Klassik

Zwei originelle CDs des Musikkollegiums

Chefdirigent Thomas Zehetmair interpretiert Anton Bruckners 3. Sinfonie d-Moll in der zweiten Version von 1877, Mario Venzago liefert die erste digitale Einspielung von Othmar Schoecks Kantate «Vom Fischer un syner Fru» ab.

Das Resultat begeistert: Bruckners 3. Sinfonie, aufgenommen in der Stadtkirche Winterthur.

Das Resultat begeistert: Bruckners 3. Sinfonie, aufgenommen in der Stadtkirche Winterthur. Bild: PD

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Bruckner-Aufnahme in der Winterthurer Stadtkirche, das ist stimmig. Bruckner selbst war ein famoser Organist, ja er wurde gar Hoforganist in Wien. Und seine Sinfonien konstruierte er wie Kathedralen zu Ehren Gottes. Dennoch ist es erstaunlich, wie gut die Akustik der Stadtkirche bei den massiven Blechbläser-Partien in Bruckners 3. Sinfonie funktioniert, die neuartige dreidimensionale «2+2+2»-Aufnahmetechnik des Labels Musikproduktion Dabringhaus und Grimm (MDG) hat da eine Meisterleistung vollbracht.

Über 18 Jahre lang hat sich Bruckner mit seiner 3. Sinfonie d-Moll beschäftigt, die er dem verehrten Richard Wagner widmete. Drei von ihm autorisierte Versionen gibt es davon. Nach langem Ringen und den Selbstzweifeln hatte dann endlich die empfindlich gekürzte dritte Fassung von 1887/88 den erwünschten Konzert-Erfolg.

Chefdirigent Thomas Zehetmair hat sich für die Aufnahme mit dem Musikkollegium für die eher selten gespielte 2. Fassung von 1877 entschieden, die auch Bernard Haitink, einer der tiefsinnigsten Bruckner-Dirigenten, wegen ihrer formalen Ausgewogenheit bevorzugt. Hier offenbart sich erstmals der «originale» Bruckner-Stil: das Vernetzen mehrerer Motive, schroffe dynamische Kontraste, grandiose «blecherne» Choräle und ländlerhafte Seligkeit im Scherzo. Tänzerisches paart sich mit Monumentalem, und wie aus dem Nichts entfalten sich die weitatmigen Steigerungen.

Und tatsächlich wird vom Musikkollegium unter Zehetmair der ganze Bruckner plastisch ausmusiziert. Unglaublich die Zurücknahmen ins Pianissimo, aus dem sich die Musik allmählich entfaltet. Sehr schön das selig wirkende Miteinander von Dreier- und Zweierrhythmen im zweiten Thema des Kopfsatzes. Und dann diese Ruhe im Misterioso, das echt geheimnisvoll gelingt. Stimmig ist auch das Tempo im «Andante, feierlich, quasi Adagio», das elegant voranschreitet.

Doch bei allen Details, die man hier hört – auch der Gesamtklang mit den dynamischen Kontrasten ist phänomenal. Die Blechbläser klingen rund und prägnant, dominieren aber nicht so, dass die Tiefenwirkung darob verloren ginge. Weich und anschmiegsam erwidern die Holzbläser, die Streicher singen. Die neuartige 3D-Aufnahmetechnik vermag auch den Nachhall in der Kirche, das Raumgefühl überraschend echt zu vermitteln. Der authentische Konzertsaal-Klang ist ja das Ziel der MDG-Musikproduktion. Das Resultat begeistert.

Othmar Schoecks «Vom Fischer un syner Fru»

Mario Venzago kennt Othmar Schoecks Musik wie kein Zweiter. DieChorwerke hat er mit dem MDR Chor und Sinfonieorchester integral eingespielt; die CDs mit den Opern «Venus» und «Penthesilea» erhielten höchste Auszeichnungen. Im Mai dieses Jahres folgte dann die konzertante Aufführung der Oper «Schloss Dürande» in Bern, mit einem neuen Libretto des Schriftstellers Francesco Micieli, eine aufwändige Grosstat.

Das Musikkollegium Winterthur erinnerte letzte Saison in seinen Konzertprogrammen an die mäzenatischen Taten von Werner Reinhart (1884-1951), der auch Othmar Schoeck stark gefördert hat. Die Dramatische Kantate «Vom Fischer un syner Fru» hat Schoeck in enger Verbindung mit Reinhart geschrieben, ja er komponierte sie sogar teilweise in dessen Feriendomizil auf der «Fluh» in Maur am Greifensee. Uraufgeführt wurde das Werk am 3. Oktober 1930 an der Sächsischen Staatsoper Dresden. Venzago legt nun die erste digitale Einspielung dieses Werkes vor, in dem der Komponist das Grimm‘sche Märchen von der machtgierigen Frau des Fischers vertont. Dabei hält sich Venzago an die plattdeutsche Übertragung von Philipp Otto Runge, die Schoeck ursprünglich gewählt hatte. Die eigentümliche Schreibweise des Titels verweist darauf. Und tatsächlich verleiht das Plattdeutsche dem Stück eine volkstümlichere, ja archaische Note.

Schoeck selbst meinte, dass seine dramatische Kantate auch konzertant gut aufführbar sei, denn ihm war es wichtig, die dramatische Steigerung der immer noch gieriger werdenden Wünsche der Frau in der Musik anzulegen, als «Variationen & Fuge über ein ‚uraltes‘ Thema». Venzago und dem Musikkollegium Winterthur gelingt es, die lyrischen Orchesterpartien immer wieder mit dramatischer Verve zu brechen und die farblichen Reize der Instrumentierung verführerisch auszuspielen.

In den zunehmend komplexer werdenden Variationen illustriert das Orchester die immer dreisteren Wünsche der Frau, die ihr Mann dem Butt im Meer vorbringt und der sie auch erfüllt. Daraus entfaltet Venzago eine farblich schillernde, verinnerlichte Intensität, die die Sänger atmosphärisch trägt. So vermag Rachel Harnisch als «Fru» das Changieren zwischen lyrischem Gesang und virtuos exaltierten Intervallsprüngen ausdrucksstark zu gestalten.

Sehr einfühlsam zeigt sich auch Jörg Dürmüller als immer verzweifelter werdender «Fischer», er singt seine Tenor-Partie mit vielen Schattierungen und Farben. Dagegen setzt Jordan Shanahan die kurzen mächtigen Bass-Rufe des Butts aus der Tiefe des Meeres mit majestätischer Grösse. Insgesamt ein musikalisch reizvoller, engagiert interpretierter Schoeck, à la Venzago eben.


Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 3 d-Moll. Musikkollegium Winterthur, Ltg. Thomas Zehetmair (MDG 901 2090-6).– Othmar Schoeck: Vom Fischer un syner Fru. Rachel Harnisch, Sopran; Jörg Dürmüller, Tenor; Jordan Shanahan, Bass; Musikkollegium Winterthur, Ltg. Mario Venzago. (Claves, Rarities, CD 50-1815).
(Der Landbote)

Erstellt: 21.12.2018, 15:56 Uhr

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