Theater Winterthur

Zur Feier die höchsten und tiefsten Töne

«Die Zauberflöte» eröffnete die Jubiläumssaison. Der Opernklassiker schlechthin hat eine Botschaft auch für heute.

Ein Bild für die Utopie der «Zauberflöte»: die Wiedervereinigung der gespaltenen Welt.

Ein Bild für die Utopie der «Zauberflöte»: die Wiedervereinigung der gespaltenen Welt. Bild: Susanne Reichardt

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Das Haus mit dem Dachpanzer – das Stichwort führt zur Schildkröte, zum mythischen Tier, das in alten Kosmologien die Erde trägt; und es führt zurück zum Theater, das geheimnisvoll das Menschsein trägt und verhandelt, so wie es parabelhaft tiefsinnig, märchenhaft bunt und komödiantisch lustig «Die Zauberflöte» tut.

Mit einer dezidierten Sicht auf Mozarts populärste Oper eröffnet das Theater Winterthur seine 40. Saison. Als Partner beteiligt sind das Musikkollegium und der Theaterchor. Er ist zur Eröffnung dieses Hauses gegründet worden und somit ebenfalls ein Jubilar. Beide, Orchester und Chor, sind durch intensive Proben in die vom Theater Heidelberg kommende Inszenierung der Mozart-Oper hineingewachsen, die am Freitagabend vor vollem Saal erfolgreich Premiere feierte.

Der Blick auf die Pointe

Auf der Drehbühne ein Hügel aus Treppenstufen, oben der Weltenbaum und ein roter Apfel: Das Bühnenbild von Tanja Hofmann greift bekannte mythische Symbole auf. Die atmosphärische Lichtgestaltung und der sinnfällige Bezug zum Geschehen gibt ihnen frische und starke Wirkung. Schon zur Ouvertüre teilt sich diese Welt im Streit der Geschlechter in zwei Sphären: Dunkel und bunt die Welt der Königin der Nacht, weiss im Sonnenlicht Sarastros Gesellschaft, dazwischen ein breiter Spalt. Dass sich später vom Schnürboden herunter ein Brücklein senkt, das über den Abgrund führt, ist ein Wink: Das Angebot zur Versöhnung kommt von oben. Der Abgrund aber ist der Weg durch Feuer und Wasser, den Tamino und Pamina gehen.

Dass sie ihn gemeinsam gehen, ist ein Verstoss gegen das Prüfungsprotokoll, der die freimaurerische Männerbündelei desavouiert. Diese Pointe der Mozart-Oper arbeitet der Regisseur Maximilian von Mayenburg in klaren Bildern heraus. Im Programmheft hält er fest: «In dem Sieg des Gemeinsamen über das Getrennte, errungen durch Liebe und Musik, liegt die grosse Utopie, die universelle Botschaft der Zauberflöte». Die Inszenierung spitzt sie zu, auch mit Lizenz gegenüber dem Libretto, das einen Anteil Sarastros an dieser Wendung zumindest offen lässt. Auch wenn man «In diesen heil‘gen Hallen» auch Zynismus hören mag, die Arie gehört auch wie die feierliche Sphäre der «Zauberflöte» insgesamt zur Utopie einer gesitteten Welt. Mozart wollte nicht die Logen abschaffen, sondern unter dem Namen «Grotta» eine bessere gründen.

Stark zu zweit

«Die Zauberflöte» ist das Werk der berühmtesten höchsten und tiefsten Töne. Der mit autoritärem Griff trumpfende Bass von Wilfried Staber passt sehr wohl zu einem Sarastro als reiner Negativfigur. Die Regie bereitet ihm ein böses Ende, das dem der Königin der Nacht nicht nachsteht. Deren spitze Pfeile verschiesst Yuko Kakuta mit Präzision, wobei sie, für das Rachefurioso nicht weniger wichtig, auch die Durchschlagskraft der tieferen Lage ausspielt. Für die lichtvolle Liebesutopie stehen Carly Owen mit geschmeidigem Sopran als Pamina und mit markigem, teilweise auch angestrengtem Tenor Christopher Diffey-Wilson. Berührend machen beide deutlich, in welche Lage sie die Prüfungssituation treibt, beinahe in den Selbstmord Pamina, zu – so zeigt sich hier deutlich – verzweifeltem Heldenmut Tamino: Klar wird, ohne sie wäre er verloren, aber zu zweit sind sie stark: «Wir wandeln durch des Tones Macht …»

Mytholgie, Patriarchats-Satire und Utopie

Die Figur, die gut und gern auf Heldenmut verzichtet, ist Papageno. Ip?a Ramaovi? macht aus ihm mit kernigem Bariton einen bodenständigen Kerl. Aber sein Vogelfänger-Lied klingt ein wenig forsch nach Marsch, und wenn er am Ende mit Szenefrisur problematischer Provenienz auftritt und sich mit Papagena um den Apfel streitet, scheint sich mit dem Glück der Utopie zugleich neues Unheil anzubahnen. Weitere tragen zum Bild aus Mytholgie, Patriarchats-Satire und Utopie bei, unter ihnen die drei deftigen Damen und mit musikalisch profilierem Einsatz und szenischer Präsenz vor allem auch der Winterthurer Theater Chor.

Der Dirigent des Heidelberger Ensembles Dieter Holm hat mit ihm, und erst recht mit dem Musikkollegium ein schönes, motiviertes und kompetentes Instrument für herausfordernde Tempi nach beiden Seiten hin und für präzisen und ausdrucksvollen Klang.

Weitere Aufführungen bis 28.9.: Mittwoch, Freitag und Samstag, je 19 Uhr, Theater Winterthur.

Erstellt: 22.09.2019, 15:41 Uhr

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