Winterthur

Apps bereiten Blinden Probleme

Das Handy ist für den Blinden Stefan Hofmann das wichtigste Hilfsmittel. Ihn nervt, dass viele Apps noch nicht blindengerecht sind.

Für Stefan Hofmann ist das iPhone «Terminkalender, Fahrplan, Kommunikationsmittel, Internet, Fernseher und Radio zugleich».
Video: Fabian Röthlisberger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Das ist meine Sekretärin in der Hosentasche», sagt Stefan Hofmann und streckt sein iPhone vor. Der 49-jährige Blinde ist der Gründer des schweizweit ersten Ladens mit blinden Verkäuferinnen und Verkäufern in Winterthur («Landbote» vom 13. Februar). Obwohl etwa der Blindenstock oder die Brailletastatur für ihn sehr hilfreich sind, ist das Smartphone sein grösster Helfer im Alltag. «Das iPhone ist mein Terminkalender, Fahrplan, Kommunikationsmittel, Internet, Fernseher und Radio zugleich», sagt er.

Mit der eingebauten «Voice-Over»-Funktion kann er das Handy so schnell und vielseitig bedienen wie Sehende. Die Sprechhilfe liest ihm alles vor, was auf dem Bildschirm steht. Der Bildschirm aber ist schwarz, Hofmann hat einen sogenannten Bildschirmvorhang aktiviert. Damit hält sein Akku um einiges länger als üblich.

Er führt das Gerät zum Ohr und demonstriert, wie er E-Mails abruft. «Ich richte mir an gewissen Stellen auf dem Bildschirm Orientierungspunkte ein. Links oben sind immer die ‹Kontakte›, rechts oben die ‹Nachrichten› und unten auf dem Dockdas ‹Telefon›, ‹Mail›, ‹Musik› und ‹Safari›.»

Mit Tippen und Wischen

Um seine E-Mails zu lesen, fährt er mit der Hand über das Dock, bis ihm die Computerstimme die gewünschte App vorliest. Ein Doppeltipp öffnet die Applikation. In Windeseile wischt er sich durch seinen Posteingang: Er doppeltippt, um sich ein Mail vorlesen zu lassen, tippt rechts oben, um zurück in die Übersicht zu gelangen, oder wischt nach rechts, um das nächste Mail zu lesen. «Praktisch ist, dass ich das Sprechtempo selbst einstellen kann», sagt Hofmann. Wenn er ein Mail nur kurz überfliegen möchte, hört er es im doppelten Sprechtempo ab.

Viele Apps sind nicht blindengerecht

Trotzdem gibt es für Leute wie Hofmann noch einige Hürden, denn viele Apps sind nicht blindengerecht. Das Problem dabei: Gewisse Grafiken in den Apps, insbesondere der Menüknopf, sind für Blinde nicht korrekt beschriftet. Meistens ertönt beim Anklicken des Menüknopfs nur ein nichtssagendes «Taste». Sich durch eine App navigieren wird für Blinde so zum Zufallsspiel. Das nervt Hofmann: «Ich tippe nicht einfach auf eine ‹Taste›, denn ich will wissen, was ich damit auslöse.»

Stefan Hofmann, will wissen, was er auslöst, wenn er auf eine Taste drückt

Hinzu kommt, dass Apps für Blinde wichtiger sind als Websites, da die Apps weniger oft aktualisiert werden. «Wenn eine Website einen neuen Aufbau hat, muss ich mich jedes Mal wieder neu orientieren», sagt Hofmann.

Für ihn ist die Lösung klar: «Das Bewusstsein bei den App-Entwicklern für die 350 000 Sehbehinderten in der Schweiz muss gestärkt werden.» Wenn diese von Beginn weg Wesentliches beschriften würden, könnten Blinde um einiges einfacher durch die Apps navigieren.

Apple ist Vorreiter

Dass Hofmann seinen Alltag mit einem iPhone bestreitet und nicht etwa mit einem Samsung Galaxy hat seine Gründe: Apple hat im Vergleich zu anderen Anbietern strengere Vorgaben, was die Barrierefreiheit von Apps betrifft, die im App Store angeboten werden dürfen. Darum sind auch beinahe alle Apps mit «Voice-Over» kompatibel. «Das ist ein grosser Vorteil für uns», sagt Hofmann.

Bei einem Smartphone von Samsung müsste er für eine Sprechhilfe beispielsweise eine Zusatzsoftware herunterladen. «Sobald es Updates gibt, kann es sein, dass ich mich wieder komplett neu orientieren muss.» Weil das Handy für ihn ein Arbeitsgerät ist, muss es verlässlich und unkompliziert sein: «Wenn es 20 Minuten dauert, bis ich einen Termin erfasst habe, dann sind das 15 Minuten zu viel.»

Erstellt: 23.02.2018, 11:45 Uhr

Nützliche Apps für Blinde


  • Chroma erkennt über die iPhone-Kamera die Farbe von Gegenständen und teilt sie mit

  • Audible liest Bücher vor und ist in der Bedienung zu 100 Prozent blindengerecht

  • Lumio erkennt Lichtquellen und sagt, wie hell es im Raum ist

  • Greta liefert gesprochene Beschreibungen von Kinofilmen

  • SayText scannt über die Kamera Texte ein und liest sie vor

  • AroundMe lokalisiert und liest Orientierungspunkte vor

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.