Bahnausbau

2035 kommt der ÖV-Urknall

In zwei Wochen kommt der grösste Fahrplanwechsel seit langem. Doch der ist ein Klacks, gegen das, was die SBB bis 2035 plant. Dank Brüttener Tunnel explodiert die Zahl der schnellen Verbindungen zwischen Zürich und Winterthur.

48 Züge pro Stunde verlassen 2035 den Hauptbahnhof Winterthur. Wohin sie fahren zeigt, stark vereinfacht, die Grafik. Der Lesbarkeit halber wurden die meisten Zwischenstationen weggelassen. Ein Entwurf des vollständigen Netzplans findet sich auf www.zvv.ch/step2035.

Darauf haben die Pendler zwischen den zwei grossen Städten im Kanton seit langem gewartet: Ab 9. Dezember bekommt die schnelle und chronisch überfüllte S12 einen Zwilling, die S11. Der Viertelstundentakt zwischen Winterthur und Zürich wird Realität. Doch nach dem Fahrplanwechsel 2018 – der Zürcher Verkehrsverbund ZVV spricht jeweils von der «vierten Teilergänzung der S-Bahn» – wird lange lange nichts mehr passieren. Der Grund ist simpel: Die Infrastruktur ist voll ausgereizt. Für zusätzliche Züge fehlen schlicht die Gleise. Insbesondere im Flaschenhals Effretikon-Winterthur.

Doch der nächste grosse Sprung ist schon in Vorbereitung. Bundesrätin Doris Leuthard (CVP) hat das 12 Milliarden schwere Bahn-Ausbaupaket «Step 2035» vor drei Wochen vorgestellt. Das Parlament entscheidet Ende 2019 darüber. Der Kanton Zürich ist der grosse Profiteur dieser Tranche. Zwei Schlüsselprojekte sind im Kredit enthalten, der Brüttener Tunnel und das vierte Gleis im Bahnhof Stadelhofen. Was diese Infrastruktur für den Fahrgast der Zukunft heisst, darüber informierten der ZVV, die SBB und das Bundesamt für Verkehr am Donnerstagabend an einem Abendanlass in Zürich Oerlikon.

Die Bevölkerung wächst

Der Bedarf für die milliardenteure Investitionswelle, bezahlt aus dem Bahn-Infrastrukturfonds Fabi, ist kaum bestritten. Dominik Brühwiler, Leiter Verkehrsplanung des ZVV, legte dazu eine simple Grafik auf. Zwei bunte Linien zeigen steil nach oben: 33 Prozent mehr Einwohner werden im Kanton Zürich bis 2040 erwartet (verglichen mit 2010). Beim Verkehr rechnen die Statistiker sogar mit eine Zunahme von 45 Prozent. Mit Blick auf die täglich verstauten Strassen und Autobahnen wird rasch klar: Dieser Mehrverkehr wird zum grössten Teil über die Schiene bewältigt werden müssen.

Die Planer von ZVV und SBB haben bereits weit vorangeschrittene Pläne. Beim Brüttener Tunnel befindet man sich bereits mitten im Vorprojekt, obwohl das Bundesparlament den Kredit noch gar nicht abgesegnet hat. Der ehrgeizige Masterplan hat beim ZVV einen Namen: S-Bahn zweite Generation. Es ist, man kann es nicht anders sagen, ein eigentlicher ÖV-Urknall.

Nehmen wir den Bahnhof Winterthur. 2035 werden hier nach Planung des ZVV jede Stunde 48 Züge abfahren, also fast jede Minute einer. «Das sind mehr Züge als heute im Hauptbahnhof der Millionenstadt Wien abfahren», sagt Brühwiler.

In 15 Minuten in Zürich

Am markantesten ist die Zunahme der Verbindungen Richtung Zürich. Das fängt schon beim Fernverkehr an. Heute, und auch nach dem Fahrplanwechsel im Dezember, sind es vier Züge pro Stunde, die ausserdem in ungünstiger Bündelung verkehren. Jeweils drei Minuten (nach dem Fahrplanwechsel sind es sieben Minuten) liegen zwischen den Abfahrten, danach folgt ein längeres Loch. Künftig gibt es einen sauberen Viertelstundentakt. Und das gleich doppelt. Ein Viertelstundentakt via Flughafen und ein weiterer Viertelstundentakt auf der neuen Direktlinie. Weil diese nirgends halten muss und auf einer kürzeren Linie fährt, braucht sie nur noch 15 Minuten. Rekord! Die heutigen Fernbahnlinien brauchen 24 Minuten, die schnelle S12 immerhin 20.

Etwa zwei Minuten Zeitersparnis gehen direkt aufs Konto des Brüttener Tunnels. Er erspart den weiten Bogen über Effretikon. Der Rest der Zeitersparnis entsteht durch den Verzicht auf Stopps und die geografisch direkte Streckenführung über Wallisellen. Diese pfeilschnelle Verbindung ermöglicht auch, die Strecke Zürich-St.Gallen in unter einer Stunde zu schaffen.

