Bettag

«Auch wir Katholiken feiern die Reformation»

Die beiden Pfarrer Hugo Gehring und Markus Vogt klären im Interview, was die Katholiken noch von den den Reformierten lernen können, gerade auch bei der Frauenfrage und bei der Frage des Zölibats.

Nicht von oben herab: Die Pfarrer Markus Vogt (l.) und Hugo Gehring begegnen sich auf Augenhöhe.

Nicht von oben herab: Die Pfarrer Markus Vogt (l.) und Hugo Gehring begegnen sich auf Augenhöhe. Bild: Marc Dahinden

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«Weil wir Grund haben» lautet das Motto des Festgottesdienstes, den Landeskirchen und Freikirchen morgen auf dem Neumarkt feiern. Grund wozu? Grund zu beten?
Hugo Gehring: «Grund» hat hier eine zweifache Bedeutung, diejenige des Bodens im Sinne der gemeinsamen christlichen Werte und Ziele, die uns lokalen Kirchen verbinden. Anderseits spielt es auf den Grund an, warum wir zusammenkommen: Um «500 Jahre Reformation» zu feiern. Markus Vogt: «Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist», schreibt Paulus in seinem Korinther-Brief. Und das ist? Jesus Christus! Dass wir den Auftakt der Winterthurer Aktivitäten zu 500 Jahre Reformation zusammen mit den anderen Kirchen feiern können, ist natürlich ein sehr schönes Zeichen dafür.

«Wir glauben nicht, dass die Erde in sechs Tagen entstanden ist, wie es in der Genesis beschrieben wird.» Markus Vogt,
Pfarrer reformierte Kirchgemeinde Mattenbach

Herr Gehring, die Reformation löste auch blutige jahrelange Konfessionskriege aus, die katholische Kirche verlor ihr Machtmonopol, die Kirchen sind noch immer getrennt. Wie können Sie da die Reformation feiern?
Gehring: Sehr bewusst! Zu Luthers Zeiten war die Zeit tatsächlich reif für Reformen. Rückblickend sind die Anliegen der Reformatoren durchaus berechtigt. Wenn es innerhalb einer so so mächtigen geistlichen Institution – die sich teils durchaus dekadent gebärte – ein Korrektiv gibt, dann ist das grundsätzlich gut so. Postulate wie «Vorrang für Schrift, Glaube und Gnade» waren durchaus richtig.

Vogt; Die Reformatoren wollten wieder möglichst nah zurück zur Schrift, zurück zur Quelle, das war die ursprüngliche Motivation.

Gehring: Traurig ist nur, dass die Reformation zur Spaltung führte.

Der Vatikan anerkennt die Protestanten nach wie vor nur als «religiöse Gemeinschaften»...
Vogt: Ja, das tut weh und dagegen wehren wir uns auch. Aber wir können dies schon richtig einordnen. An der Basis funktionieren wir ja zusammen, auf lokaler Ebene ziehen wir an einem Strick und begegnen uns auf Augenhöhe. Daran halten wir uns fest.

Waren Sie schon einmal im Vatikan?
Vogt: Ja, im Petersdom. Sehr beeindruckend, eine grosse kulturelle Leistung!

«Wir Theologen stellen nicht nur die Frage nach dem Wie und Was, sondern auch nach dem Warum.»Hugo Gehring,
Pfarrer römisch-katholische Kirchgemeinde Winterthur

Mit welchen Augen verfolgen Sie Themen wie den Missbrauchsskandal, den der Vatikan gerade aufarbeiten muss?
Vogt: Nicht intensiver als andere Themen, doch es macht einen natürlich zutiefst betroffen. Ich traue der katholischen Kirche allerdings zu, dass sie die Sache nun ernsthaft aufarbeitet.

