Fussball

5 zu 7 Erinnerungen

Wir stehen im Cup-Halbfinal! Auch der «Landbote» war natürlich vor Ort als das Wunder am Mittwoch seinen Lauf nahm. Gerne lassen wir zwei Redaktoren den denkwürdigen Abend nochmals aufleben.

Jonas Gabrieli

Eine Handvoll Berner empfangen vor dem Gästesektor die Fans aus Winterthur. Krawallbrüder? Mitnichten. Die Gastgeber geben sich freundlich und verteilen den Winterthurern Gratisbier. Weitere Geschenke der Berner an die Winterthurer waren an diesem Abend eigentlich nicht vorgesehen. Eigentlich.

«Hoffentlich gibt es keine Klatsche», denke ich, als ich vor dem Stadion im Nieselregen stehe. Die bisherigen Ergebnisse der Berner in dieser Cupsaison: 6:0, 7:1, 5:0. Das erste dieser Spiele fand auf der Schützenwiese in Winterthur statt. Gegner war damals der SC Veltheim. Ein böses Omen? Zur Pause steht es zwei zu null für die Berner, wie damals zu diesem Zeitpunkt auch gegen «Välte». «Hoffentlich gibt es keine Klatsche», denke ich.

Halbzeitpause. Vorsicht, die YB-Wurst spritzt und tropft beim Reinbeissen, warnt der Berner Kollege. Mutig gehe ich das Wagnis ein und bestelle am Grill die berühmte Stadionspezialität. Ausverkauft! Der Andrang für die vermeintliche YB-Pflichtaufgabe hat wohl überrascht. Dann also die weniger legendäre Variante, immerhin mit dem ausgefallenen Namen «Haubziitwurscht». Ausverkauft! Hungrig willige ich schliesslich auf eine 08/15-Kalbsbratwurst ein. Kriege ich noch eine Scheibe Brot? Ausverkauft!

Ein Journalist aus Bern fragt sich nach 90 Minuten, wie er den Spielbericht am Ende wohl be­titeln soll. Er schwankt zwischen «Arroganter Auftritt» und «Unfassbar unsägliches Unvermögen». Nach dem Penaltyschiessen wird es Zweiteres. Wie YB in den letzten 30 Jahren.

Der Tag danach: Der Berner Fussballblog «Zum Runden Leder» bewirbt am Donnerstagmorgen um halb sieben einen Schnaps aus Dinhard (aus Berner Sicht quasi Winterthur), der durch einen «sehr klaren und konsequenten Abgang» bestechen soll. Das Fanradio Gelb-Schwarz postet auf Facebook ein wenig Literaturtheorie zur klassisch griechischen Tragödie und deren Aufbau.

Online können die YB-Fans bereits seit mehreren Jahren ein T-Shirt mit dem Aufdruck «Cupvertami» bestellen. In den Kommentarspalten verschiedener Medien verarbeiten die Anhänger ihr «Winterloo».





Jigme Garne

Cup-Achtelfinal 2011: Der FC Winterthur empfängt zu Hause die Young Boys aus Bern – und siegt überraschend im Elfmeterschiessen. Vor dem Anpfiff am Mittwoch zeigen die Gastgeber auf der Grossleinwand noch einmal die Höhepunkte der letzten Begegnung. Balsam für die vom Abstiegskampf geschundene FCW-Seele.

30 Minuten Wartezeit für ein Bier. Das haben die Winti-Fans bereits in Zürich und Schaffhausen erleben müssen. In Bern bemerkt man den Klassenunterschied beim Catering, die Biere werden entgegen allen Klischees zackig gezapft. Ein «Chopfab» gibt es aber nur auf dem Rasen.

Einen trifft es immer: Beim Stand von 2:0, wir haben alle Hoffnung längst aufgegeben, geht Kollege M. auf die Toilette und Bier holen – und prompt fallen die beiden FCW-Tore. Weil sich die Winterthurer ab da mit Händen und Füssen gegen die Berner Angriffe wehren müssen, ist für uns klar: M., du bleibst ab jetzt auf dem Klo! Wenn nichts mehr hilft, hilft der Aberglaube.

«YB isch nervös, YB isch nervös», singen die Winterthurer Fans nach dem 2:2-Ausgleich lautstark und analysieren die Lage auf dem Feld präzise. Als der Sieg feststeht, wird der Text kurzerhand angepasst. «YB häts probiert, YB häts probiert», hallt es durchs fast leere Stadion.

Bei verfeindeten Fangruppen ein Transparent oder eine Fahne zu stehlen, gilt als Heldentat. Gerne werden diese dann verkehrt herum im eigenen Fanblock aufgehängt. Eckfahnen mitlaufen zu lassen, ist eher ungewöhnlich, geschieht aber im Siegestaumel. Ein nicht näher genannter Winti-Spieler verschwindet mit der neongelben Fahne in der Hand in Richtung Kabine. «Lasst uns doch wenigstens die Fahne», schreit ein YB-Fan von der Tribüne vergeblich.

Bahnhöfe sind meistens gut ausgeschildert. Am Mittwochabend wird der Weg allerdings zum Spiessrutenlauf. Polizisten in Kampfmontur und Gitterzäune versperren den Weg. Plötzlich: ein Schlupfloch! Wir wollen aufs Gleis 4 in Richtung Bern. Doch zu früh gefreut, der Perron ist komplett abgeriegelt, der Zug fährt ohne uns ab.

Im Extrazug nach Winterthur ist die Stimmung ohnehin besser. Trotz malträtierten Stimmbändern singen die Fans weiterhin. Auf den Tischchen stehen Aschenbecher bereit. Zu Radio Stadtfilter sagt einer: «Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob wir gewonnen haben, zu Hause muss ich erst einmal ‹Sport aktuell› schauen, um das Resultat bestätigt zu haben.»

Es ist wirklich passiert! Die Spielzusammenfassung aus «Sport aktuell».

Erstellt: 03.03.2017, 10:57 Uhr

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