Musikkollegium

Zehetmairs Brahms

Im Konzert vom Mittwoch präsentierte Thomas Zehetmair seine tiefgründige und mitreissende Sicht auf Brahms: das Violinkonzert D-Dur leitete er als Solist von der Violine aus, die Sinfonie Nr. 3 F-Dur dirigierte er auswendig.

Dirigent Thomas Zehtmair präsentierte Johannes Brahms im Musikkollegium Winterthur.

Dirigent Thomas Zehtmair präsentierte Johannes Brahms im Musikkollegium Winterthur. Bild: Dan Brady

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Johannes Brahms hatte zwei Seiten: einerseits schätzte er das Volkstümliche, seine Ungarischen Tänze sind um die Welt gegangen, und mit Johann Strauss verkehrte er persönlich und respektvoll. Andererseits war er ein Grübler, besonders im Bereich des Orchestersatzes. Er rang nicht nur mit seiner ersten Sinfonie, die relativ spät herauskam, sein Orchestersatz ist stets dicht, thematisch eng verwoben. Der variativ sich entwickelnde Stil fordert schillernde Farbgebung, und die Bläser prägen stark.Thomas Zehetmair hat sich – auch für den Brahms-Schwerpunkt, den das Musikkollegium diese Saison setzt – analytisch vertieft in diesen Orchestersatz. Und dies auch im Violinkonzert, das mehr sinfonischen als konzertant-virtuosen Charakter hat und das er als Solist auch leitete. Was dabei geschah, war einfach unerhört: so subtil ausgeleuchtet, transparent und draufgängerisch habe ich dieses technisch schwierige Konzert noch nie erlebt.

Das Orchester, von den beiden 1. Konzertmeistern Roberto Gonzáles Monjas und Ralph Orendain geführt, wurde zum kammermusikalischen Kosmos. Zehetmair war geistig mitten drin, das Orchester reagierte hoch empfindsam auf den Solopart, es entspann sich ein inspirierter und rhythmisch filigraner Dialog. Die Dramaturgie war äusserst stringent, die Kraft wirkte jedoch verinnerlicht. Und bei allem Draufgängertum variierte Zehetmair seinen Ton in subtilsten Schattierungen ­– da konnte man nur staunen.

Eigene Kadenz kreiert

Interessant auch die Kadenz im Kopfsatz. Brahms hat keine ausgeschrieben, üblicherweise spielt man die von Joseph Joachim. Thomas Zehetmair hat eine eigene Kadenz kreiert, sie ist prägnant, nachdenklich und fantasievoll. Der Bärenreiter-Verlag hat diese Kadenz übrigens in seiner neuen Brahms-Ausgabe publiziert.

Sicher, insgesamt war das kein «Brahms der singenden Geigen», der Klang wirkte eher etwas spröde und forsch. Die Bläser hingegen wurden vom Dirigenten Zehetmair zelebriert, das Adagio kosteten sie innig aus, und das «giocoso» im Finalsatz kam von Solist und Orchester echt musikantisch zur Geltung. Das Publikum liess sich packen und begeistern, einige standen beim Applaus sogar auf

Der Schweizer Komponist Joachim Raff (1822-1882), der zwischen den beiden Brahms-Werken mit einer Ouvertüre über den Luther-Choral «Ein feste Burg ist unser Gott» zu Gehör kam, hatte es nach diesem Brahms-Ereignis natürlich schwer. Der einstige Assistent von Franz Liszt war zwar ein handwerklich geschickter Komponist, seine Musik ist aber recht pompös. Dennoch, diese Choral-Bearbeitung, die vor allem die Bläser des Orchesters stark fordert, hat durchaus ihren Reiz.

Dass in diesem Konzert neben dem Violinkonzert auch die Sinfonie Nr. 3 von Brahms gespielt wurde, ist programmtechnisch ziemlich schwergewichtig. Doch Zehetmair und das Orchester meisterten auch die Dritte mit vitaler Energie und hoher Aufmerksamkeit. Die beiden Ecksätze gelangen bei aller Dynamik markant und ausdrucksstark, die eher kammermusikalischen Mittelsätze wurden ruhig ausgeleuchtet, und der von der Klarinette angeführte «Prozessionsgesang» im Andante hatte etwas Magisches. Schön, dass das Musikkollegium mit diesem Programm am Samstag auch im Theater Chur gastiert. (Landbote)

Erstellt: 04.10.2018, 17:32 Uhr

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