Winterthur

21-Jähriger soll für Faustschlag ins Gesicht ein halbes Jahr sitzen

Eine Gruppe junger Männer pöbelte am Hauptbahnhof Winterthur, einer schlug zu, und zwar hart. Das Bezirksgericht hat den Täter jetzt wegen versuchter schwerer Körperverletzung schuldig gesprochen – dieser will in Berufung gehen.

Mit welchen Konsequenzen muss man bei einem Faustschlag rechnen? Eine zentrale Frage im Prozess gegen den Jugendlichen. (Symbolbild)

Mit welchen Konsequenzen muss man bei einem Faustschlag rechnen? Eine zentrale Frage im Prozess gegen den Jugendlichen. (Symbolbild)

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Das Bezirksgericht hat am Donnerstag einen 21-jährigen Zürcher wegen versuchter schwerer Körperverletzung zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt, wovon er sechs Monate im Gefängnis absitzen soll.

Der Täter P.* rammte im Januar vor einem Jahr dem damals 30-jährigen U. in der Unterführung beim Hauptbahnhof seine Faust so stark ins Gesicht, dass dieser nieder sackte und liegen blieb, regungslos und blutend.

Schon im Halligalli hatte sich die Clique mit dem Türsteher angelegt, und es war zu Handgreiflichkeiten gekommen.

Bleibende Schäden zog U.* zwar trotz Schädel- und Kieferbrüchen und einer Gehirnerschütterung nicht davon. Doch zwei Wochen lang konnte er sich nur flüssig ernähren, drei Wochen war er arbeitsunfähig, vier Wochen hatte er Schmerzen und vier Monate lang war Sport für U. Tabu.

Dazu kommen mehrere Narben der Operation. Zwei stabilisierende Titanplatten mussten U. implantiert werden. Noch heute fühlen sich seiner linke Backe teils taub an.

Der Faustschlag ereignete sich bei der Auftiegsrampe zur Rudolfstrasse auf der Höhe des Kiosks.

Alkoholisiert und streitlustig

Wie aber kam zur Attacke? Durch einen Streit, der eskaliert war? Offenbar nicht. Der Täter P.*, bullig, aber vom Typ her jungenhaft, war am Samstagabend zuvor mit vier Kollegen im Club Halligalli unterwegs.

Schon dort hatten die fünf sich mit dem Türsteher angelegt, und es war zu Handgreiflichkeiten gekommen. Aufgeheizt-angetrunken zog die Clique zwischen 0 und 1 Uhr nachts weiter zum Bahnhof. Dort kam es in der Fussgängerunterfürhung beim HB – auf Höhe Kiosk bei der Aufstiegsrampe zur Rudolfstrasse – zum fatalen Faustschlag.

«Was dachten Sie denn, zu welchen Verletzungen ein solcher Schlag führen kann?» – «Zu blauen Flecken.»Dialog zwischen Richter und Angeklagtem

Das Vorgeplänkel lässt sich nicht mehr lässt sich nicht mehr im Detail rekonstruieren. Die Version des Täters vor Gericht: Erst habe er Schreie gehört und dann gesehen, wie sein Kollege (inzwischen im gleichen Fall wegen Beschimpfung respektive de facto Bespuckens verurteilt) vor U. stand. Er habe gesehen, wie dessen Begleiter mit der Bierflasche herumgefuchtelt habe, und deshalb seinem Kollgen «aus Notwehr» helfen wollen.

«Zügig» sei er dann auf U. zugesteuert und habe ihm den Faustschlag verpasst. «Was dachten Sie denn, zu welchen Verletzungen ein solcher Schlag ins Gesicht führen kann?», fragte Gerichtspräsident Andreas Oehler, der die Verhandlung führte.

«Zu blauen Flecken.» Aber heute wisse er es besser. Er bereue die Tat und entschuldige sich dafür bei seinem Opfer. Die Kernfrage des Prozesses blieb, ob P. bei seiner Attacke schwere Verletzungen des Opfers in Kauf genommen hatte oder nicht. Für die Staatsanwältin war klar: Er hatte. Sie forderte daher wegen versuchter schweren Körperverletzung eine Haftstrafe von zweieinhalb Jahren, davon ein Jahr unbedingt. «Dass er betrunken gewesen sei und aus Notwehr gehandelt habe, sind reine Schutzbehauptungen.»

Eine erfundene Notsituation

P.’s Verteidiger hingegen plädierte auf Freispruch. Dafür zog er zunächst ein Urteil von 2016 heran, in dem das Bundesgericht festhielt, dass ein Faustschlag ins Gesicht nicht automatisch als schwerer Körperverletzung taxiert werden könne, sondern auch als einfache. Sein Mandant habe zudem in der falschen Annahme gehandelt, dass sein Freund sich in einer Notsituation befunden habe.

Beiden Einwänden schenkten die Richter kein Gehör. «Sie wussten sehr wohl, was sie da taten, als sie so zuschlugen», mahnte Oehler an. Der Faustschlag ins Gesicht sei zwar spontan, aber gezielt und gewollt gewesen. Er habe bewusst schwere Verletzungen U.s in Kauf genommen, nur mit Glück habe dieser keine bleibenden Schäden erlitten.

«Sie haben aus völlig nichtigem Anlass zugeschlagen»Der Richter in der Urteilsbegründung

In einer Notsituation habe sein Freund ganz bestimmt nicht gesteckt, bei einem Verhältnis von 5 gegen 2 Personen – und zumal dieser später auch nicht ausgesagt habe, bedroht worden zu sein.

«Sie haben aus völlig nichtigem Anlass zugeschlagen», folgerte der Richter, dazu noch seitlich, raschen Schrittes, also ohne, dass das Opfer mit einem Schlag hätte rechnen können. Aufgrund des raschen Geständnisses, aufrichtiger Reue und weil schwere Verletzungen ausblieben, sei das Strafmass die unbedingte Gefängnisstrafe auf sechs Monate herabzusetzen.

Diese könne er sogar in Halbgefangenschaft absitzen, sofern er bis dahin einen Job gefunden habe, sagte der Richter. P. ist seit seiner Lehre im Detailhandel arbeitslos. Er wohnt noch immer zu Hause. Er wird wohl weder die Genugtuung von 7500 Franken noch die Prozessentschädigung von über 7000 Franken selber leisten können.

Ein fader Beigeschmack bleibt

Das Opfer, U., sieht in dem Urteil zumindest ein Teilerfolg – wegen des juristischen Vorspiels allerdings einen mit fadem Beigeschmack. Denn die Winterthurer Staatsanwaltschaft hatte ursprünglich einen Strafbefehl wegen einfacher Körperverletzung angefordert, und zwar um den Fall mit möglichst wenig Aufwand abzuschliessen, wie U. vermutet. Er engagierte daraufhin eine Anwältin, und das Verfahren wurde von der Staatsanwaltschaft IV, zuständig für sogenannte Kapitalverbrechen, neu aufgerollt.

Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen. Gleich nach der Urteilsverkündigung hat P.’s Verteidiger Berufung angemeldet (Der Landbote)

Erstellt: 13.10.2017, 11:30 Uhr

Das Bezirksgericht verurteilte den Mann zu 6 Monaten unbedingter Haft.

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