Ausstellung

Auch die farbige Welt ist vergänglich

Für die Digitalisierung werden die Entwicklung der Farbfotografie und des Farbfilms erforscht. Das Fotomuseum möchte dies zum ästhetischen Ereignis machen. Das gelingt nur teilweise.

Bilder aus dem Film «The Open Road» von Claude Friese-Greene, Grossbritannien 1925. National Science and Media Museum Bradford.

Bilder aus dem Film «The Open Road» von Claude Friese-Greene, Grossbritannien 1925. National Science and Media Museum Bradford. Bild: Josephine Diecke, SNSF Film Colors, und Joëlle Kost, ERC Advanced Grant FilmColors.

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Es ist einiges vorhanden in dieser Ausstellung, das seinen Reiz hat. Aufnahmen von einer Gletscherschlucht und Postkarten mit Alpenblumen, beide über hundert Jahre alt, gestochen scharf und von einer fantastischen Klarheit. Sie stammen aus der Schweizer Fotostiftung und scheinen dem Damoklesschwert entkommen zu sein, das über Fotografien wie Filmen, seien sie nun farbig oder nicht, hängt: Sie vergehen mit der Zeit.

Dann sind da die Kunstwerke, riesige Fotogramme von Raphael Hefti etwa, die mit kleinen Explosionen erzeugt wurden, und Stoffbahnen aus Baumwolle von Alexandra Navratil, auch sie grossformatig und von der Decke hängend. Oder eine hübsche Film-Doppelprojektion derselben Künstlerin, mit sich langsam verändernden Formen auf der einen und Texten auf der anderen Seite. Die Formen sind laut Saaltext Farbschablonen der französischen Filmproduktionsfirma Pathé. Abgesehen von einem Gelbton sind sie farblos. Diese Arbeit sei, heisst es weiter, «auf konzeptioneller Ebene farbgeladen».

Material aus der Forschung

Die akademische Formulierung weist auf das Dilemma dieser Ausstellung hin: Die eindrücklichen Exponate können nicht darüber hinwegtäuschen, dass man bereit sein muss, sich anhand des vorliegenden Materials selbst in das Thema einzuarbeiten. Die wechselseitige Beeinflussung von Fotografie und Film und die sie bedingende technische Entwicklung wird vor allem auf einem Zeitstrahl hergestellt, der von 1800 bis 1986 reicht.

Die Ausstellung ist aus Forschungsprojekten der Zürcher Filmwissenschaftlerin Barbara Flückiger hervorgegangen und möchte «die Geschichte des Materials Farbe in Fotografie und Film» aufzeigen; kuratiert wurde sie von Eva Hielscher, einer Mitarbeiterin von Flückiger, und Museumsdirektorin Nadine Wietlisbach. «Color Mania»: Der akademischen Fragestellung zum Trotz, suggeriert der Ausstellungstitel, dass der Einsatz der Farbe etwas Verrücktes, Süchtigmachendes an sich habe, von dem man unweigerlich angesteckt werde. «Winterthur im Farbrausch»: Der Satz leitet im Pressetext die Liste der Veranstaltungen ein, die parallel zur Ausstellung stattfinden.

Nun, wer schon eine Ansteckung mit dem Thema mitbringt, kann seine Kenntnisse hier sicher vertiefen. Mit den Farbmustern der deutschen Firma Agfa von 1925 zum Beispiel. Mit der Filmbildersammlung von Gert Koshofer, dem deutschen Autor, der in den 1960er- und 1970er-Jahren in der Marketing-Abteilung von Agfa arbeitete und zwei Standardwerke zur Farbfotografie und zu den Farben im Film verfasst hat. Oder mit den Funden aus der Geschichte des Farbfilms in der 21-minütigen Kompilation «Film Colors», in der Hielscher und Martin Weiss Filmausschnitte und Zitate zusammenmontiert haben.

Eskimos auf dem Trampolin

Für alle anderen dürfte der Charme der Wissenschaft weiterhin spröde bleiben. Aber sie werden hier dennoch fündig. Mit den grossformatigen, aber nichtssagenden Bildern aus handkolorierten Nitratfilmen, die die linksseitige Wand im ersten Saal füllen, braucht man sich nicht lange aufzuhalten. Stattdessen kann man sich an die Filmaufnahmen der Süd- und Nordpol-Expeditionen von Roald Amundsen halten, die später für Vorträge koloriert wurden. Der Himmel ist hier zart blau getönt, und ständig «blitzt» es, man sieht die Eskimos beim Trampolinspringen. Ästhetische Höhepunkte der Ausstellung sind die knallig inszenierten Architektur-Landschaften der amerikanischen Künstlerin Barbara Kasten und Alexandra Navratils «All That Slides, Strikes, Rises and Falls». Die Aufnahmen von Kasten zeigen futuristisch anmutende Landschaften, die auf den ersten Blick wie Collagen wirken, indessen komplett analog entstanden sind – mit Hilfe von Spiegelungen. Wenn man dann liest, dass das Herstellungsverfahren ursprünglich aus dem Farbfilm stammt, so versteht man, warum die Fotos so plastisch leuchten.

Flüchtig wie die Wolken

Als eine Art Trompe-l’oeil funktionieren die grossformatigen Baumwollstoffbahnen von Navratil: Von weitem könnte man das, was da von der Decke hängt, für Filmstreifen halten. Wenn man nahe herantritt, erkennt man, dass sie gewoben wurden. Man würde sie dann am liebsten anfassen und die Muster mit den Händen «lesen».

Die Arbeit verweist auf die Cellulose, ein Pulver, das in nicht nur in Textilstoffen wie Baumwolle vorkommt, sondern auch in Zelluloidfilmen und in den Anilinfarben, die der Firma Agfa (für «Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrication») den Namen gaben. Als Motiv verwendete Navratil Wolken aus nichtfiktionalen Stummfilmen – ein schöner Hinweis auf die Flüchtigkeit des Materials.

Um die alten Fotografien und Filme, die unweigerlich irgendwann zerfallen sein werden, für die Nachwelt zu erhalten, werden sie heute möglichst umfassend digitalisiert. Dazu muss man das Material kennen, aus dem sie bestehen: So kam die Filmwissenschaftlerin Barbara Flückiger zu ihrem Forschungsthema, wie sie an der Medienführung erklärte.

Fotomuseum Winterthur, Grüzenstrasse 44. Bis 24.11.

Erstellt: 13.09.2019, 14:15 Uhr

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