Sommerserie

1968 lässt Arbeiter in Winterthur kalt

Die Rebellen von 1968 wollen die Welt umgestalten, mithilfe der revolutionären Arbeiterklasse. In Winterthur, der typischen Arbeiterstadt, bleibt der Aufstand aber aus. Die 68er stossen bei traditionellen Sozialdemokraten und Gewerkschaften sogar auf Widerstand.

«Die Welt ist seit 1968 nicht besser geworden. Und Donald Trump  lässt einen schon fast unseren  damaligen Buhmann Richard Nixon vermissen.» Viktor Giacobbo,  Komiker, wollte einst die Arbeiter mobilisieren.

«Die Welt ist seit 1968 nicht besser geworden. Und Donald Trump lässt einen schon fast unseren damaligen Buhmann Richard Nixon vermissen.» Viktor Giacobbo, Komiker, wollte einst die Arbeiter mobilisieren. Bild: Marc Dahinden

Sprechchöre und Tränengas, brennende Barrikaden und Schlagstöcke: Im Mai 1968 besetzen die Pariser Studenten die Strassen der Metropole. Die französische Arbeiterschaft streikt aus Solidarität. Die Staatsmacht wankt.

In Winterthur bleiben die Arbeiter von Sulzer, Rieter und Co. in diesen Wochen 1968 brav an ihren Werkbänken. Sie lassen sich von konsensorientierten Sozialdemokraten und Gewerkschaften vertreten. Erst einige Jahre später ziehen Demos durch die Stadt, mit dem merkwürdigen Slogan «Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!»

«Winterthur entsprach damals dem Klischeebild der biederen Arbeiterstadt, so wie es noch lange in den Köpfen hängen blieb», sagt Viktor Giacobbo, der Winterthurer Komiker und Fernsehstar. 1968 rollt eher gemächlich auf Winterthur zu und erreichte hier erst um 1972 einen Höhepunkt. Einen kleine Höhepunkt.

Mittendrin umtriebig Giacobbo. Er lernt Schriftsetzer, ist Mitglied in der Jugendgruppe des schweizerischen Typografenbunds. Diese Gewerkschaft bildet einen linken Gegenpol zum damals ebenso mächtigen wie systemkonformen SMUV (Metalarbeiterverband).

«Winterthur entsprach damals dem Klischeebild der biederen Arbeiterstadt»

«Für uns war diese Gewerkschaft ein bürgerliches Schosshündchen», sagt Giacobbo. «Wir Schriftsetzer hielten uns für fortschrittlicher, belesen und waren darauf sehr stolz.»

Die Typografen-Jugendgruppe lädt in diesen Jahren einen Mann der PdA (der kommunistischen Partei der Arbeit) zu einer Veranstaltung ein. «Das gab Krach zwischen dem Typografenbund und dem SMUV», sagt Giacobbo.

Auch Henry Müller ist gelernter Schriftsetzer. «Das hat in der Arbeiterschaft Unsicherheit ausgelöst», sagt er zu 1968. Müller wird in diesem Jahr Präsident der SP-Sektion Töss. Das Arbeiterviertel zwischen Bahnlinien und Fabriken ist die Hochburg der traditionellen Sozialdemokraten und Gewerkschaften.

«Das hat nicht gut getan. Die Konflikte damals führten zur inneren Zerfleischung der SP und der Gewerkschaften». Henry Müller, ab 1968 Präsident der SP-Töss.

In den 1940er Jahren erreichte die SP hier einen Stimmenanteil von über 50 Prozent. Müller sagt: «Die Gewerkschaftsführer verhandelten mit den Unternehmen. Sie waren damit viel näher an der Realität als die jungen 68er mit ihren Utopien. Denen ging alles zu langsam.»

Die 68er vereinigten sich in Winterthur zum Kritischen Forum. Es versammelte junge Menschen mit revolutionären Überzeugungen. Sie standen links der damaligen SP — und traten ihr bei. Vor allem der Sektion Altstadt-Mattenbach. Auch Giacobbo.

Sie hofften die Sozialdemokratie von innen zu verändern. «Die wollten das Zepter übernehmen», sagt Müller. «Es gab harte und sogar verletzende Diskussionen. Bald war die Situation vergiftet». Manche altgediente Parteimitglieder fühlten sich in der SP Altstadt nicht mehr wohl. «Von den 68ern wurden sie belächelt. So wechselten einige in die Sektion Töss.»

«Es gab harte und sogar verletzende Diskussionen. Bald war die Situation vergiftet»Henry Müller

«Wir hatten lange Haare, haben uns gerne auf den Boden gesetzt, wir sind durch ganz Südfrankreich getrampt, gingen auf Rockkonzerte und lernten dort Frauen kennen. Das wichtiger als der Marxismus.»

