegetation fast verschlungene Privatfriedhof da. Das passt bestens zu den impressionistisch geprägten Chorwerken, die in der benachbarten Eglise française aufgeführt werden: Von Schritten durch verlassene Alleen wird da gesungen, von Blumen und Bäumen, der Schönheit der Natur, der Stille der Nacht.

In seinem Programm «La naissance de Vénus» stellt der Winterthurer Stimmrych-Chor unter der Leitung von Jürg Rüthi wenig bekannte Werke von Gabriel Fauré und Camille Saint-Saëns ins Zentrum. Mit von der Partie ist – wenn auch nur instrumental – deren schalkhafter Zeitgenosse Erik Satie.

Im Reich der Sinne

«Les fleurs, les fleurs, les fleurs . . .» singt der Chor in Saint-Saëns’ «Des pas dans l’allée» a cappella, und man hört diese Blumen als Symbole für entschwindende Erinnerungen dabei leise taumeln und fallen. Die damit verbundenen Fragen – welche Stille?, welche Allee? – lassen die Singenden jedoch gleich darauf in choralhafter Harmonik zögern, innehalten und so einen zauberhaften, lyrischen Moment schaffen.

Das gelingt den über vierzig jungen Singenden ganz hervorragend: Sie überzeugen mit sicherer Intonation und vollem Klang, auch in leisen und anspruchsvollen Passagen. Mit «Les fleurs et les arbres», einem traditionellen Chorlied in moderner Harmonik, geht es flott weiter, bevor der erste Konzertblock mit dem getragenen «Calme des nuits» in purer Harmonik endet.

Dämonenkämpfe

Weit irdischer sind die beiden darauffolgenden, am Klavier von Florian Läuchli begleiteten Werke von Gustave Fauré: Das Spiel (oder den Kampf) der Geschlechter thematisierend, tritt der Chor in «Madrigal» zunächst in ein Streitgespräch der Frauen- und Männerstimmen: Die jeweils andere Seite solle sich nicht so zieren, mit den Gefühlen nicht spielen, die Liebe zulassen, lautet der Vorwurf. Bis man zu einer gemeinsam gesungenen Schlussfolgerung gelangt: «Liebt doch, wenn man euch liebt!», denn: «Die Tage der Liebe sind gezählt.»

Um einen Kampf anderer Art und Dimension geht es anschliessend in «Les Djins»: um denjenigen mit bösartigen Dämonen. Vom Chor dynamisch und mit einiger Dramatik gut inszeniert, hört man diese förmlich angaloppieren, hört ihre Krallen vergeblich an verschlossenen Fenstern und Türen kratzen – bevor sie sich zum Glück abwenden und die Gefahr überstanden ist.

Bild- und Stimmgewalt

Danach braucht es für Chor und Publikum eine Pause. Und nichts passt dazu besser als «Entr’acte», der experimentelle Schwarzweiss-Kurzfilm von René Clair aus dem Jahr 1924. Er ist so absurd, dass dabei einige Heiterkeit aufkommt: Dada lässt grüssen! Allerdings lässt sich wegen der rasanten, immensen Bilderflut die von Florian Läuchli und Jürg Rüthi in vierhändiger Schwerarbeit live dazu gespielte Klavierbegleitung nach Erik Satie leider kaum voll würdigen . . .

Der abschliessende Block mit weiteren Chorwerken von Fauré – zunächst dem harmonischen, wohlklingenden «Cantique de Jean Racine» – erhält durch den Zuzug des stimmgewaltigen Baritons Rainer Weiss als Erzähler in der titelgebenden Kantate «La naissance de Vénus» eine weitere Dimension und der Abend damit einen krönenden, viel beklatschten Abschluss.

Das Stimmrych-Konzert bildet gesanglich einen wohltuenden Kontrast zu den derzeit grassierenden Fussballchören. Es lohnt sich also, deswegen am Sonntag auf den Match zu verzichten – oder diesen später zu schauen.


Konzert Stimmrych: «La naissance de Vénus». Sonntag, 17 Uhr, Aula Kantonsschule Rychenberg.

(Der Landbote)

Erstellt: 23.06.2018, 11:00 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Paid Post

Soforthilfe für Smartphones

Ob Displaybruch, defekte Kamera oder Wasserschaden – Wintek Swiss hat meist eine Lösung.

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben