Oper

Zarte Fäden, wildes Gestikulieren

Der Held bezwingt das Monster, und ähnlich drollig mag das im barocken Kulissentheater ausgesehen haben – die Berliner Lautten Compagney und Carlo Collas Marionettenspieler waren zu Gast im Theater Winterthur.

Die Oper mutet wie ein Bilderbuch alter Zeiten an.

Die Oper mutet wie ein Bilderbuch alter Zeiten an. Bild: zvg

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Die Frage, warum es eine historische Musikpraxis, aber keine dazugehörige Inszenierung der Barockopern gibt, liegt nahe. Gerade Georg Friedrich Händels Bühnenwerke sind ja im Gegenteil zu einem besonders blühenden Spielfeld fantasievoller Regisseure geworden, die in den alten Stereotypen die gegenwärtigen zeigen wollen. Auch die Berliner Lautten Compagney machte aus dem griechischen Tempel schon mal eine Lagerhalle, in der Benzinkanister und Transistorradio zu sehen waren.Das machte übrigens auch die Bühne der Barockzeit nicht anders, denn ziemlich barock kamen damals auch die Schauplätze und Figuren der antiken Mythologie und Geschichte auf die Bühne. Theaterleute wollen sich eben nicht nur verkleiden, sondern auch erkunden, was die Geschichte, die sie da erzählen, mit ihnen und mit ihrer Gegenwart zu tun hat.

Historische Inszenierung

Jetzt aber spielt die Berliner Lautten Compagney zu einer Inszenierung von Händels «Giustino», die das alte Kulissentheater wieder auferstehen lässt, und zwar im Miniaturformat eines Marionettentheaters.

Zum historischen Instrumentarium mit Blockflöte, mit ventillosen Hörnern und Trompeten und mit den namengebenden Lauten, deren Bassversion mit ihrem langen Hals über den Orchestergraben hinausragte, gibt es in dieser Produktion nun auch die Tiefenillusion von Bühnenmalerei, fantastische Kostüme, für den byzantinischen Hofstaat, die Effekte der Maschinerie wie zur Händel-Zeit – auf den ersten Blick wenigstens.

Eher ist es ein ferner Bezugspunkt. Denn die Compagnia Marionettistica Carlo Colla e Figli aus Mailand beruft sich auf eine lange Tradition des Figurentheaters, das in Italien bis ins 20. Jahrhundert das Opern- und Schauspielhaus des kleinen Mannes war. Die bukolische Landschaft mit weidenden Schäfchen, der Schreckensort mit Monsterschlange, das wilde Gestade mit stürmischem Meer samt Schiffbruch, die Fortuna mit ihrem sich drehenden Rad, der prächtige Sonnenaufgang im Finale – all das erinnert hier nun an längst vergangene Zeiten und ist auch liebenswürdig in seiner Naivität. Aber ist es auch eine Händel-Aufführung?

Ein Handwerk für sich

Das Hauptkapital der sich konkurrierenden Londoner Opernunternehmen waren die Gesangsstars. Die Marionetten­bühne verweist sie in den Orchestergraben, wo sie sich im Winterthurer Gastspiel am Donnerstag immerhin sichtbar erhöht durch den langen Arienreigen arbeiteten – mehr oder weniger beglückend: An die umjubelten Kastraten reichten der Countertenor Jud Perry und der Sopranist Philipp Mathmann gewiss nicht heran, an die ebenso umschwärmten und beargwöhnten Primadonnen der Händel-Zeit hätten vielleicht Fanie Antonelou und zumal Julia Böhme erinnert, wären sie denn auf der Bühne gestanden.

Was es dort zu sehen gibt, war nun, abgesehen vom Bilderbuch, das da Szene für Szene aufgeblättert wurde, vergleichsweise uninteressant. Die Art, wie die Marionettenspieler den Gesangsvortrag ihrer Figuren übersetzten, erschien einem doch sehr ermüdend als hyperaktives Gestikulieren.

Wie sie Triller aus den Händen schüttelten und kopfwackelnde Tremoli simulierten, die Arme verwarfen, war höchstens das komische Klischee wirklicher Gesangsphysiologie und bestenfalls Kunsthandwerk für sich – und allen Respekt für die elf an den Drähten und diese Bühnenmaschine überhaupt, die sichtbar wurde, als am Ende zum reichlichen Applaus der grosse Vorhang aufging. (Der Landbote)

Erstellt: 05.11.2017, 17:37 Uhr

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