Herr Gehring, ist es nicht allerhöchste Zeit, das Zölibat aufzugeben?
Gehring: Das flächendeckende Pflicht-Zölibat ist abzuschaffen, ganz bestimmt. Aber es soll weiterhin Gruppen geben, wie Mönchsbruderschaften, die sexuell enthaltsam leben, und dies aus einer freien Entscheidung heraus. Wenn man jedoch etwas über Jahre verdrängt, kommt es irgendwann krankhaft wieder. Hinzu kommt: Wer die Sexualität per se verteufelt und behauptet, Sakramente darf nur spenden, wer sexuell abstinent lebt und damit kultisch rein ist, der beleidigt im Grunde genommen den Wert der Schöpfung.

Eine progressive Sicht der Dinge. Sollen Frauen auch predigen?
Gehring: Selbstverständlich, das tun sie in unserer Kirchgemeinde schon so oft wie möglich. Wir loten hier gerne die Grenzen aus. Dass wir Protestanten diese Frage bereits gelöst haben, basiert auf reformatorischen Einsichten zur Freiheit des Glaubens. Bald jede zweite Pfarrstelle ist von einer Frau besetzt. Das ist erfreulich, darauf sind wir stolz, darauf sind wir stolz. Für die individuelle Entscheidungsfreiheit, auch bei der Wahl der Lebensform, sind die Reformatoren seit jeher eingestanden.

Mit im Boot morgen sind auch die Freikirchen. Sind mit ihnen die Schnittstellen genau so gross oder spekulieren Sie einfach einen gut gefüllten Neumarkt?
Gehring: Wir wollen – mittlerweile als Minderheit – zusammenstehen, um für diese Stadt ein Zeugnis abzulegen, für die Armen und Schwachen einzustehen und ihnen das Zeichen zu geben: Gott liebt euch!

Vogt: Genau, denn nochmals, mit Jesus Christus haben wir ein starkes gemeinsames Fundament, auf dem wir aufbauen können.

Gehring: Darüber, wie man einen Gottesdienst gut inszeniert, können wir Landeskirchen von den Freikirchen noch viel lernen. Ohne ihr technisches und logistisches Knowhow und Material wäre ein Openair-Bettag in diesem Rahmen nicht möglich, das ist so. Würden wir gemeinsam einen Bibelabend durchführen, wären die inhaltlichen Differenzen wahrscheinlich recht gross.

In welchen Fragen denn?
Gehring: In Fragen zur Schöpfung und zur Evolution zum Beispiel.

Die Genesis oder die Geschichte von Adam und Eva, beides reine Mären?
Vogt: Keine Mär, aber wir glauben nicht, dass die Erde in sechs Tagen entstanden ist, wie es in der Genesis beschrieben wird. Auch die Geschichte von Adam und Eva ist in erster Linie ein Sinnbild dafür, wie die Menschheit entstanden ist. Sie zeigt die Urkonflikte auf, stellt Fragen nach Schuld und Unschuld oder nach den menschlichen Irrtümern.

Sie glauben also an den Urknall?
Gehring: Selbstverständlich gehe ich, davon aus, dass die Urknall-Theorie stimmt. Aber wir Theologen stellen nicht nur die Frage nach dem Wie und Was, sondern auch nach dem Warum.

Dass es nur einen Schöpfergott gibt, das glauben auch Juden und Muslime. Warum sind sie nicht zum Bettag eingeladen?
Vogt: Zum 500 Jahr-Jubiläum der Reformation würde ein solches Treffen wohl nicht ganz passen. Und auch der Bettag steht historisch gesehen in einer sehr christlichen Tradition.

Gehring: Leider gibt es noch keine geeignete Plattform, bei der wir uns hätten kennenlernen können. Zum Friedensgebet im Rathausdurchgang waren die Moscheevereine eingeladen, gekommen ist leider niemand.

In einer Woche kommt der Dalai Lama zu Besuch.
Vogt: Darüber freue ich mich. Er ist eine starke Stimme für den Frieden.

Gehring: Er ist die derzeit stärkste spirituelle Autorität weltweit. Die Leute sehen ihn und denken: «Bei dem stimmts!».

«Weil wir Grund haben»: Festgottesdienst und überkonfessionelle Feier mit Friedensmahl, Sonntag 11 Uhr auf dem Neumarkt

Erstellt: 14.09.2018, 12:51 Uhr

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