So beschreibt Giacobbo die Stimmung unter den jungen 68ern. Von den traditionellen Winterthurer Arbeiterinnen und Arbeiter in ihren Reihenhäusern und Genossenschaftswohnungen trennten sie Welten. Selbst wenn sie in solchen Häusern aufgewachsenen waren. So wie auch Giacobbo.

«Die 68er haben gerne provoziert und die Gegenseite geärgert», sagt Paul Lehmann, Bannerträger für eine autofreie Altstadt. Auch er sieht im Konflikt innerhalb der Gewerkschaften und der SP einen Kampf zwischen zwei Lebensformen «In der SP-Kneippe am Albanifest liefen damals Ländler. Die Jungen feierten darum in der Roten Laterne, der Bar der linksalternativen POCH (Progressive Organisation Schweiz).»

«Erinnern Sie sich, wie der Graben in der Altstadt aussah, als dort noch reihenweise Autos parkten?» Paul Lehmann, seit 1968 Vorkämpfer für eine autofreie Altstadt.

Die junge Generation lässt sich zwar sehr schnell von der 68er-Bewegung mitreissen. «Im Frühling 1968 fuhren einige Wirtschaftsstudenten der Uni Zürich zu einem Betriebsausflug nach Genf. Sie trugen dabei zum Teil noch ihre Konfirmandenanzüge.»

«In der SP-Kneippe am Albanifest liefen damals Ländler.»Paul Lehmann,
Politaktivist 1968

Lehmann zeigt ein Foto und sagt: «Schon im Herbst war ihr Haar gewachsen und ihre Beine steckten in Jeans.» Doch nur die wenigsten von diesen jungen Leuten, engagierten sich auch politisch. Das Kritische Forum zählte laut Lehmann höchstens 20 bis 30 Aktivisten.

Ein besonders erbitterter Konflikt entbrennt um die Winterthurer AZ, die Parteizeitung der SP und der Gewerkschaften. Die «Arbeiterzeitung» wird von der Genossenschaft Presseunion Winterthur herausgegeben. In den frühen 1970er macht sie grosse Verluste. Die Presseunion fanziert diese, in dem sie gut gelegene Liegenschaften verkauft.

Dagegen wehrt sich die Linke. «Die Zeitung schrieb eh nur konservativen Mist», sagt Paul Lehmann. Doch der Antrag, die Parteizeitung einzustellen, unterliegt schliesslich. Der Gegenspieler der Linken ist zu dieser Zeit Ernst Bühler, charismatischer Präsident der Presseunion sowie der SP Altstadt.

Er wird als Leitfigur der traditionellen Sozialdemokraten zum Buhmann der Linken. Und er sorgt dafür, dass Giacobbo und zwei seiner Freunde aus der SP ausgeschlossen werden.

Dennoch gelingt es den 68ern, auch in Winterthur junge Menschen für Demos zu mobilisieren. Besonders der Krieg der USA gegen vietnamesische Aufständische treibt die Jugend auf die Strasse, überall auf der Welt.

«Was hatten Sie an dieser Demo zu suchen?»

In Paris, New York und Berlin skandierten die Demonstranten den Namen des kommunistischen Führers von Nordvietnam. Zwischen 1972 und 1974 schallt es auch durch Winterthur: «Ho! Ho! Ho-Chi-Minh!»

Giacobbo ist dabei. Er arbeitet in dieser Zeit beim «Landboten» als Setzer und Korrektor. Nach der Demo zitiert ihn ein Lokalredaktor ins Büro: «Was hatten Sie an dieser Demo zu suchen?», herrscht er ihn an. Giacobbo ist dem Mann nicht einmal unterstellt.

Die Winterthurer Arbeiter indes lassen sich mit noch so viel «Ho-Ho-Ho» nicht aufrütteln. «Studenten aus Zürich, die alle besser zu wissen meinten, traten in Winterthur auf. Es waren richtige Oberschnorri», sagt Lehmann.

Unter ihrem Einflus schreiben die Aktivisten vom Kritischen Forum Flugblätter, mit eng gedruckten, theoretischen Texten. Giacobbo: «Die haben wir dann am Werktor von Sulzer verteilt. Kaum jemand las sie».

Je weniger die Aktivisten bewirken können, desto radikaler und verbissener werden einige von ihnen. Wegen eines harmlosen Spasses gegen die eigene Szene wird Giacobbo kritisiert. Darauf tritt er aus dem Kritischen Forum aus. «Die junge Linke wurde bald ebenso spiessig wie die Alten vor ihnen», sagt er heute.

Erstellt: 27.07.2018, 12:13 Uhr

Sommer 1968

Im Sommer vor 50 Jahren rebellierten weltweit vor allem junge Menschen. Sie wollten das kapitalistische System stürzen. Sie forderten eine freies, selbstgestaltetes Leben. In der Serie «Sommer 1968» blickt der «Landbote» zurück auf Winterthur ‘68.

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