«48 Züge pro Stunde werden von Winterthur abfahren. Das sind mehr als heute im Wiener Hauptbahnhof.»Dominik Brühwiler,
Leiter Verkehrsplaner ZVV

Der Brüttener Tunnel macht aber nicht nur diese acht Fernverkehrszüge möglich, er wird auch die neue Trasse für alle schnellen S-Bahn-Verbindungen über Stadelhofen. Die S11 und S12 erhalten ein weiteres Geschwisterchen, eine Art «Sprint-Zwölfer» (noch ohne Nummer) ohne Halt in Stettbach. Nochmals zum Mitdenken: Ab 2035 gibt es ab Winterthur stündlich 14 schnelle Verbindungen nach Zürich durch den Brüttener Tunnel, davon vier über den Flughafen.

Effretikon bleibt Knotenpunkt

Effretikon wird aber nicht einfach umfahren, es bleibt ein wichtiger Knoten, mit immerhin 26 Abfahrten pro Stunde. Vier S-Bahn-Linien mit Halbstundentakt verbinden Effretikon mit Winterthur, davon halten zwei auch in Kemptthal, das dadurch einen Viertelstundentakt erhält. Und Effretikon bleibt ein Tor zum Oberland. Eine direkte Verbindung von Winterthur ins Oberland wird es nämlich auch 2035 nicht geben.

Fürs Weinland ändert sich relativ wenig. Auf der Linie Winterthur-Schaffhausen werden zwei S-Bahnen jeweils im Halbstundentakt verkehren, wovon eine an allen Stationen hält, die andere nur in Andelfingen und Neuhausen. Auf der Strecke nach Stein am Rhein verkehrt eine S-Bahn im Halbstundentakt, eine zweite endet in Seuzach, das dadurch einen Viertelstundentakt erhält. Wer aus Seuzach nach Zürich pendelt, kann zweimal pro Stunde gleich sitzen bleiben und ist via Brüttener Tunnel rasch in der Kantonshauptstadt.

Die Zersiedelung stoppen

Trotzdem: Verglichen mit dem gewaltigen Ausbau zwischen Zürich und Winterthur wird das Angebot ins Umland von Winterthur nur wenig vergrössert. «Das ist politisch durchaus gewollt», verrät ein SBB-Mitarbeiter beim Apéro. Er verweist auf den kantonalen Richtplan, der das Bevölkerungswachstum in den Ballungsräumen konzentrieren will, um so der Zersiedelung Einhalt zu gebieten. Dass ein schneller S-Bahn-Anschluss nach Zürich die Bautätigkeit in den Landgemeinden durchaus ankurbelt, liess sich in den letzten Jahren zum Beispiel im Eulachtal beobachten, wo die Aussicht auf eine stündliche S12 die Landpreise kräftig ansteigen liess.

Für die Elgger oder Aadorfer ändert sich allerdings 2035 nicht viel: Es bleibt beim Halbstundentakt Richtung Winterthur. Ihre Linie wird nach Planung des ZVV via Effretikon und Oerlikon nach Zürich weiterfahren, was die Fahrzeit zum Zürcher Hauptbahnhof um wenige Minuten verlängert. Im unteren Tösstal wird in Stosszeiten ebenfalls halbstündlich eine S-Bahn Richtung Zürich fahren, via Effretikon und Flughafen. Wer rascher nach Zürich will, kann in Winterthur umsteigen, es fahren ja alle paar Minuten schnelle Züge. Die eigentliche Tösstallinie verkehrt im Halbstundentakt bis Rüti.

Mit Zug von Töss nach Oberi

Es bleibt die Linie Richtung Bülach. Sie wird neu mit der Weinland-Linie nach Stein am Rhein zusammengehängt. Das erlaubt ganz neue innerstädtische S-Bahn-Fahrten. Zweimal pro Stunde kann man künftig von Wülflingen nach Oberwinterthur fahren, oder von Reutlingen nach Töss. A propos Reutlingen: dieser Quartierbahnhof, über dessen Schliessung auch schon diskutiert wurde, weil die Stadt das Geld für einen behindertengerechten Ausbau reut, ist fester Bestandteil der ZVV-Planung.

«Das Schönste an Winterthur ist der Schnellzug nach Zürich», pflegen Verächter der Eulachstadt zu stänkern. Für sie wird Winterthur ab 2035 also noch viel schöner. Winterthur-Fans werden erwidern, dass ihre Stadt alles hat, sogar einen See. Tatsächlich sind die Winterthurerinnen und Winterthurer bereits heute in knapp 20 Minuten am Zürichsee. In Zukunft brauchen sie dafür nicht mal auf den Fahrplan zu schauen.

Michael Graf (Landbote)

Erstellt: 23.11.2018, 19:32 Uhr

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