Winterthur

Zoff wegen Kunst am Bau? – Nein, danke

Beim neuen Polizeigebäude soll die Kunst nicht irritieren. In diesem Punkt war sich die uneinige Jury einig. Dafür wurden gute Vorschläge geopfert. Eine Nachbetrachtung.

Griechische Göttinnen und Polizeihunde bewachen den Eingang zum Polizeigebäude (rechts unten in der Visualisierung). Der Kunst-am-Bau-Vorschlag von Esther Mathis bleibt eine Utopie. Die Jury entschied sich für Beat Streulis Fotofenster.

Griechische Göttinnen und Polizeihunde bewachen den Eingang zum Polizeigebäude (rechts unten in der Visualisierung). Der Kunst-am-Bau-Vorschlag von Esther Mathis bleibt eine Utopie. Die Jury entschied sich für Beat Streulis Fotofenster. Bild: pd

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Am Entscheid der Jury, einige Fensterfronten des künftigen Polizeigebäudes an der Obermühlestrasse (POM) mit halbtransparenten Fotos des Künstlers Beat Streuli (Wädenswil) zu bespielen, gibt es nichts zu kritteln.

Die Juroren vermieden alles, um auch nur den Hauch von provokativer Vieldeutigkeit aufkommen zu lassen. Denn obschon Jahre zurückliegend, ist die heftige Kritik am Rostzaun bei der Kehrichtverwertungsanlage (KVA) in der Grüze noch zu präsent, und immer wieder wird in den Leserbriefspalten der Vorwurf der Verschleuderung von Steuergeldern im Zusammenhang mit Kunst am Bau erhoben.

Unter solchen Prämissen hätte es eine besonders mutige Jury gebraucht, die der Stimme des Volkes getrotzt und mehr als nur konforme Kunst auf den Schild gehoben hätte. An den leicht abstrahierten Fotoporträts von Personen und Situationen aus Winterthur wird niemand Anstoss nehmen (ausser vielleicht die Polizeiangestellten, die dahinter arbeiten müssen).

Auch hält sich das Risiko der Ausführung von «Metropolis» in Grenzen, da Streuli eine ähnliche Arbeit bereits an der TU Chemnitz realisiert hat.

Mehr Kampagne als Kunst

Dennoch war sich die Jury nicht einig und offensichtlich sogar so uneinig, dass sie keine Einstimmigkeit, was sonst Praxis ist, herzustellen vermochte. «Metropolis» erzielte nur sechs Stimmen, Daniela Schönbächlers (Zug/Venedig) Spiegelkabinett im Atrium schaffte mit vier Voten einen Achtungserfolg.

Vorschläge, die eher künstlerische  Kriterien wie Ironie, Vorstellungskraft, Vieldeutigkeit und Innovation verkörpern, hatten einen schweren Stand.

Zur Realisierung des Siegerprojektes stehen 315 000 Franken bereit. Im Jurybericht wird es gelobt, als ginge es weniger um Kunst als um die Kür einer Imagekampagne für die Polizei als deinen Freund und Helfer. Entsprechend hatten Vorschläge, die eher künstlerische Kriterien wie Ironie, Vorstellungskraft, Vieldeutigkeit und Innovation verkörpern, in einem solchen Umfeld einen schweren Stand.

Gerade deshalb verdienen einige, bevor die Ideen im Archiv versenkt werden, wenigstens eine Kurzwürdigung. Absolut verblüfft hat Esther Mathis (Zürich), sonst für prozessartige Installationen bekannt, mit ihrem Rückgriff auf die Symbolfiguren Flora, Justitia und Pallas Athene. Sie alle sind im Stadtbild (Stadthaus/Brunnenfigur) vertraut, hätten aber im Vorgärtlein des POM zusammen mit Polizeihunden in einer mit Glasperlen bestückten Betonversion auferstehen sollen.

Nicht nur dass die Künstlerin einen Wertediskurs lanciert hätte, noch mehr hätte der spielerisch-ironische Umgang mit Tugenden und Allegorien auf dem Polizeirevier (und in der Nachbarschaft zur Villa Flora) einen Extrapreis verdient.

Und wer den auch auf höherer Ebene erfolgreichen Winterthurer Mario Sala einlädt, darf sich nicht wundern, wenn man eine skurrile Geschichte wie jene des vor der Pensionierung stehenden Polizisten inszeniert erhält.

Doch die wunderbar ge­malten Vignetten eines letzten Diensttages passen leider nicht mehr in die Hochglanzwelt der Polizei; in der Domäne der Kunst freilich ist die Hommage an den «Polizisten» indes hochwillkommen. Maureen Kaegi (Rikon/Wien) hat Kriminalfälle aus Polizeichroniken aufgegriffen und in ein Hightech-Gewebe als Bildergeschichte eingearbeitet.

In der Wartezone wäre ein schlangenförmiges Sofa mit dieser blauen, Krimispannung erzeugenden Textilie überzogen worden. Aber solch verwirrliche Akzente hatten ebenso wenig eine Chance wie Julia und Claudi Müllers (Basel) prächtiger Terrazzoboden im Atrium.

Dieser setzt sich aus Zeichenfragmenten zusammen und spielt auf die Polizeiarbeit an, die nicht selten einem schier unlösbaren Puzzle gleicht. Und wie perfekt hätte dieses scheinbare Chaos die regelmässig gerasterte Architektur kontrastiert.

Gaunerzinken

Die architektonische Strenge der neuen Polizeizentrale duldete indes auch den feinen Witz von Reto Boller (Zürich) und Guido Vorburger (Winterthur) auf dem Flachdach nicht – ein sechs Meter hohes Dreifachkreuz hätte als heller Leuchtkörper in die Umgebung gestrahlt.

Das als «Gaunerzinken» bezeichnete Symbol stammt aus der Zeit der Ganoven und signalisierte damals den Kumpanen auf Hauswänden: «Achtung, hier wohnt die Polizei.» Solch eine mehrdeutige Pointe hätte man von den beiden Minimalisten nicht erwartet. Aber eine Institution, wo Eindeutigkeit oberstes Gebot ist, tut sich eher schwer mit dieser leicht subversiven Lichtintervention.

Die kurze Revue der Gescheiterten macht aber deutlich, was alles an Kunst die Jury auf dem Altar von Politik, Pragmatismus und Bürgerruhe geopfert hat, damit sich niemand wieder echauffieren muss und die meisten gut schlafen können.

(Der Landbote)

Erstellt: 25.07.2018, 10:38 Uhr

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