Winterthur

Wolken, T-Shirts und Sonnenspuren

Die Gruppenausstellung im Oxyd ist eine Reflexion über Illusionen, Täuschung und Enttäuschung in Bildern, Fotos und Videos. Kuratorin Daniela Hardmeier hält wunderbare Entdeckungen bereit.

Schöne Schweissspuren: Langzeitstudie anhand von T-Shirts von Elisabeth Nembrini. C-Print-Serie, 2014-17.

Schöne Schweissspuren: Langzeitstudie anhand von T-Shirts von Elisabeth Nembrini. C-Print-Serie, 2014-17. Bild: zvg / Peter Huber

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Man betritt das Oxyd und wird gleich von einem feinen Hauch berührt. Eine dunkle Wolke mit delikat ziselierten Lichträndern baut sich auf einer Leinwand vor dem Betrachter auf. Gegenüber von Elisabeth Nembrinis Schwarzweissprojektion hat Annette Pfister Platz für die Serie «Mobile Landschaft» erhalten. Sie spielt souverän mit Illusionen und Täuschungen: Eine aus Lehm geknetete und mit dem Smartphone aufgenommene «Landschaft» oszilliert raffiniert zwischen Malerei und Foto. Ihre haptische Sinnlichkeit und der illusionistische Effekt deuten auf eine Auseinandersetzung mit der Malerei Gerhard Richters hin, wobei die perfekte Künstlichkeit ihrer Fels- und Dünenlandschaften der Serie eine smarte ironische Brechung verleihen.Als dritte Künstlerin hat Bignia Wehrli im Nebenkabinett des Entrées ihren Auftritt mit dem vor fünf Jahren in China entstandenen Video «se(a)quence». Was für eine Überraschung. Fern jeder Wissenschaftlichkeit handelt die witzige Arbeit vom Horizont. Darin vollführt die Künstlerin in einer Küstenlandschaft springend und kriechend wie ein Rumpelstilz eine Performance mit dem Ziel, die Schnittstelle zwischen Meer und Himmel zu berühren und zu überwinden. Da ist ein umwerfend komischer Esprit in Aktion, und ganz nebenbei setzt Wehrli einen witzigen Kontrapunkt zur metaphysischen Erhabenheit des Horizontes in der Romantik.

Malerei trotz allem

Um die Ecke überwältigt das aus 36 Bildtafeln bestehende monumentale Wandbild aus Eitempera und Pigmenten von Bruno Steiner. Seine grossartige Malerei in gebrochenen Farbtönen wickelt er auf dreizehn Metern ab – als ein geheimnisvolles arkadisches Panorama, das bevölkert ist von eher unheimlichen Figuren mit mitunter seltsamen Kopfbesätzen. Im Gesamt der Ausstellung, wo Foto und Video dominieren, wirkt diese überzeugende Malerei eigenartig fremd.

Es scheint aber, als wollte die Kuratorin unbedingt noch ein Bekenntnis zur Pinselkunst ablegen. Denn gleich gegenüber geht es weiter mit einer enigmatischen, kleinformatigen Fotoserie von Tine Edel. Im Atelier arrangiert sie simple Szenen. Mit einer alten Kamera und Analogfilmmaterial fotografiert, transformiert sie die Stillleben ähnelnden Kompositionen in einen mit Geistern erfüllten Séanceraum. Ihre kunstvolle Licht- und Schattenregie erinnert an die surrealistische Avantgarde-Fotografie des letzten Jahrhunderts.

Schöne Schweissspuren

Nembrini kann auch anders als schöne Wolkenbilder projizieren. Schweissspuren auf T-Shirts faszinieren sie. Diese hat sie in einer Langzeitstudie in einer C-Printserie festgehalten und das Unappetitliche in einem komplexen Prozess farblich so verfremdet, dass es zu purer Ästhetik wird. Bis zum Schluss muss man sich freilich gedulden, bis man zu Herbert Webers mehrteiliger Installation, dem geistig-sinnlichen Finale des Stationenwegs, gelangt. Mit einer Intelligenz und Ironie, die an Marcel Duchamp erinnert, löst er das Problem des Aufbewahrens und Dokumentierens seines Werkes mittels Fotografien. Er stellt sie in perfekt gezimmerten Kästen und Rähmen aus, so als würden dort Reliquien aufbewahrt.

Neben Annette Pfister ist einzig die in Berlin lebende Bignia Wehrli noch mit Winterthur verbunden. Sie hat sich mit ihren experimentellen Installationen bereits international einen Namen gemacht. Ihre Arbeit «Blindgang gegen die Sonne» versammelt im Nebenkabinett Sonnenlichtspuren auf Silbergelatinepapier. Das durch enormen technischen Aufwand geprägte Resultat gleicht von Hand ausgeführten minimalistischen Bleistiftzeichnungen. Ähnlichkeit im Ergebnis, Differenz in der Ausführung – das mag sogar spannend sein, nicht zuletzt darum, weil sie einem Trend entspricht, der die Kunst zur Magd der Wissenschaft zu machen droht.


Bis 25. Juni, Wieshofstrasse 108.
Fr/Sa 14-17, So 11-16 Uhr; So 4.6. geschlossen. www.oxydart.ch (Der Landbote)

Erstellt: 26.05.2017, 16:28 Uhr

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